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Pleinfeld:Wie es um das Fränkische Seenland steht

Der Große Brombachsee ist das Zentrum des Fränkischen Seenlandes. Vor 30 Jahren wurde er geflutet. Der erhoffte Aufschwung des Tourismus blieb bisher aus.

(Foto: Limes Luftbild)
  • Vor 30 Jahren wurde das Fränkische Seenland eröffnet. Das Projekt war als Wasserausgleichssystem konzipiert und sollte den Tourismus fördern.
  • Weil die Seen erst künstlich erzeugt wurden, fehlt es an gewachsener Struktur wie traditionellen Gaststätten oder Hotels.
  • Deshalb sind die Einnahmen aus dem Tourismus lange nicht so hoch, wie einmal erhofft.

Von Jan Stephan, Pleinfeld

Es ist diesem See nicht anzusehen, dass er mal ein Bach war. Sehr blau schmiegt er sich in die fränkische Hügellandschaft zwischen Spalt und Weißenburg. Ein Blick vom Damm bei Pleinfeld zeigt das Kernstück dieses milliardenschweren Reißbrettprojekts: Großer Brombachsee, Kleiner Brombachsee, Igelsbachsee. Zwölf Quadratkilometer Wasser, wo in den 1960er-Jahren ein Tal war. Bach, Felder, Mühlen, Fachwerk, so sah es damals aus. Franken eben. Und jetzt Wasser - das Fränkische Seenland eben.

In diesem Jahr wird das 30. Jubiläum gefeiert, am 1. August 1986 weihte der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß den Kleinen Brombachsee offiziell ein. Das Projekt war als Wasserausgleichssystem konzipiert, das den trockenen Norden mit dem feuchten Süden Bayerns verbindet. Fünf Seen und einen Kanal brauchte es, um die Europäische Wasserscheide zu überwinden. Der Tourismus sollte ein Nebeneffekt sein, gekommen ist es andersherum.

Aus wasserwirtschaftlicher Sicht würde das Seenland heute niemand mehr bauen. Der Durst der Industrie ist geringer geworden, die Abwässer sind sauberer, und die Bevölkerungsentwicklung stagniert. Im Jubiläumsjahr des Ein-Milliarden-Euro-Tourismusgebiets möchten viele gerne wissen, wie es um das Seenland 30 Jahre nach seiner Erschaffung nun steht? Die Antwort: Man weiß es nicht so genau.

Natürlich kommen Urlauber. 2015 gab es mit 960 000 Übernachtungen ein Rekordergebnis, das fünfte Plus in Folge. Allerdings: Selbst im Rekordjahr entfallen auf das Seenland nicht mal fünf Prozent aller Übernachtungen in fränkischen Beherbergungsbetrieben. Kein Wunder, bei nur neun klassifizierten Hotels, die sich im Unterkunftsverzeichnis des Tourismusverbands Fränkisches Seenland finden. Die Fränkische Riviera, von der manch einer träumte, als das Projekt 1970 im Landtag beschlossen wurde, ist es dann doch nicht geworden. Stattdessen prägt eine Art Nebenerwerbstourismus die Region, der mitunter charmant ist, aber wenig Vollerwerbs-Arbeitsplätze bietet.

Die Gründe sind vielfältig. Die Saison ist kurz. An heißen Sommerwochenenden tummeln sich zwar bis zu 40 000 Menschen an den Stränden des Seenlands, aber los geht der Andrang erst im Mai, und im September ist es mit der Herrlichkeit schon wieder vorbei. Dazu kommt, dass es vor allem Familien mit Kindern und Senioren sind, die ihre Urlaubstage in Ferienwohnungen, auf Campingplätzen oder in Wohnmobilen verbringen. "Das Brot- und Buttergeschäft", nennt das Hans-Dieter Niederprüm, Geschäftsführer des Tourismusverbands. Von Butterbroten wird man satt, fett wird man davon nicht. Die Gäste lassen vergleichsweise wenig Geld in der Region. Deshalb mangelt es an Investitionen und deshalb auch an hochklassigen Herbergen.

Es ist ein kleiner Teufelskreis, aus dem die Touristiker sich am einfachsten mit zwei, drei Hotelneubauten am See befreien könnten. Aber so einfach, wie das klingt, ist es nicht: Die Ufer gehören dem Freistaat, sie müssen stets zugänglich sein. Das ist Fluch und Segen zugleich. Erholungssuchende können direkt um die Seen wandern und Rad fahren, sehen Graugänse, Seeadler, Biber und sehr viel Wasser. Hotels in Toplage mit Wellness-Bereichen, eigenen Marketingbemühungen und vielen Arbeitsplätzen sehen sie nicht.

"Wir haben den Leuten lange erklärt, dass sie am See nicht bauen dürfen", sagt Niederprüm. "Jetzt wird es ein wenig dauern, ihnen beizubringen, dass sie in der Nähe des Sees bauen sollen." Inzwischen setzt man auf Kompromissbereitschaft, hält Grundstücke für Hotelbauten bereit. "Wenn eine Anfrage kommt, lassen wir alles stehen und liegen", sagt Niederprüm.

Die Gegend wird für Konzertveranstalter interessant

Abseits der eher klassischen Tourismus-Branche tut sich allerdings Verblüffendes. Das etwas biedere Seenland ist dabei, aus Versehen cool zu werden. Das "Concertbüro Franken", eine der größeren Veranstaltungsagenturen Deutschlands, hat die Strände als Spielwiese entdeckt. Seit fünf Jahren holt die Agentur bereits Rockgiganten vergangener Tage an den Strand, Tausende summen die Melodien der Hits ihrer Jugend mit und gehen zwischendurch mal baden.

In diesem Jahr wurde zudem ein Elektro Festival aus dem Boden gestampft, das jede Menge hippes, urbanes Jungvolk aus ganz Süddeutschland in die Pampas lockte. Spätestens als sich die Nachricht verbreitete, dass Rap-Star Cro zu einem der raren MTV-unplugged-Konzerte an den See kommen wird, rieben sich viele verwundert die Augen. "Den Zuschlag für Cro haben wir bekommen, weil die Location begeistert hat", erklärt Guido Glöckler, einer der Geschäftsführer des Concertbüros: "Es gibt in Bayern nicht viele Seen, wo man mit solchen Veranstaltungen direkt ans Ufer kann." Die Bratwurst-und Schäufele-Region bekommt gerade ein neues Image als Konzert- und Festival-Quartier für gestresste Großstädter.

Zu dieser Entwicklung passt es gut, dass seit ein paar Jahren verstärkt auf Trendsportarten gesetzt wird. Kitesurfen ist in der Region stark, eine Wakeboard-Anlage wurde eröffnet und die beiden Brombachseen haben sich zu einem Zentrum für Stand Up Paddling entwickelt.

Während die Bereiche Kultur und Sport dabei sind, sich zu einem Zentrum für unternehmungslustige Gutverdiener zu entwickeln, fehlt im Tagesgeschäft am Ufer die gewachsene Struktur. Am See stehen gastronomische Zweckbauten der Neunziger- und Nullerjahre, in denen dann natürlich auch das Essen zweckmäßig ist. SB-Theke, Currywurst, Pommes, Schnitzel. Dem Seenland fehlen die alten Gasthäuser, die historischen Seeterrassen. Woher sollen sie auch kommen, vor 40 Jahren zog sich hier ein vergessenes Tal durch die Landschaft.

Dass es von vielem etwas gibt, aber nichts so richtig, wurde im Fränkischen Seenland erkannt, und man versucht, aus dieser Not eine Tugend zu machen. Und wie funktioniert das? Indem die Gegend einfach "kontrastreich" genannt wird. Jetzt ist es also offiziell gut, dass man alles Mögliche ein bisschen kann. Ein Taschenspieler-Trick oder ein charmanter Schachzug, um die Vielfalt der Region ins rechte Licht zu rücken? Die Zeit wird es zeigen. Das Seenland ist immer noch jung. Jung genug jedenfalls, um noch cool zu sein, ohne peinlich zu wirken.

© SZ vom 01.08.2016/kbl, axi
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