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Passauer Dom:Niederbayerns schönste Fassade ist endlich wieder weiß

Bischofsweihe in Passau

Schon vor fast 350 Jahren war der Passauer Dom in Weiß gefasst. Weil die Schicht damals nicht erneuert wurde, löste sie sich im Lauf der Zeit aber fast vollständig ab (Archivbild 2014).

(Foto: Armin Weigel/dpa)
  • Der Passauer Dom erstrahlt nach jahrzentelangem Grau endlich wieder in weiß.
  • Fast 15 Jahre lang diskutierte die Stadt über die richtige Farbe und das richtige Material.
  • Die Arbeiten am Dom sind jedoch nie abgeschlossen: Wer am Ende ankommt, muss vorne wieder mit dem Weißeln anfangen.

In Fässern rühren die Steinmetze den Kalk an. Sand, Zement, Leinöl und Holzkohle mischen sie dazu. Es ist eine uralte Rezeptur, die durch den Zement eine moderne Fassung bekommen hat. "Kalk allein war nicht haltbar genug", sagt Dombaumeister Jérôme Zahn. Er steht auf einem Lastenaufzug in 30 Metern Höhe und streicht über die Fassade des Passauer Doms. Ein paar Stellen fehlen noch, doch schon bald wird die Bischofskirche fast komplett in neuem Weiß erstrahlen. Eine kleine Revolution.

Im November sollen die gröbsten Arbeiten abgeschlossen sein. Nur die Restaurierung der gotischen Chor-Nordseite, die am stärksten vom Verfall betroffen ist, wird noch rund zehn Jahre länger dauern - gemessen an den kirchlichen Zeitmaßstäben und dem Alter des Gebäudes kaum mehr als ein Moment.

Jérôme Zahn klopft mit dem Knöchel von außen gegen die Kirchenwand. Dünner als ein Streichholzkopf ist die Schicht, die den Passauer Dom nun überzieht. Sie sorgt dafür, dass alle Ansichtskarten der Stadt neu gedruckt werden müssen, weil das früher steinerne Antlitz der Kirche jetzt hell und gleichmäßig daherkommt. Der Dom erhebt sich im Zentrum der Landzunge zwischen den drei Flüssen Donau, Inn und Ilz.

Von den Aussichtspunkten Veste Oberhaus auf der einen und Maria Hilf auf der anderen Seite aus gesehen prägt er das Stadtbild. Nachts, wenn er angestrahlt wird, leuchtet er bis weit in die Ferne. Seit Jahrzehnten, vielleicht seit Jahrhunderten war der Passauer Dom nicht mehr in so gutem Zustand wie jetzt. Denn das monumentale Bauwerk, dessen Geschichte bis ins zehnte Jahrhundert zurückreicht, verfiel im Lauf der Jahre zunehmend und wurde lange Zeit nur unzureichend restauriert. "In der Zeit der Romantik hat man solch morbiden Charme sogar als schön empfunden", sagt Zahn.

Mit der Gründung der Dombauhütte 1928 begannen Diözese und Freistaat, das Gotteshaus systematisch wieder herrichten zu lassen. Der Zustand der Mauern war so schlecht, dass sich gelegentlich sogar Steine lösten und auf die schmalen Gassen und den Domplatz herabstürzten. Der Passauer Dom war zur Gefahr für die Gläubigen geworden.

Die Arbeiten an der Kalkeinfassung begannen 2004. Sie wurden von teils harschen Protesten aus der Bevölkerung begleitet. Dass das Gebäude mit seiner anscheinend steinernen Außenfassade plötzlich geweißt werden sollte, das gefiel nicht jedem. Mehr als tausend Gegner der Kalkung unterzeichneten damals eine Petition, um das steinerne Antlitz der Kirche zu bewahren. Erfolglos. Denn die Kalkschicht hat durchaus ein historisches Vorbild.

Witterung und Abgase haben den Kalk jetzt schon wieder eingeschwärzt

Schon vor fast 350 Jahren war der Passauer Dom in Weiß gefasst. Weil die Schicht damals nicht erneuert wurde, löste sie sich im Lauf der Zeit aber fast vollständig ab und wurde später sogar übermalt - Patina und Naturstein imitierend. Auch heute haben die Steinmetze mit solchen Problemen zu kämpfen, berichtet Zahn. Als sie zu Beginn ihrer Arbeiten das Stephanus-Türmchen zu Testzwecken einkalkten, wusch der Regen die Masse einfach wieder von den Mauern. Zement war die Lösung des Problems.

Er macht die Farbe beständiger und verbindet sie besser mit der steinernen Unterlage. Auch in der unteren Zengergasse, wo die Arbeiter ganz am Anfang strichen, sind die Probleme heute noch sichtbar. Dunkel und gelb wirkt die ursprünglich weiße Schicht, die dort das Mauerwerk umgibt. "Da müssen wir noch einmal ran", erklärt Zahn.

Der Vorteil der Kalkfassung ist, dass durch sie Schwachstellen leichter sichtbar werden. So wissen die Steinmetze sofort, wenn sich irgendwo Wasser sammelt oder sonstige Schäden zu befürchten sind. Wo das Gebäude aus Ziegeln besteht und einfach verputzt ist, streichen die Arbeiter sogar mit Malerfarbe, die von einer Firma eigens konfektioniert wird.

16 Männer und Frauen sind derzeit am Passauer Dom beschäftigt. "Es macht Spaß", sagt Robert Schiffl, der seit den Anfängen 2004 mit dabei ist. Stephanustürmchen, Nordseite, Südseite, Chorscheitel und Westfassade - nach und nach haben die Männer und Frauen Steine ausgebessert, Fugen nachgezogen und die dünne Kalkschicht aufgetragen. Zweimal muss das Mauerwerk mit der Substanz gestrichen werden, anschließend wird der Anstrich etwa eine Woche lang immer wieder mit Wasser angesprüht - damit er nicht zu schnell trocknet und so seine optimale Haltbarkeit erreicht.

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Die Kosten für die Dauer-Restaurierung teilen sich Kirche und Freistaat. Für den gotischen Teil kommt der Staat mit jährlich etwa 500 000 Euro auf. Die Kirche zahlt für den barocken Teil in etwa die gleiche Summe. Das soll vom kommenden Jahr an weniger werden. Doch ganz abgeschlossen werden die Arbeiten am Passauer Dom wohl nie. Denn dort, wo der Kalk anfangs aufgebracht wurde, haben Witterung und Abgase ihn jetzt schon wieder eingeschwärzt. Wo der Regen im Lauf der Jahre die Weißfassung wieder abwäscht, werden die Steinmetze wieder eingreifen.

Sobald die Kalkfassung komplett ist, beginnen die Ausbesserungsarbeiten von Neuem. Das sei aber auch so gewollt, sagt Zahn. Er ist mittlerweile wieder am Boden angekommen und verlässt den Lastenaufzug. "Wir wollen agieren, nicht reagieren", sagt er. Damit St. Stephan auch die nächsten Jahrhunderte über Passau erstrahlt.

© SZ vom 10.08.2016/hmai
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