Es ist ein gar nicht so schlechter Tag für Florian Pronold. Der Parteitag der Bayern-SPD ist gut vorbereitet, sein eigenes Wahlergebnis wird anständig ausfallen. Vielleicht werden, um kurz ins utopische Fach zu wechseln, nach der Landtagswahl im Herbst 2013, wenn am Ende der neue Ministerpräsident Florian Pronold heißt, die Analysten zum Ergebnis kommen, dass es jene späten Junitage des Jahres 2011 waren, in denen Pronold auf die Siegerstraße gelangte.

Vielleicht. Florian Pronold sitzt draußen im Café am Wiener Platz in München, sogar die Sonne scheint über dem Vorsitzenden der bayerischen Genossen. Man könnte jetzt erwarten, dass Pronold etwas Kühnes macht: dass er sein Jackett auszieht, die Krawatte lockert, einen Satz sagt, der lauten könnte: "Das Leben ist schön."
Aber das Leben ist nicht schön, und wenn doch, dann nur auf Widerruf. "Wir Sozis sind darauf programmiert, das Schlechte in der Welt zu sehen", sagt Pronold und meint das nicht ironisch. Es ist eine Grundsatzdefinition, die Pronold da trifft, die Tiefeneinsicht, aus der alles andere erst folgt. Wenn Pronold über bayerische Politik spricht, dann sagt er Sätze der schweren Art. "Der Sozi an sich ist in die Politik eingetreten, um die Welt besser zu machen." "Regieren fällt der SPD Gott sei Dank schwerer als anderen Parteien." "Es ist ein Marathon, den wir gerade laufen - und wir haben jetzt erst fünf Kilometer zurückgelegt." Irgendwann wird es selbst Pronold zu düster. Auf einmal geht ein Ruck durch seinen Körper, er schlenkert seine Arme von sich, schnippt mit den Fingern - auf einmal wird der Parteichef Pronold wieder zum jugendlichen Flori aus Deggendorf. Eigentlich, sagt er dann, "bin ich relativ relaxed".
Relativ entspannt: Es ist eine merkwürdige Stimmung, in der die Bayern-SPD ihr immer kleiner gewordenes Schiff gerade durch die politischen Wogen im Freistaat steuert. Zum einen gibt es dieselbe Depression wie immer, der Frust am Verharren unter der 20-Prozent-Marke. Und dann gibt es eine angesichts des jahrzehntelangen Niedergangs fast skurrile Aufbruchsstimmung. "Es gibt eine echte Chance", raunt Pronold. "In Bayern hat sich etwas verändert."
Zwar ohne nachhaltiges Zutun der Bayern-SPD, aber sei's drum: Es ist ein Gefühl in der Luft, dem sich nicht einmal die bayerische SPD entziehen kann. Die Vision, dass es 2013 klappen könnte mit der Abwahl der CSU und einem neuen Regierungsbündnis aus SPD, Grünen und Freien Wählern. Selbst eine schwachbrüstige SPD könnte rechnerisch auf einmal mit den boomenden Grünen und den soliden Freien Wählern in die Nähe der absoluten Mehrheit kommen, sagen die Umfragen.
Das ist das Gefühl, das Florian Pronold manchmal lächeln lässt. Schon hat er überraschend früh und deutlich gesagt, dass er nach einem Machtwechsel sein Bundestagsmandat in Berlin mit einem Posten an der Isar tauschen will. Schon sagt er auch, dass es nicht daran scheitern würde, wenn die SPD nur zweiter Sieger hinter den Grünen wird: "Warum soll ich mir da jetzt schon graue Haare wachsen lassen?", brummt Pronold. "Das entscheidet sich sowieso erst in den letzten drei Wochen vor der Wahl."
Es ist das grün-rote Vorbild aus Baden-Württemberg, das die Genossen zurzeit den Duft der Macht schnuppern lässt, die viel beschworene "Südschiene". Das Wort stand früher für die unverbrüchlich scheinende Vormacht der Union im Süden und Südwesten. Nach der CDU-Niederlage im Nachbarland erklärte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer die Südschiene für erledigt - ganz anders die SPD. "Die Südschiene ist sehr lebendig", sagt die Generalsekretärin der Bayern-SPD, Natascha Konen: "Sie hat nur andere Farben."
Auch deshalb hatte die Parteitagsregie gar nicht erst in Betracht gezogen, zum Delegiertentreffen am Wochenende in Germering hochrangige Parteifreunde aus Berlin einzuladen. Statt einem Sigmar Gabriel oder einer Andrea Nahles kommt Nils Schmid. Denn der Vize-Regierungschef aus Stuttgart kann erklären, was auch bayerische Spitzengenossen fasziniert: Wie man mit einem miesen Wahlergebnis an die Macht kommt. Am Ziel, aus einem solchen Schub von außen irgendwann einen sich selbsttragenden Aufschwung zu machen, werkelt neben Pronold und der nimmermüden Natascha Kohnen auch der ebenfalls noch junge SPD-Fraktionschef im Landtag, Markus Rinderspacher, mit.
Er bemüht sich gerade, die bislang etwas fußlahmen Genossen im Maximilianeum auf Trab zu bringen.All das wird ein langer Weg, denn die Lage ist womöglich schlechter als die Stimmung. Nur durch eine Beitragserhöhung schaffte es Pronold, Entlassungen in den SPD-Büros zu verhindern. Viele Regionen im Freistaat sind für die SPD weiter Diaspora, eine Parteireform ist eingeleitet und wartet noch auf durchschlagenden Erfolg. "Es hilft gar nichts, die Situation schön zu reden", sagt Pronold.
Er ist mit seinen 38 Jahren erst seit zwei Jahren Bayern-Chef der SPD. Und dennoch sitzt er schon seit 20 Jahren im Landesvorstand, ein anderer Platz, ein anderes Leben für ihn scheint unvorstellbar zu sein. Ein rauschendes Wahlergebnis wird er wohl nicht bekommen, "alles über 60 Prozent ist in der Bayern-SPD ein gutes Ergebnis". Pronold will es nicht anders. "Klatschparteitage" nennt er verächtlich das Programm der CSU-Konkurrenz: "Da will ich nie im Leben tauschen."