Pfeffenhausen:Dorf sucht Wirt

FREISING: Situation der GASTRONOMIE

Ein Klassiker unter den Wirtschaften: der Weißbräu Huber in Freising. Viele Gemeinden in Bayern haben kein eigenes Gasthaus mehr - in Oberlauterbach, Ortsteil von Pfeffenhausen, wollen sie das verhindern.

(Foto: Johannes Simon)

Nachdem der bisherige Pächter aufgehört hat, will die Marktgemeinde Pfeffenhausen bei Landshut mit vereinten Anstrengungen ihre Dorfgaststätte retten. In mehr als 500 Gemeinden in Bayern gibt es bereits kein Wirtshaus mehr.

Von Johann Osel

Schützengesellschaft, Feuerwehr oder Pfarrgemeinderat brauchen wieder ihren Treffpunkt und viele Leute in Oberlauterbach wollen wieder einkehren im Ort. Ebenso ist an Ausflügler zu denken, in der Gegend wird gerne geradelt. Kurzum: Für die Schlossgaststätte in Oberlauterbach, das zum Markt Pfeffenhausen im Kreis Landshut gehört, wird dringend ein Wirt gesucht.

Rathaus, Vertreter der Dorfgemeinschaft und die Brauerei, der das Objekt gehört, gehen nun öffentlich auf Wirtssuche, nachdem der bisherige Pächter aufgehört hatte. Sie versprechen, dass Gaststube und Biergarten garantiert gut frequentiert sind. Erwünscht ist jemand, dessen "Herz für die Gastronomie schlägt". Bürgermeister Florian Hölzl (CSU) lobt bei der Aktion "Dorf sucht Wirt" den gelebten Zusammenhalt im Markt. Gemeinsam wolle man sich mit einem möglichen Aus der Schlossgaststätte "nicht einfach abfinden, sondern wir stellen uns auf die Hinterbeine, um einen neuen Pächter zu finden".

Immer wieder gibt es in Bayern solche Kampagnen, mal als blanker Hilferuf, mal eher als Casting. Dorf ohne Wirt - das ist das Szenario, das nicht eintreten soll. Das aber in Bayern sehr wohl keine Seltenheit ist, bereits vor der Pandemie. Vom "Wirtshaussterben" ist da häufig die Rede, ob im Kleinen, wenn ein Gastronom aufgibt und das Gasthaus trist und verwaist im Ortskern steht. Oder in der Gesamtschau: In mehr als 500 Gemeinden gibt es kein Wirtshaus mehr, beklagt der bayerische Hotel- und Gaststättenverband Dehoga.

Konkrete Zahlen über die Folgen von Corona gibt es noch nicht, sagt Dehoga-Landesgeschäftsführer Thomas Geppert. Ja, er wisse von in der Krise für immer geschlossenen Gasthäusern auf dem Land. Eine positive Nachricht sei, dass eine Insolvenzwelle bislang ausgeblieben sei, was den staatlichen Hilfen sowie "dem Einsatz und der Kreativität der Branche zu verdanken" sei. "Doch es wird dauern, bis wir jetzt über den Berg sind. Noch mal einen Lockdown darf es nicht geben. Und für die Erholungsphase braucht es passende Rahmenbedingungen", sagt Geppert. Er fordert etwa, den reduzierten Mehrwertsteuersatz zu entfristen und Getränke einzubeziehen. Wirtshäuser hätten kein vorgezogenes Geschäft wie beim Hamstern von Lebensmitteln und keine Nachholeffekte. Sprich: Keiner hat zu Beginn der Krise zwei Schnitzel statt eines gegessen - oder tut das jetzt.

Eine Studie der Uni Eichstätt hat vor einigen Jahren ausführlich die Ursachen für das Gasthaussterben analysiert, gefördert von Wirtschaftsministerium und Dehoga. Demnach ist es eine komplizierter Gemengelage: Dass sich Konsumverhalten und Mobilität ändern, wurde erörtert. Dass das Wirtshaus als sozialer Raum und Kommunikationstreff nicht mehr so gefragt sein könnte in Zeiten der Individualisierung. Dass womöglich auch eine "radikale Marktbereinigung" stattfindet, falls Lokale traditionellen Mustern folgten, nicht mehr rentabel und beim Publikum wenig gefragt seien. Hinzu kommt, dass oft Personal fehlt, etwa partout kein Koch zu ergattern ist. Dass Wirte in den Ruhestand gehen oder einfach keine Lust mehr haben - und kein Nachwuchs nachkommt. "Der Beruf Gastronom ist hochprofessionell, den macht man nicht nebenbei und nicht einfach so", betont Geppert. Die Pandemie hat zudem gezeigt, wie schnell alles dicht sein kann und die Lebensgrundlage wegfällt - vielleicht bremst das künftig ein wenig die Risikofreude für eine Gasthausübernahme.

Bürgermeister Hölzl in Pfeffenhausen, früherer Landtagsabgeordneter, definiert das Wirtshaus als "gesellschaftliche Mitte" - als solche habe es "nach wie vor seinen Stellenwert". Daher dieser Aufruf statt einer anonymen Annonce. Erste Anfragen "tröpfeln" bereits ein; idealerweise fände sich ein Wirt, "der einfach zu uns passt".

Chancen auf Erfolg? Durchaus. Beispiel Geratskirchen im Rottal. Ein Youtube-Video mit vier Männern auf der Bierbank, mit Limoflaschen und sehnsüchtig nach einem frisch gezapften Hellen, haben sie da Anfang 2020 gedreht. Tenor: "Oans geht ab: der Wirt". Dutzende Interessenten wurden danach laut Passauer Neuen Presse gezählt. Ein junger Metzgermeister aus Deggendorf übernahm das Gasthaus und bietet als modern interpretierter Dorfwirt "Wuidara" Wildschweinschnitzel, Hirsch-Burger und dergleichen - und eine Anlaufstelle für Bürger und Vereine. Das dankbare Dorf soll dann in der Pandemie fleißig zum Liefern bestellt haben, um ihrem neuen Wirt gut über die Krise hinwegzuhelfen.

© SZ vom 15.07.2021/kafe, van
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