Bayern Als die CSU ihre Liste für die Landtagswahl bestimmte, war Kiechle nicht mal eingeladen

Politik ist ein Handwerk, das man lernen muss, das geht nicht in wenigen Wochen. Ständig fällt Kiechle auf, weil sie rührend unbeleckt ist von politischer Konvention. Einmal beklatscht sie im Landtag begeistert die Rede eines SPD-Abgeordneten - zur Verstörung ihrer CSU-Kollegen. Bei einem Bierzelt-Auftritt kämpft sie sehr offensichtlich mit dem Text der Bayernhymne. Ist es schlimm, wenn eine bayerische Ministerin die Bayernhymne nicht kennt? Es macht es ihr jedenfalls nicht leichter.

Bei einer Pressekonferenz in Nürnberg wird Kiechle nach dem Grundstückspreis für das neue Uni-Gelände gefragt. 90 000 Euro, antwortet sie. Söder, der neben Kiechle steht, muss zur Rettung eilen: Es sind 90 Millionen. Söder dürfte da schon ahnen, dass er nicht gerade ein politisches Naturtalent verpflichtet hat.

Wenn Kiechle über die Landtagswahl im Oktober spricht, äußert sie stets große Zuversicht, ein Mandat erringen zu können. Aber ob sie nun einen Listenplatz bekommt oder gar in einem Direktwahlkreis antreten darf, das vermag sie zunächst nicht zweifelsfrei zu sagen. Es ist dann ein Listenplatz, der in diesem Jahr als fast chancenlos gilt. Als die Oberbayern-CSU diese Liste aufstellt, bemerken die Delegierten mitten in der Sitzung: Kiechle ist nicht da. Niemand hatte sie eingeladen. Sie wird herbeitelefoniert, rechtzeitig zum Gruppenfoto der Kandidaten trifft sie ein.

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Kiechle ist der CSU inzwischen beigetreten, die Partei erwidert diese Liebesbezeugung nicht. "Seiteneinsteiger sind speziell in der Landtagsfraktion nicht beliebt", erklärt ein CSU-Mann. "Sie sind der natürliche Feind des Abgeordneten, der sich ja selbst als potenzieller Minister fühlt." Kiechle tue jedoch auch wenig, um die Skeptiker zu überzeugen. "Man muss auf die Leute zugehen." Nicht nur dafür fehlt ihr offenbar das Gespür. Zu Abgeordneten sagt sie demnach einmal, dass nicht jedes Kuhkaff ein Krankenhaus brauche. Die Meinung kann man vertreten, aber besser nicht in dieser Wortwahl gegenüber Leuten, die in Kuhkäffern gewählt werden wollen. Die Landtags-CSU und ihre Ministerin begegnen sich fortan noch etwas weniger unbefangen.

Auch anderswo zeichnet sich eine gewisse Isolation ab. Als das bayerische Kabinett in Brüssel tagt, sitzt Kiechle für sich am Tisch, während die Kollegen plaudern. Wenn sie Nähe sucht, dann die von Söder. Sie wirkt fixiert auf den Mann, der sie zur Ministerin gemacht hat und der nach der Wahl über ihre Weiterbeschäftigung entscheidet. Dauernd beruft sie sich auf "unseren Ministerpräsidenten". Der Charme der Unabhängigkeit ist so schnell verflogen.

Es gibt aber durchaus Leute, die Kiechle verteidigen. Ein Ministerialer sagt: "Sie wird zu hart bewertet, das hat sie nicht verdient. Vielleicht ist das eine besondere Ungnädigkeit gegenüber Frauen. Bei den Männern sind auch Pfeifen dabei, die keinen geraden Satz sagen können." Und tatsächlich riecht manche Spitze gegen Kiechle arg nach Dünkel - etwa wenn ein Hochschulpräsident die Nase rümpft, weil Kiechle ein eher sportliches Outfit trägt.

Die Göttin in Weiß bekam Gegenwind

Ein anderer Beobachter, der ihr wohlgesonnen ist, sagt: "In der Klinik war sie eine Göttin in Weiß, jeder war auf sie angewiesen. Jetzt bekommt sie Gegenwind, damit kann sie schwer umgehen." Politik ist immer persönlich, man wird angenommen oder abgelehnt. Und besonders inbrünstig ist die Ablehnung unter Kulturleuten.

Kiechle ist Ministerin für Wissenschaft, das klingt stimmig. Sie ist aber auch Ministerin für Kunst, da wird es schwierig. "Die Kulturleute wollen gefühlt und gestreichelt werden", sagt einer, der die Szene kennt. Da ist Kiechle ein Totalausfall: Wenn sie gefragt wird, was sie mit Kunst verbinde, sagt sie gern, sie habe ja auch Bilder in der Praxis hängen. Schnell wächst in der Kulturszene die Bereitschaft, die Neue fürchterlich zu finden. Der Link zu einem Interview wird verschickt, in dem Kiechle in maximaler Allgemeinheit von Opern schwärmt und Mozart ziemlich gleichrangig mit Michael Jackson anführt. Als sie die letzte Premiere des Residenztheater-Intendanten Martin Kušej besucht, ruft dieser: "Schön, dass die Kunstministerin da ist. So lernen wir uns auch mal kennen."

In der CSU, und nicht nur dort, schwindet das Vertrauen, dass Kiechle noch in die Spur findet. Sie kämpft um ihr Amt, aber ihr fehlen die Mittel. Beim "Kulturbrunch" der CSU fragt ein Besucher, warum ein Kulturschaffender CSU wählen solle. Als Kiechle kein triftiger Grund einfällt, ergreift Generalsekretär Markus Blume das Wort. Im Sommer muss man von einer Dynamik gegen Kiechle reden, viele warten nur noch auf Fehler. Als sie ein paar Minuten zu spät zu einer Flugtaxi-Schau kommt, sagt Söder: "Auch schon da?"

Ein Verteidiger sagt: "Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie sie in zwei Jahren gewesen wäre. Wenn sie Zeit gehabt hätte, ins Amt zu wachsen." Aber diese Zeit hat Kiechle nicht. Sie hat nur sieben Monate, und die im Ausnahmezustand eines Landtagswahlkampfes. "Sie hatte eigentlich nicht wirklich eine Chance."

Kiechles Scheitern ist jedenfalls auch Söders Scheitern. Söder richtet seine Politik immer auf Effekt aus, und Kiechle versprach größtmöglichen Effekt: eine weiblichere, weltläufigere CSU. Hat Söder die Widerstandskräfte seiner Parteifreunde unterschätzt? Hat er Kiechle überschätzt?

Ohne einen Tag Pause kehrt Kiechle zurück in ihren alten Job in der Uniklinik. Bei Instagram schreibt sie: "Bin überwältigt von all den Freudentränen meiner Mitarbeiter und Patientinnen." In ihrer Email-Signatur steht: "Staatsministerin a.D.".

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