Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zeichnet ein düsteres Bild. Deutschlandweit haben die Umweltschützer Trinkwasser sowie Grund- und Oberflächenwasser auf PFAS getestet. In 42 der 46 Stichproben wurde die Chemikalie nachgewiesen. Einige Varianten der PFAS (Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) stehen laut Umweltbundesamt im Verdacht, Krebs zu verursachen und sich negativ auf Fortpflanzung und Immunsystem auszuwirken. Auch in vier von sechs bayerischen Proben wurden die extrem langlebige Chemikalie gefunden: in Holzkirchen, Passau, Salzweg und Olching. Derzeit geltende gesetzliche Grenzwerte wurden dabei zwar nicht überschritten, dennoch haben die Ergebnisse einige der betroffenen Gemeinden kalt erwischt.
Er habe sich schon gewundert, dass die Stoffe auch in seiner Gemeinde gefunden wurden, sagt Karl Haberzettl (Freie Wählergemeinschaft), Gemeinderat in Salzweg und Vorsitzender der Kreisgruppe Passau des BUND. Eine der beiden Proben aus dem Ort hat er eigenen Worten zufolge selbst genommen. Bereits kurz nachdem der Fund bekannt geworden war, hätten ihn mehrere besorgte Mails erreicht. Der Tenor: Man müsse doch etwas tun.
Der Gemeinde selbst macht er aber keine Vorwürfe. „Wir müssen uns alle an die Nase fassen.“ Denn dass PFAS überhaupt in die Umwelt gelangt, liege an der Industrie. Die wiederum verwende die Stoffe, weil sie oft die Produktion erleichtere – und weil beispielsweise beschichtete Pfannen bei den Verbrauchern gefragt seien. „Schuld haben wir alle miteinander.“ Wegen ihrer Fett, Wasser und Schmutz abweisenden Wirkung werden PFAS auch für die Produktion von Outdoor-Textilien und Teppichen, aber auch in Pestiziden eingesetzt. Haberzettl kann nicht sagen, ob eine einzelne Firma in der Region die Belastung auslöst. Den Handlungsbedarf sieht er nicht auf kommunaler Ebene, sondern weiter oben: Die Politik müsse Grenzwerte einsetzen und notfalls in die Produktionsprozesse der Industrie eingreifen, um den Einsatz der Chemikalie zu verbieten.
„Der Ansatz muss sein, dass wir PFAS auf Dauer nicht mehr verarbeiten“, sagt auch Holzkirchens Bürgermeister Christoph Schmid (CSU). Im Wasser seiner Gemeinde fand der BUND ebenfalls die Chemikalie. Eine konkrete Ursache für die erhöhten Werte kann er auch er nicht ausmachen. Überraschend kam das Ergebnis für ihn dennoch nicht, wie Schmid sagt. Bereits im Sommer hatte das Thema Aufregung im Ort ausgelöst, weil der örtliche Grünen-Bundestagsabgeordnete Karl Bär eine Probe genommen und PFAS nachgewiesen hatte.
Daraufhin habe er selbst eine eigene Messung bei den Gemeindewerken in Auftrag gegeben, sagt Schmid. Das Ergebnis: Nachgewiesen wurde eine sehr geringe Konzentration des Stoffes Trifluoressigsäure, der zur Gruppe der PFAS zählt – allerdings deutlich unter den Grenzwerten, die aktuell diskutiert werden, wie der Bürgermeister sagt. „Ich bin weit davon entfernt, in Hysterie zu verfallen.“ Er selbst trinke weiterhin ohne Bedenken Leitungswasser aus dem Ort.
Eine gewisse Verunsicherung beobachte er trotzdem in der Bevölkerung, sagt Schmid: „Es ist grundsätzlich nicht schön, wenn Dinge im Trinkwasser sind, die da nicht hineingehören.“ Die Messergebnisse hätten viele Menschen für das Thema sensibilisiert. Bisher habe man die regelmäßig genommenen Wasserproben nicht auf PFAS untersucht, das ändere sich nun.
Die Passauer Stadtwerke teilen auf SZ-Anfrage mit, man beobachte die Entwicklung weiter. Das Trinkwasser werde bereits länger auf PFAS untersucht. Die gemessenen Werte lägen unter den Grenzwerten, größtenteils sogar unter der sogenannten Bestimmungsgrenze. Man setze sich dennoch auf Verbandsebene zusammen mit anderen Wasserversorgern dafür ein, dass eine Strategie gefunden werde. In Olching war niemand für eine Stellungnahme erreichbar.
Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) betonte in einer Stellungnahme, dass die Untersuchung „keine repräsentative Momentaufnahme der PFAS-Konzentration im deutschen Trinkwasser darstelle“. Sie basiere lediglich auf zeitlich und räumlich begrenzten Stichproben aus Grund-, Oberflächen- und Trinkwasser. „Die Aufnahme von PFAS über Nahrungsmittel überschreitet die Aufnahme durch Trinkwasser um ein Vielfaches“, teilte der Verband mit. Die Botschaft: Deutsches Trinkwasser sei sicher.
Der BN-Landesbeauftragte Martin Geilhufe zeigte sich dennoch besorgt: „Unsere Stichprobe zeigt, dass PFAS längst in unserem Wasserkreislauf vor Ort angekommen sind. Das Aufbereiten von sauberem Trinkwasser wird immer aufwendiger und teurer für unsere Wasserwerke.“ Im Januar 2026 und 2028 treten laut Geilhufe neue PFAS-Grenzwerte für Trinkwasser in ganz Deutschland in Kraft. Auch der Einsatz von PFAS-haltigem Schaummittel durch öffentliche Feuerwehren soll ab April 2026 untersagt werden. Die Einhaltung dieser Grenzwerte aber stelle Wasserbetriebe vor erhebliche technische und wirtschaftliche Herausforderungen. Die entstehenden Kosten sollten laut Geilhufe von den Verursachern gezahlt werden.
Auch im Landkreis Altötting sorgt die jahrzehntelange Produktion der Chemikalie PFOA, die ebenfalls zu der Gruppe der PFAS zählt, seit Jahren für große Probleme. Blutproben hatten bereits 2018 gezeigt, dass die Bevölkerung dort besonders stark belastet ist. Obwohl PFOA seit 2020 EU-weit verboten ist und Trinkwasser inzwischen weitgehend gefiltert wird, bleibt der Boden auf großen Flächen kontaminiert. Strengere Vorgaben machten nahezu jeden Erdaushub – von Bauprojekten bis zu Urnengräbern – zu prüf- und entsorgungspflichtigem Material. Eine eigene Deponie für die belastete Erde ist in Planung. Wer letztlich aber für die Kosten aufkommen wird, die der Bürgermeister von Burghausen auf einen dreistelligen Millionenbetrag schätzte, ist bisher nicht endgültig geklärt.

