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Bayerischer Wald:Existenzialist mit Kamera

Martin Waldbauer

Martin Waldbauers Porträts zeigen Menschen aus den Dreiflüsse-Werkstätten in Passau.

Mit seinen radikalen Bildern schwimmt der Fotograf Martin Waldbauer in jeder Hinsicht gegen den Strom. Er nutzt das Medium, um die vielfältigen Schattierungen seiner Heimat zu dokumentieren.

"Es ist schon seltsam", sagt Martin Waldbauer, "längst ist der Bayerische Wald eine blühende Tourismusregion, und doch betrachten uns manche immer noch als Hinterwäldler." Vorurteile halten sich eben hartnäckig, und es lässt sich ja nicht abstreiten, dass die Bevölkerung des Grenzlands einst aus vielen Armen und Bettelleuten bestand sowie aus jenen, die gar nichts hatten. Auch deshalb macht sich Waldbauer fast täglich Gedanken über seine Heimat, über die dort lebenden Menschen und über ihre existenziellen Fragen. Besonders gern tut er das, wenn er im Keller seines Wohnhauses einer Winterarbeit nachgeht, die nur noch einige Alte beherrschen. Früher hat das Besenbinden den Kleinhäuslern ein paar Groschen eingebracht. Wegen des Geldes pflegt Waldbauer dieses Handwerk aber nicht. Er liebt es, aus Birkenästen solide Reisigbesen zu binden, auf diese Weise etwas Nachhaltiges herzustellen und dabei nachdenken zu können. "Kein Besen kehrt besser", sagt er, während er einen haselnussenen Stiel in das Reisigbündel treibt. Einen Augenblick später stehen Nachbarn vor der Tür, jovial rufen sie in den Keller hinein: "Servus Martin, du bist noch so jung und bindest Besen. Bist narrisch?"

Tatsächlich ist Martin Waldbauer erst 33 Jahre alt, aber alte Handwerkstechniken und einen achtsamen Lebensstil schätzt er über die Maßen. Er lebt mit seiner Familie in dem kleinen Dorf Glotzing, einem Ortsteil des Luftkurorts Hauzenberg im Passauer Land. Er ist ganz in der Nähe in einem Wirtshaus aufgewachsen, auch eine Landwirtschaft gehörte zum Anwesen. "Die Arbeit ist dort nie ausgegangen, meine Geschwister und ich mussten immer kräftig mithelfen und hinlangen", erzählt Waldbauer, während er zu einem neuen Reisigbündel greift. Trotzdem denkt er gerne an seine Kindheit zurück, bei aller Arbeit und Enge hat er gelernt, die Natur, die Landschaft und die Menschen, die in dieser Region leben, mit Respekt zu betrachten und sie wertzuschätzen.

Seitdem Waldbauer vor einem guten Jahrzehnt von der Leidenschaft für die Fotografie gepackt wurde, nützt er dieses Medium, um die vielfältigen Schattierungen seiner Waldheimat zu dokumentieren. Die Lichtbildnerei hat in dieser Region eine große Tradition. Dutzende herausragende Fotografen wie Bruno Mooser und Igor Grossmann haben erloschene Welten und den Menschenschlag im Böhmerwald in meisterhaften Bildern festgehalten.

Waldbauer setzt diese Tradition auf faszinierende Weise fort, wobei er fototechnisch gegen den Strom schwimmt. Für ihn ist die Fotografie, ebenso wie das Besenbinden, ein Handwerk, das Hingabe, Ausdauer und Muße erfordert. Das heute übliche Fotoklicken im Sekundentakt mitsamt entsprechender Aufhäufung des digitalen Bildermülls lehnt er ab. Stattdessen treibt Waldbauer die klassische analoge Schwarz-Weiß-Fotografie auf die Spitze. Er belichtet seine Fotos auf rarem, bis zu 80 Jahre altem Spezialpapier, das er weltweit zusammenkauft. Dessen faszinierende Tönung arbeitet er aufwendig mit einer sogenannten Lith-Entwicklung heraus. Er investiert oft Tage, bis er ein einziges Bild ausstellungsreif fertiggestellt hat.

"Ich hänge halt stark am Ursprünglichen", sagt Waldbauer beim Gang in sein kleines Fotolabor, das er sich in einer Kellernische eingerichtet hat. Das Ursprüngliche aber hat es heute schwer - auch im stillen Glotzing, an das sich bald ein großes Gewerbegebiet heranschieben wird. Die Menschen im Dorf sind in Sorge, wegen des zu erwartenden Verkehrs, des Lärms, der steigenden Bodenpreise. Martin Waldbauer sagt, er werde nicht den Bau des Gewerbegebiets dokumentieren, sondern eher "die Menschen und was mit ihnen passiert in diesen Zeiten der Umwälzung".

Fotograf Martin Waldbauer.

(Foto: Raphael Guarino)

Viele Themen, seien sie groß oder klein, beschäftigen ihn. Wie kaum ein anderer Künstler reagiert er auf die Phänomene des Unscheinbaren. So fertigte er beispielsweise Fotoserien über Bauernhände an und über Siloanlagen. Zuletzt erhob er Zigarettenkippen zum Kunstobjekt. Weggeworfene Stummel gruppierte und fotografierte er im Großformat, um damit auf das dahinterliegende Problem hinzuweisen: Dass die vielen Kippen nur langsam verrotten und Gift in die Umwelt absondern.

Auch viele von Waldbauers Porträtaufnahmen bleiben im Gedächtnis haften. Sie sind nicht zuletzt inspiriert von der Kunst des Grafenauer Top-Fotografen Raphael Guarino, mit dem ihn eine Art Seelenverwandtschaft verbindet, wie er selber sagt. Waldbauers wie Guarinos Porträts wirken, als hätten die Fotografen die Zeit kurz angehalten, um in die Seele der Menschen zu blicken. Und um erst dann, in diesem Augenblick, auf den Auslöser zu drücken. Mit vielen Porträtierten arbeitet Martin Waldbauer beruflich zusammen, in den Dreiflüsse-Werkstätten Passau, einer kirchlichen Einrichtung für Menschen mit körperlichen, geistigen oder psychischen Erkrankungen, die dort technische Teile für die Industrie produzieren. Der gelernte Maschinenbaumechaniker und Sozialpädagoge ist dort als Gruppenleiter tätig.

Viele jener Menschen, die gewiss nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, strahlen in Waldbauers Bildern auf je eigene Weise Schönheit, Stolz und Würde aus. Auch Kälte, Dunkelheit und Einsamkeit sind prägende Parameter in Waldbauers Bilderkosmos, und trotzdem verheißen die Fotografien Hoffnung, wie in jenem vom Sturm verwüsteten Wald, in dem noch Bäume aufrecht stehen. Sie mahnen uns: "Passt gut auf eure Heimat auf!"

© SZ vom 08.02.2020/kafe
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