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Pfaffenhofen an der Ilm:Morddrohung gegen Bürgermeister wegen Engagements für Moschee

Die neue Moschee in Pfaffenhofen wird am Samstag eröffnet. Zuvor hat es Morddrohungen gegen den Bürgermeister gegeben.

(Foto: oh)
  • Im oberbayerischen Pfaffenhofen an der Ilm soll an diesem Samstag eine Moschee eröffnet werden.
  • Wegen seines Engagements für die türkisch-islamische Gemeinde im Ort hat der dritte Bürgermeister Roland Dörfler Morddrohungen erhalten.
  • Der Grünen-Kommunalpolitiker hatte sich gegen eine Kundgebung von Islamgegnern gewandt, die gegen die Eröffnung protestieren wollen - und einem der Rechtspopulisten einen "Arschquotienten" bescheinigt.

Von Wolfgang Wittl, Pfaffenhofen an der Ilm

Roland Dörfler war sich schon bewusst, was er da sagt. Aber er tat es aus voller Überzeugung. Der Grünen-Politiker ist dritter Bürgermeister der Stadt Pfaffenhofen an der Ilm. Weil der erste und der zweite Bürgermeister im Urlaub sind, gab Dörfler als derzeit amtierender Rathauschef der Lokalzeitung ein Interview. Es ging es um die Eröffnung der Moschee der türkisch-islamischen Gemeinde am kommenden Samstag sowie die dazu angekündigten Proteste der rechtspopulistischen Partei "Die Freiheit", als Dörfler über deren Vorsitzenden befand: "Der Mann hat doch keinen IQ, sondern einen AQ - einen Arschquotienten." Seitdem hat sich die Lebensqualität von Pfaffenhofens drittem Bürgermeister etwas verändert.

Üble Reaktionen auf das Interview - "Du wirst leiden"

Die Reaktionen auf den gedruckten Beitrag fielen noch verhalten aus. Als der Text ins Internet gestellt wurde, brach über Dörfler allerdings eine Welle der Beschimpfung herein. In Windeseile gingen in seinem Postfach etwa 40 E-Mails mit übelsten Beleidigungen ein. Manche enthielten sogar Morddrohungen. "Du wirst leiden", stand in einer. In einer anderen wurde ihm angekündigt, ihn am nächsten Laternenmast aufzuknüpfen. Dass man wisse, wo er wohne, gehörte zum Allgemeingut der Zuschriften.

In einer Mail hieß es wiederum, es sei besser für ihn, nie mehr nach Italien zu fahren, sonst werde ihm etwas blühen. Wie an den Absendern zu erkennen war, hatte das Interview aus dem Pfaffenhofener Kurier Leser auf der ganzen Welt gefunden. Rückmeldungen kamen neben Italien auch aus Kanada, Israel oder den USA - alle mit unfreundlichem Inhalt.

Immenser Zuspruch aus der Bevölkerung

Anfangs hätten die Drohungen bei ihm schon ein "mulmiges Gefühl" ausgelöst, sagt Dörfler. Über diese Phase ist er hinweg. Die Polizei nahm nach einer Anzeige Ermittlungen auf, bislang jedoch ohne Erfolg. Der Rückhalt für Dörfler ist immens: Bürgermeister Thomas Herker (SPD) rief ihn aus dem Urlaub an und versicherte ihm seine Zustimmung. Auch aus der Bevölkerung erhielt Dörfler Zuspruch.

Das Bündnis "Pfaffenhofen gegen Rechts - Bürger für Toleranz" lädt am Samstag zu einer Demonstration ein, um gegen die Parolen von "Die Freiheit" Stellung zu beziehen. Unter dem Motto "Pfaffenhofen ist bunt", an dem sich alle Parteien im Stadtrat beteiligen, wird auf dem Gehweg vor der Moschee einer Menschenkette gebildet. Angesichts der Morddrohungen würde er sich "sehr über ein starkes Signal und große Teilnahme freuen", teilte Bürgermeister Herker via Internet mit und ruft die Bürgerschaft auf: "Farbe bekennen."

Zwei Jahre hat der Bau der Moschee der türkisch-islamischen Gemeinde gedauert. "Sehr schön, sehr gelungen", sei das Gebäude, das einmal mehr die Weltoffenheit Pfaffenhofens unterstreiche, wie Dörfler findet. Die oberbayerische Kreisstadt wurde von der Unesco schon als "lebenswerteste Stadt der Welt" ausgezeichnet - zumindest in der Kategorie bis zu 70 000 Einwohnern. "Jeder soll nach seiner Fasson in Bayern glücklich werden können", sagt Dörfler, 62. Rechtspopulistische Ansichten wie die von Michael Stürzenberger, dem Vorsitzenden von "Die Freiheit", hätten in Pfaffenhofen nichts verloren.

Schon vor zwei Jahren war Stürzenberger zu einer Kundgebung angerückt. Diesmal wurde ihm ein Platz 200 Meter neben der Moschee zugewiesen, mit einer Lautstärke von bis zu 85 Dezibel darf er seine Meinung verbreiten. Falls er den Wert überschreite, werde man ihm den "Saft abdrehen", kündigte Dörfler an.

Dass er sich mit seinem AQ-Satz aus dem Fenster gelehnt hat, weiß der Bürgermeister. Bisher sei von Stürzenberger noch keine Anzeige eingegangen, aber er sei darauf eingestellt, dass ein rechtliches Nachspiel folgen könnte. Auf diese Verhandlung freue er sich schon. Als Personalratsvorsitzender der Agentur für Arbeit in Bayern ist er es gewöhnt, seine Meinung zu vertreten. Trotz aller Beleidigungen und Drohungen würde Dörfler das Interview genau noch einmal so führen: "Ich lasse mir doch nicht den Mund verbieten."

© SZ vom 11.06.2015/infu

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