Erst vor wenigen Monaten wurde das lange erwartete Gutachten zu sexuellem und körperlichem Missbrauch im Bistum Passau veröffentlicht. Auftraggeberin war die dort eingerichtete unabhängige Aufarbeitungskommission. Genau diese Kommission soll nun zusammen mit dem unabhängigen Betroffenenbeirat in seiner jetzigen Form aufgelöst und unter das Dach des Bistums überführt werden. Dem Vernehmen nach ist die Einrichtung einer Stabsstelle geplant. Ein Vorgang, der einer Pressemitteilung des Bistums zufolge „einmütig“ mit diesen beiden Gremien beschlossen wurde. Doch gegen diese Entscheidung regt sich Widerstand.
„Wir sind deswegen in hohem Maß alarmiert“, sagt Wolfgang Rothe, Mitglied des Betroffenenbeirats bei der Deutschen Bischofskonferenz. In den vergangenen fünf Jahren habe sich in allen deutschen Bistümern etabliert, dass die Aufarbeitung der Betroffenenbeiräte eigenständig und unabhängig abläuft. Und genau diese Unabhängigkeit sieht Rothe durch den geplanten Vorgang in Passau in Gefahr. „Diese wichtige Arbeit kann nicht in Form einer Stabsstelle erfolgen, damit ist sowohl die Eigenständigkeit als auch die Unabhängigkeit dahin.“ Wer in einer Stabsstelle mitarbeite, unterliege der Weisung seiner Vorgesetzten. Die freie inhaltliche Arbeit sieht Rothe dadurch gefährdet.

Ein Vorwurf, den das Bistum Passau zurückweist. „Aufarbeitung muss weitergehen. Es braucht Weiterarbeit und Verstetigung, dies ist der gemeinsame Fokus, den der unabhängige Betroffenenbeirat, die unabhängige Aufarbeitungskommission sowie die Bistumsleitung gerade nach der Veröffentlichung der Aufarbeitungsstudie (...) verfolgen.“ Im Bistum Passau wurden 2021 beide Gremien für drei Jahre eingesetzt. Die ursprünglich bis März 2024 laufende Amtszeit sei bis März 2026 verlängert worden.
Aufgrund der verzögerten Veröffentlichung der Aufarbeitungsstudie im Dezember 2025 seien zusätzliche Termine bis Mai 2026 vereinbart, um eine dauerhafte Struktur der Aufarbeitung im Bistum zu etablieren. „Selbstverständlich werden hier auch in Zukunft Betroffene sowie externe Experten vertreten sein“, heißt es vom Bistum auf Anfrage.
Siegfried Lang ist Sprecher des Betroffenenbeirats in Passau. Der 83-Jährige steht hinter der Entscheidung, die beiden Gremien unter dem Dach des Bistums zusammenzuführen. „Wir hatten gemeinsam mit Bischof Oster die Erkenntnis, dass das der sinnvollste Weg ist, die Arbeit überhaupt weiterführen zu können“, sagt Lang. Er ist sich bewusst, dass das in anderen Bistümer anders gehandhabt werde, aber in Passau herrsche eben eine besondere Situation. Die meisten Mitglieder des Beirats wohnen laut Lang nicht in Passau und haben zum Teil sehr weite Anfahrtswege. Um Betroffene betreuen zu können, die sich in Zukunft noch melden könnten, müsse die Arbeit dort aber in permanente Strukturen vor Ort überführt werden. Das könne der Beirat in seiner jetzigen Besetzung nicht leisten.
Sorge, dass die Unabhängigkeit der Aufarbeitungskommission und des Beirats damit verloren gehen könnte, hat er nicht: „Das Vertrauen in das Bistum und den Bischof ist da.“ Lang verweist darauf, dass erst vor wenigen Wochen ein Mahnmal im Passauer Dom eingeweiht wurde. Es zeigt eine schwangere Frau aus Holz.
Das Missbrauchsgutachten, erstellt von der Uni Passau, identifizierte mindestens 672 betroffene Kinder und Jugendliche sowie mindestens 154 beschuldigte Täter, von denen ein Großteil Mehrfachtäter war. 44 Prozent der Opfer waren männlich, 30 Prozent weiblich und bei 26 Prozent sei das Geschlecht unklar. Die tatsächliche Zahl der Betroffenen dürfte laut Gutachten aber deutlich höher gelegen haben, da viele Fälle nur ungenau dokumentiert waren. Neben individuellen Tätern machte die Studie auch strukturelle Faktoren innerhalb der Kirche für das Ausmaß des Missbrauchs verantwortlich. Über Jahrzehnte standen häufig der Schutz des kirchlichen Ansehens und die Wiedereingliederung der Täter im Vordergrund, während konsequente Aufklärung ausblieb.
Das Umfeld aus sogenannten „Bystandern“ – etwa Eltern oder Gemeindemitgliedern – trug zusätzlich dazu bei, dass Missbrauch nicht angezeigt wurde. Besonders betroffen waren häufig sozial benachteiligte und emotional verletzliche Kinder, deren Aussagen zudem oft angezweifelt wurden. „Sehr schmerzhaft und heilsam zugleich“, nannte Bischof Stefan Oster das Missbrauchsgutachten.
Das Bistum Passau wäre das erste Bistum in Deutschland, das beide Gremien in feste kirchliche Strukturen überführt, sagt Wolfgang Rothe. Er wisse, dass die Arbeit im Betroffenenbeirat sehr aufwendig und anstrengend sei. Rothe vermutet jedoch, dass es noch genügend andere Betroffene im Bistum Passau gäbe, die im Beirat in seiner jetzigen Form mitarbeiten würden.

