Partylied über "Glöcknerin":"Dorfrocker" versetzen Dingolfing in Aufregung

Partylied über "Glöcknerin": Die Glöcknerin (links) der Dorfrocker aus dem Youtube-Video.

Die Glöcknerin (links) der Dorfrocker aus dem Youtube-Video.

(Foto: Youtube)
  • Mit dem Partysong "Die Glöcknerin von Dingolfing" haben die "Dorfrocker" das niederbayrische Dingolfing heimgesucht.
  • Ob im positiven oder im negativen Sinn, darüber gehen die Meinungen im Netz weit auseinander.
  • Nur im Rathaus hat sich die Existenz des Liedes noch nicht herumgesprochen.

Von Hans Kratzer, Dingolfing

Die Dorfrocker, das sind drei Musiker, deren kulturelle Bedeutung ganz klar in den Titeln ihrer Songs durchschimmert: "Party, Mädels, geile Zeit!" grölten die jungen Männer im Jahre 2007, später komponierten sie krachlustiges Liedgut wie "Remmi demmi", "Auf der Alm" und "Freibier-Otto". Für die Ergüsse der Partymusiker aus dem unterfränkischen Dorf Kirchaich braucht München also nicht unbedingt einen Konzertsaal, es reicht ein dampfendes Bierzelt oder ein schwitziger Schuppen auf Mallorca. Auch in jenen Fernsehshows, in denen Musiker in faschingsähnlichen Klamotten volkstümlichen Frohsinn verbreiten, hüpfen die Dorfrocker gerne auf der Bühne herum. Längst erreicht ihr Tralala ein Millionenpublikum.

Neuerdings wird auch das niederbayerische Dingolfing von den Dorfrockern heimgesucht, wobei noch nicht klar ist, ob sich die BMW-Stadt darüber freuen oder ärgern soll. Eigentlich erwartet man, dass ein Lied über Dingolfing von den dortigen Sehenswürdigkeiten oder vom wirtschaftlichen Boom inspiriert ist. Doch weit gefehlt: Die Dorfrocker nennen ihr Lied "Die Glöcknerin von Dingolfing" und nach dem ersten Reinhören ist festzustellen: Da ist rein gar nichts historisch oder kulturell hochwertig.

Die Glöcknerin ist das, was die Kölner eine dralle Thekenschlampe nennen, und weil's so schön ist, gibt es auch ein Video dazu, auf dem die Dorfrocker in einer Disco feiern und Schnaps saufen, während die Blondine mit ihrem üppigen Vorbau liebevoll vor der Kamera hin- und her wackelt. Eine Textprobe: "Bei Gejohle und viel Applaus holt sie ihre Glocken raus - und sie spielt mit viel Gefühl mit ihrem Glockenspiel, ding dong ding dong klingelingeling, die Glöcknerin von Dingolfing . . ."

Wie das Netz auf den Song reagiert

Die Bild, das stets tugendsame Blatt, ließ in ihrer Online-Ausgabe der Erregung freien Lauf: "Zu schweinisch! Glocken-Ärger für die Dorfrocker". Auch in der Lokalpresse sowie in den Kommentaren in den sozialen Netzwerken kochten die Emotionen hoch, aber in alle Richtungen: "Eine Beleidigung für unser schönes Dingolfing", ist da zu lesen, aber auch: "Super Lied! Dingolfing soll froh sein, dass sie überhaupt irgendwo erwähnt werden."

Die drei Brüder Thomann, die als Dorfrocker firmieren, sind zum einen begabte Texter von sittlich zweifelhaften Texten, zum anderen aber auch geschäftstüchtige Burschen, durch deren Adern ein bisserl viel Testosteron fließt. So treten sie, wenn ein neues Album verkauft werden muss, im Stile von braven Dorfbubis auf (sie untermalten sogar vor ein paar Jahren musikalisch den Wahlkampf der CSU), die aber im Religionsunterricht nicht aufgepasst haben und deshalb zuverlässig eine Entgleisung herbeiführen können.

Was der Bürgermeister von Dingolfing dazu sagt

Im Vorjahr haben sie ihren von der freizügigen Rap-Szene inspirierten Übermut auf die Spitze getrieben. Die Dorfrocker begaben sich mit dem Nacktsternchen Micaela Schäfer in eine kleine Kuratiekirche im Steigerwald, um ein Musikvideo zu drehen. Pfarrer und Mesner hatten nichts dagegen, sind ja brave Buben, hieß es. Doch dann ließ Micaela Schäfer im Gotteshaus sehr schnell die Hüllen fallen, und die Musiker trugen das Nacktmodel vor dem Altar auf Händen. "Nackt-Skandal in der Kirche" tönten die Schlagzeilen, welche die Popularität der Dorfrocker weiter anheizten. Die Diözese prüfte angesichts der Geschmacklosigkeit rechtliche Schritte, doch die Musiker gaben sich kleinlaut und kamen mit einem blauen Auge davon.

In Dingolfing ist die Lage insofern noch entspannt, als die "Glöcknerin" außerhalb der Netzgemeinde noch unbekannt ist. Bürgermeister Josef Pellkofer erklärte am Telefon: "Nein, das Lied kenn' ich nicht!" Dorfrocker Markus Thomann erklärte mittlerweile in der Bild: "Wir wollen keinen Glocken-Krieg, sondern der Stadt Dingolfing ein Denkmal setzen. In den letzten acht Jahren haben wir in mehr als 1000 Orten gespielt, aber leider noch nie in Dingolfing."

Drei Wochen nach dem Erscheinen der "Glöcknerin von Dingolfing" ist das Album bereits auf Platz 4 der deutschen Charts geklettert, wozu neben der Glöcknerin vermutlich auch der Titel "Das Fleisch ist heiß" beigetragen hat. Vor zehn Tagen traten die Dorfrocker erstmals im Kult-Lokal "Bierkönig" auf Mallorca auf. Beim dortigen Mallorca-Opening war das Partyvolk von "Dingolfing" wie besoffen.

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