So war die Premiere in OberammergauDie Passion von Romeo und Julia in Oberammergau

Lesezeit: 3 Min.

Romeo und Julia auf dem Dach: Eva Norz und Yannick Schaap beeindrucken durch ihr natürliches Spiel in Christian Stückls sehr heutigen Adaption des Shakespeare-Klassikers.
Romeo und Julia auf dem Dach: Eva Norz und Yannick Schaap beeindrucken durch ihr natürliches Spiel in Christian Stückls sehr heutigen Adaption des Shakespeare-Klassikers. (Foto: Arno Declair)

Weil dem Bühnenbild in Christian Stückls Shakespeare-Adaption die Atmosphäre fehlt, müssen es die Laienschauspieler im Passionstheater ordentlich dampfen lassen. Und einer empfiehlt sich schon mal für den nächsten Jesus.

Kritik von Sabine Leucht, Oberammergau

Ach, die Familienfehde! Wer Shakespeares „Romeo und Julia“ inszeniert, muss nicht erklären, warum die Clans der Capulets und Montagues bis aufs Blut verfeindet sind. Aber einen Fingerzeig gibt es meistens schon. Rivalisierende Gangs in New York, Drogenkrieg im Dschungel, verschiedene politische Überzeugungen: Alles schon gesehen.

Bei Christian Stückls „Romeo und Julia“ im Passionstheater Oberammergau fühlt man sich wie in einem cleanen Musterhauspark, in dem zwei Reihenhäuser aneinanderkleben. Das linke ist gelb und höher, das rechte türkis und breiter. Große Rückschlüsse auf Stände-Unterschiede lässt Stefan Hageneiers Bühnenbild nicht zu. Stärkere Markierungen setzen seine Kostüme: In Julias Familie trägt das Mannsvolk Gecken-Anzüge, Baseballschläger und Pistolen, während Romeos Kumpels in Bikerkluft daherkommen und zum Kämpfen nur behelfsmäßige Schlagstöcke haben. Neureiche gegen Underdogs? Eher findet man sich hier zu fein und dort zu cool, um mit den anderen zu verkehren.

Der Nachteil dieses Barbie-Fertighaus-Verona: Es hat null Atmosphäre. Also müssen es die Spieler ordentlich dampfen lassen. Und das tun sie auch, zumal die sommerlichen Zwischenspiele immer auch Übungsläufe für die Laiendarsteller sind, die bei den alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspielen größere Aufgaben übernehmen wollen. Yannick Schaap würde sich zum Beispiel schon optisch für die Rolle des Jesus empfehlen.

Das schönste Bild des Abends: Um in Julias Gruft vorzudringen, schiebt Romeo die kurze Häuserzeile auseinander. Kein Problem für Yannick Schaap, der ist hauptberuflich Dachdecker.
Das schönste Bild des Abends: Um in Julias Gruft vorzudringen, schiebt Romeo die kurze Häuserzeile auseinander. Kein Problem für Yannick Schaap, der ist hauptberuflich Dachdecker. (Foto: Arno Declair)

Er weiß sich als hauptberuflicher Dachdecker nicht nur sehr lässig auf dem gemeinsamen Vordach der beiden Häuser zu bewegen, er hat auch die Locken und den Blick, mit dem man Jünger hinter sich schart und Herzen erobert. Mit dem von Julia hat er jedenfalls leichtes Spiel. Als die sehr natürlich aufspielende Eva Norz sich gerade von Paris irgendeinen Schmu von wegen „Du bist mein Eis am Stiel“ anhören muss, stellt sich der junge Montague ihr einfach in den Weg, sagt „Du bist wunderschön!“ – und: Bingo!

Das sind die Momente, in denen Stückls Regie und seine eigene Textbearbeitung das Stück schneller, direkter, heutiger machen. Da braucht es keinen Maskenball und keine verbale Verrenkung, sondern einfach nur zwei Menschen, zwischen denen es funkt. Der Rest ist Sommertheater, und da wird mit dem groben Pinsel gemalt. Das kommt den weiter weg sitzenden Zuschauern zugute wie auch den Laienspielern, die in dem jugendlich dominierten Setting ohnehin ganz gut aufgehoben sind. Wenn da mal ein blöder Spruch auswendig gelernt klingt, wirkt das bloß authentisch.

Beim Fest im Hause Capulet läuft die ganze Gesellschaft im bonbonbunten Streifenlook auf, und alle Damen tragen Hüte, die wie Lampenschirme oder Einkaufskörbe aussehen. Rochus Rückel, einer der Jesusse von 2022, fährt als Heißsporn Mercutio mit dem Motorrad über die Bühne; Pater Lorenzo (Benedikt Fischer), der hier auch Streetworker ist, tritt mit Gesundheitssandalen in die Fahrradpedale. Tybalt ist von Julias Cousin zum Bruder aufgestiegen und die Amme, bei Emma Burkhart ein Fähnchen im Wind ihrer eigenen Emotionen, heißt schlicht Anne.

Nur beim frauenfeindlichen Macho-Gegockel hat Stückl nicht aktualisiert, sondern eher noch einen draufgesetzt. Das mag man halbherzig finden, aber der langjährige Passionsspielleiter weiß eben ganz genau, wie man ein großes und möglichst breites Publikum anzieht. Und selbst er ist im vergangenen Jahr mit einer etwas gewagteren Zwischenspiel-Idee baden gegangen.

Aus ihrem Scheintod erwacht: Julia findet den toten Romeo.
Aus ihrem Scheintod erwacht: Julia findet den toten Romeo. (Foto: Arno Declair)

Aber der größte Hemmschuh für jeden Aktualisierungsversuch ist bei „Romeo und Julia“ ohnehin der Stückverlauf. Wer die Frauenrollen zu heutig werden lässt, kann nicht mehr plausibel machen, warum Julia ihren Eltern nicht einfach sagt, dass sie Paris nicht heiraten kann, weil sie schon verheiratet ist. Und warum überhaupt heiraten? Okay, die beiden sind Kinder, und dass sie vor allem in die Liebe verliebt sind, zeigt Stückl ebenso schön wie die Tragik der Unglücksvögel, die zwischen den Fronten eigentlich nur das Richtige tun wollen: Romeo, dessen Ungeschicklichkeit als Lebensretter zu drei Leichen führt. Benvolio, der immer schlichtet, aber den entscheidenden Botengang versemmelt - und Lorenzo, der sich so mitfreut mit dem jungen Paar und es mit seinem kruden Rettungsplan in den Tod treibt.

Das schönste Bild des Abends: Um in Julias Gruft vorzudringen, schiebt Romeo die kurze Häuserzeile auseinander und in der Spalte erscheinen, vom Nebel verhüllt, Chor und Orchester. Sie haben das Stück eher unauffällig, aber stimmungsvoll begleitet. Ganz gleich, ob düsteres Grollen, Renaissance-Klänge oder musikalische Schützenhilfe für die prachtvolle Singstimme von Maria Buchwiesers Mama Capulet angesagt war. Mit den Musikern wirkten rund 130 Menschen an diesem Sommerspektakel mit, das einem trotz des tragischen Schlusses nicht allzu schwer im Magen liegt.

„Romeo und Julia“, Passionstheater Oberammergau, wieder am 18., 19., 25. und 26. Juli sowie am 1. und 2. August. Karten unter 08822/32488 oder www.passionstheater.de

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