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Patrizia kauft GBW-Wohnungen:Nicht böse, aber hungrig

BayernLB verkauft GWB-Wohnungen an Patrizia

Die BayernLB verkauft ihre Immobilientochter GBW mit etwa 32.000 Wohnungen für einen Bruttopreis von knapp 2,453 Milliarden Euro an ein Konsortium unter Führung des Augsburger Patrizia-Konzerns.

(Foto: dpa)

Die Patrizia kauft die 32.000 GBW-Wohnungen. Doch was bedeutet das für die Mieter? An der Patrizia scheiden sich die Geister. Seit Jahren wächst der Immobilieninvestor rasant - manchmal sogar zu rasant.

Wäre die Patrizia ein gewöhnliches Wesen, sie wäre schon längst geplatzt, so viel hat sie geschluckt in den vergangenen Jahren. Hier ein Wohnblock, dort eine halbe Straße, und zwischendurch auch mal ein ganzes Unternehmen. Der große Magen der Patrizia aber ist sehr dehnbar und hat Platz für immer noch mehr Häuser, anders ist dieses Wachstum nicht zu erklären.

Auf zehn Milliarden Euro beläuft sich das Vermögen aus Stein und Beton, das die Patrizia demnächst verwalten wird, das meiste im Auftrag Dritter. Im vergangenen Jahr hat die Aktiengesellschaft (AG) die Immobilientochter der Landesbank Baden-Württemberg übernommen, jetzt hat sie dasselbe gemacht in Bayern. Das meiste Geld gaben und geben jeweils Investoren im Hintergrund. Patrizia, das wundersame Wesen, gibt seinen Namen, ein paar Millionen und das Know-How.

Vor nicht einmal 30 Jahren hat Wolfgang Egger die Firma in Augsburg gegründet. Er war damals gerade 19 Jahre alt, aufgewachsen auf einem Bauernhof östlich von Augsburg. Für ihn war es immer selbstverständlich, dass einem gehört, was man bewohnt. Und vielleicht verspürte er anfangs Mitleid mit all den Mietern, die ihr Zuhause nicht besitzen. Jedenfalls hat Egger sich in den Kopf gesetzt, Mieter zu beglücken, indem er erst ihre Wohnung erwirbt und sie dann wiederum den Bewohnern zum Kauf anbietet. Mieterprivatisierung nennt sich das Modell, so ist die Patrizia groß geworden, vor allem in München. Wie sagte neulich einer der Patrizia-Vorstände: "München ist ein klasse Markt."

Inzwischen ist das ursprüngliche Geschäftsmodell nur noch ein kleiner Teil der Patrizia-Aktivitäten. Längst wollen die Augsburger das führende vollstufige Immobilien-Investmenthaus Europas werden. Das heißt übersetzt: Eggers Leute wollen ein Objekt in jeder seiner Lebensphasen gewinnbringend verwerten. Sie bauen, kaufen, verkaufen, verwalten. Und jeder Vorgang muss sich rentieren, so ist das bei einer AG. Sie will aus einem Haus rausholen, was geht. So würden es die Patrizianer natürlich nie formulieren. Sie betonen stets ihren sozialen Anspruch, verweisen auf die Sozialchartas für Mieter, die sie immer wieder abschließen, um Politik und Gesellschaft zu beruhigen. Wir sind die Guten, lautet die Botschaft.

Was aber nutzt lebenslanger Kündigungsschutz, fragen im Gegenzug viele Mieter, wenn wir uns die Miete nicht mehr leisten können? Zum Beispiel in der Siedlung Ludwigsfeld im Münchner Norden, die Patrizia 2007 vom Bund übernommen hat. Es dürfte das bis dato sensibelste Projekt der Augsburger sein, befand sich doch auf dem Gelände einst ein Außenlager des Konzentrationslagers (KZ) Dachau, später lebten dort Displaced Persons.

In den vergangenen Jahren hat die Patrizia die alten und maroden Gebäude saniert und erhöht die Mieten. Die Fluktuation sei seither groß, beklagen Mietervertreter, das über Jahrzehnte gewachsene Gefüge beginne zu bröseln. Ist das nun vorbildlich, weil ein geschichtsträchtiges Ensemble baulich erhalten bleibt? Oder ist es das verwerfliche Geschäftsmodell einer am Profit orientierten AG? Ist die Patrizia Miethai oder Mieterglück? Nichts von beidem ist sie, oder von allem etwas. Die Patrizia ist ein Zwitterwesen auf dem Immobilienmarkt, nicht wirklich weiß, aber auch nicht schwarz. Ganz sicher aber sehr hungrig.

Dem seine Farben wechselnden Wesen geht manchmal die Sensibilität ab im Umgang mit Mietern. Das ist nicht nur in Ludwigsfeld zu beobachten, wo trotz vieler Bitten der Bewohner eine alte Wirtschaft verfällt und die letzte erhaltene KZ-Baracke in traurigem Zustand ist. Mitunter haben die Augsburger in den vergangenen Jahren so viel auf einmal geschluckt, dass sie sich beinahe verschluckt hätten. Da war es, als ob die Patrizia in die Pubertät gekommen wäre, in eine Phase, in der Arme und Beine so schnell wachsen, dass der Kopf kaum mehr mitkommt. Die Verwaltung wirkte überfordert - kommunikativ im Kontakt mit den Bewohnern, aber auch technisch, weil die Computer nicht taten, was sie sollten, nämlich korrekte Nebenkostenabrechnungen ausspucken.

Kommt Kritik, gibt sich die Patrizia-Spitze selbstkritisch und lernfähig. Und vor dem Augsburger Computersystem brauchen die GBW-Mieter immerhin keine Sorge zu haben: Die GBW soll nicht mit der Patrizia verschmolzen werden.

© SZ vom 09.04.2013/afis

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