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Sieben-Tage-Inzidenz bei 439:Passau muss daheim bleiben

Coronavirus - Passau

Von Samstag an werden es wohl noch weniger Passauerinnen und Passauer sein, die durch die Stadt laufen. Denn die hohen Infektionszahlen führen zu verschärften Regeln, die etwa nur noch triftige Gründe zulassen, um aus dem Haus zu gehen.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Die Stadt geht in einen Quasi-Lockdown: Für vorerst eine Woche gelten strenge Ausgangsbeschränkungen.

Von Maximilian Gerl

Eigentlich, sagt Passaus OB Jürgen Dupper (SPD), sei man in der Region ja froh, "wenn wir in Bayern mal vorne mit dabei sind". In diesem Fall hätte man gern darauf verzichtet. Denn Duppers Stadt ist Corona-Hotspot Nummer eins im Freistaat - und geht darum in einen Zustand, der einem Lockdown gleichkommt. Von diesem Samstag an gelten strenge Ausgangsbeschränkungen. Das Verlassen der Wohnung ist nur noch aus triftigem Grund gestattet, etwa um zur Arbeit oder zum Einkaufen zu gehen.

Veranstaltungen, der Zugang zu Seniorenheimen und der Schulbetrieb werden weiter eingeschränkt. Das Ziel: die Corona-Neuinfektionen irgendwie begrenzen. Die sind nicht nur für Duppers Geschmack zu hoch. Am Freitag lag die Sieben-Tage-Inzidenz für Passau bei 439. Zum Vergleich: Der bayerische Durchschnitt betrug laut Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) 179.

Passau geht also voran, unfreiwillig. Und gibt damit einen Vorgeschmack, was bald vielen Gemeinden im Freistaat drohen könnte. Das LGL wies zuletzt für 29 Kommunen mehr als 200 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen aus. Wo dieser Schwellenwert überschritten wird, sollen - so haben es Bund und Länder beschlossen - von kommender Woche an strengere Corona-Maßnahmen gelten, um das Infektionsgeschehen einzudämmen. Ab einer Inzidenz von mehr als 300 sollen die Vorgaben noch einmal verschärft werden.

Über den genauen rechtlichen Rahmen der "Hotspot-Strategie" wird am Freitag im Landtag in München debattiert, während in Passau Dupper Tatsachen schafft. Etwas anderes bleibt ihm angesichts der hohen Zahlen vielleicht auch gar nicht übrig. Die neuen Maßnahmen orientieren sich an den Beschlüssen der Staatsregierung vom Donnerstag. Die meisten gelten zunächst bis kommenden Freitag. Veranstaltungen werden auf zehn Teilnehmer und 60 Minuten begrenzt. Die Maskenpflicht, die in Schulen, Läden und der Altstadt gilt, wird auf Gottesdienste ausgeweitet. In der Kirche muss man künftig auch am Platz Mund und Nase bedecken. Und Schulklassen ab der siebten Jahrgangsstufe gehen voraussichtlich bis zum Beginn der Weihnachtsferien in den Wechselunterricht. Alle anderen Jahrgangsstufen sowie die Abschlussklassen bleiben im Präsenzunterricht.

Um generell die Ansteckungsgefahr an Schulen zu minimieren, hat die Staatsregierung bereits für alle bayerischen Lehrer 300 000 FFP2-Masken in Aussicht gestellt - nach eigenen Angaben durchschnittlich zwei pro Person. Wiederverwendbar sind die Masken jedoch nicht. Und die Zeit bis Weihnachten ist lang.

Unklar blieb zunächst, welche Auswirkungen auf den kleinen Grenzverkehr bestehen

Man dürfe jetzt "nicht die Alten, die Kranken, die Schwachen vergessen", sagt Dupper. Tatsächlich gelten in Passau Seniorenheime als ein Treiber der Infektionszahlen. Die Zugangsregeln für Heime hatte die Stadt bereits verschärft, doch da war es schon zu spät. In den vergangenen Tagen wurden immer wieder Ansteckungen bei Bewohnern und Beschäftigten entdeckt; am Freitag meldete die Stadt den Tod eines 92-Jährigen. Wer ein Heim besuchen will, muss sich künftig einem Schnelltest unterziehen - es sei denn, es liegt ein negativer Antigen-Test vom selben Tag vor oder ein negatives PCR-Testergebnis, das nicht älter als 24 Stunden ist. Alle Mitarbeiter müssen sich wöchentlich testen lassen. Auch das folgt der "Hotspot-Strategie", die Reihentestungen ab dem Schwellenwert 300 vorsieht. Offen bleiben dürfen dagegen alle Geschäfte, die auch bislang geöffnet waren.

Unklar blieb zunächst, welche Auswirkungen auf den kleinen Grenzverkehr bestehen. Das Hin und Her zwischen Österreich und Bayern gehört in Passau zum Alltag. Ausflüge über die Grenze sind wahrscheinlich nur noch unter engen Voraussetzungen möglich. Die Skifahrer seien ja die Auslöser für diese Debatte gewesen, sagt Dupper, also "werden da die Radlfahrer und Jogger auch dabei sein". Auch das Silvesterböllern wolle er ins Visier nehmen. Das ist in der Altstadt aus Brandschutzgründen ohnehin verboten und in diesem Jahr zusätzlich im Klostergarten und Oberhausareal, an Inn und Donau.

Die Entscheidungen beobachtet man im nahen Freyung-Grafenau interessiert. Seit Tagen schwankt die Sieben-Tage-Inzidenz dort um den Wert 300. Inwiefern die Vorgaben verschärft werden, kann ein Sprecher des Landkreises am Freitag nicht sagen: Man warte auf konkrete Vorgaben durch die Staatsregierung. Eine Verschärfung im Laufe des Wochenendes ist trotzdem wahrscheinlich. Doch das Infektionsgeschehen ist diffus. Das erschwert die Abwägung, welche Maßnahmen geeignet wären. In Coburg fürchtet man dagegen einpendelnde Thüringer: Die Inzidenz beträgt im Landkreis 204, im benachbarten Hildburghausen mehr als 600.

In Passau will man sich Ende der kommenden Woche wieder zusammensetzen und über die Corona-Maßnahmen beraten. Angesichts der hohen Infektionszahlen würde eine Verlängerung des Quasi-Lockdowns kaum überraschen. "Unbedingt unter 300" solle die Inzidenz, sagt Dupper dazu nur. "Das ist das Mindeste."

© SZ vom 28.11.2020/van/lfr
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