Pflegereport Wenn Fürsorge krank macht

Knapp 70 Prozent der pflegebedürftigen Menschen im Freistaat werden von Angehörigen betreut.

(Foto: dpa)

Die Pflege Angehöriger, die zumeist Frauen übernehmen, ist eine große Belastung.

Von Dietrich Mittler

Von den mehr als 399 000 pflegebedürftigen Menschen im Freistaat werden nach Auskunft des bayerischen Gesundheits- und Pflegeministeriums knapp 70 Prozent zu Hause von Angehörigen versorgt. Insofern gleicht der Freistaat zwar nach wie vor einer Bastion, doch diese Bastion bröckelt. Wie aus dem am Dienstag vorgestellten neuen Pflegereport der Barmer hervorgeht, sind mittlerweile rund 21 000 Angehörige von der Pflege ihrer Nächsten so erschöpft, dass sie kurz davorstehen, "das Handtuch zu werfen". Gemäß der nun vorliegenden repräsentativen Befragung der Kasse wollen 6,6 Prozent der pflegenden Angehörigen nurmehr "mit mehr Unterstützung" weiterpflegen, und knapp ein Prozent von ihnen will dies sogar "auf keinen Fall länger tun".

Laut Sozialministerium leben pflegende Angehörige zu mehr als der Hälfte mit den Betroffenen in einem gemeinsamen Haushalt - und "überwiegend" handele es sich dabei um Frauen: zumeist die Töchter, Ehefrauen und Schwiegertöchter der Pflegebedürftigen. "In zwei Drittel aller Fälle übernehmen Frauen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren die Pflege", hieß es dazu bei der Präsentation des Barmer-Reports.

"Ohne das unschätzbare Engagement dieser Familienangehörigen würde das System zusammenbrechen, gerade in einem Flächenstaat in Bayern", glaubt Claudia Wöhler, die Landesgeschäftsführerin der Barmer in Bayern. Doch welcher Belastung die pflegenden Angehörigen oftmals ausgesetzt sind, machen sich nur wenige klar. Hier aber sprechen die Zahlen eine eindeutige Sprache: 38 Prozent der Hauptpflegepersonen sind 70 Jahre alt und älter.

Sind die zu betreuenden Angehörigen gar dement, so steigt die Belastung oft ins Unermessliche. Eine Betroffene, die ihren dementen Mann geradezu aufopfernd gepflegt hat, schilderte der SZ ihre Belastung so: Immerzu rufe er "mit der Stimme eines Automaten" ihren Namen - auch nachts. Sie habe das so sehr in Stress versetzt, dass sie schließlich selbst nicht mehr wusste, ob sie sich nun gerade die Zähne geputzt hatte. Schilderungen wie diese sind kein Einzelfall. "Durchschnittlich beansprucht die Pflege täglich zwölf Stunden", sagt Jens Schneider, der Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Augsburg.

Diese sich im Schnitt über zwei Jahre hinziehende Überforderung bleibe nicht ohne Folgen, warnt die Barmer. "Bayerns pflegende Angehörige sind erschöpft", brachte es Wöhler in München auf den Punkt. Pflegende Angehörige, so das Ergebnis der neuen Studie, seien vergleichsweise häufiger krank als ihre Mitmenschen, die nicht solchen Strapazen ausgesetzt sind. Demnach leiden in Bayern mehr als die Hälfte der pflegenden Angehörigen "unter Rückenbeschwerden und 31 Prozent unter psychischen Störungen".

Viel zu spät, so die Erkenntnis aus der Studie, würden sich die Betroffenen Hilfe suchen. So lange sie selbst gesund seien, würden die meisten sich gar nicht erst um Angebote wie etwa eine Kurzzeit- oder eine Tagespflege kümmern - wenn sie denn überhaupt davon wüssten. "Dabei ist es wichtig, dass Pflegepersonen auch für sich selbst Hilfe bekommen", sagte Wöhler. Oft sei es aber auch die Angst vor hohen Kosten, die mit den Hilfsangeboten in Verbindung gebracht werde. "Es ist alarmierend, dass fast jeder Fünfte der pflegenden Angehörigen Zukunfts- oder Existenzängste hat", sagte Wöhler. Hier aber müsse die Hilfestellung der Pflegeexperten ansetzen: "Die Menschen müssen zunächst Beratung erfahren, um sich in diesem Pflege-Dschungel zurechtzufinden", betonte Wöhler. Zudem sei es geboten, den pflegenden Angehörigen bürokratische Hürden aus dem Weg zu räumen.

Noch werden in Bayern mehr als 283 000 Menschen zu Hause betreut und versorgt. Jene aber, die nicht länger im vertrauten Umfeld gepflegt werden können, brauchen dann einen Heimplatz. Ende 2017 standen in Bayern nach Angaben des Gesundheitsministeriums in den 1885 bayerische Pflegeeinrichtungen 136 149 stationäre Pflegeplätze zur Verfügung, genutzt von 126 259 Pflegebedürftigen. Doch es werden stetig mehr Bedürftige. "Verglichen mit 1999 ist die Anzahl der Pflegebedürftigen um mehr als 100 000 Menschen gestiegen", betonte ein Sprecher des Ministeriums. Und für diesen Anstieg ist beileibe nicht nur die seit Anfang 2017 erweiterte Definition von Pflegebedürftigkeit verantwortlich.