Grüne in der Identitätskrise Graue Veteranen

Jung, chaotisch, unangepasst und irgendwie sexy: Was die Grünen früher waren, sind jetzt die Piraten. Zumindest im Vergleich sieht die Ökopartei plötzlich ziemlich alt aus. Doch eine Erneuerung lehnt die Spitze der bayerischen Grünen ab.

Von Frank Müller und Mike Szymanski

Es gibt Freudiges im Plenarsaal des Landtags zu verkünden: Die Grünen-Abgeordnete Renate Ackermann hat Geburtstag. Man kann sich ja zoffen in diesem Saal, wie man will. Aber wenn einer Geburtstag hat, sitzt hier eine Großfamilie beisammen.

Mit Blumensträußen ziehen die Abgeordneten der Grünen zur ihrer ersten Sitzung im bayerischen Landtag nachdem sie bei der Landtagswahl 1986 7,5 Prozent erreicht haben.

(Foto: dpa)

Die Politiker reichen einander die Hand. Und die engsten Mitglieder dieser Familie, die von Ackermanns Grünen-Fraktion, haben ihr eine Sonnenblume mitgebracht. Renate Ackermann ist 60 Jahre alt geworden. Seit 1989 ist sie bei den Grünen, 2003 wurde die Sozialexpertin zum ersten Mal in den Landtag gewählt. Man könnte sie eine altgediente Politikerin nennen - aber das hören sie bei den Grünen nicht mehr gerne, seitdem die Piraten den Grünen genüsslich vorhalten: "Ihr seid alt!"

Alt? Nicht nur, dass die Piraten ein Parlament nach dem anderen entern: Jetzt haben sie auch noch die Grünen in eine Art Midlife Crisis gestürzt. Sie lassen die Grünen nicht nur in den Umfragen alt aussehen - sie halten ihnen auch noch einen Spiegel vor. Das Durchschnittsalter ihrer 19 Fraktionsmitglieder liegt bei 52 Jahren. Nur sechs Abgeordnete sind unter 50. Im Landtag ist eine grüne Pioniergeneration regelrecht ergraut bei dem Versuch, in Bayern an die Regierung zu gelangen.

Renate Ackermann sagt: "Die Partei ist mit ihren Aktiven älter geworden, gesetzter." Sie findet das nicht schlimm, spürt aber auch, dass sich die Grünen verändert haben: "Wenn ich manchmal daran denke, was wir früher für Aktionen gemacht haben", sehnt sie die alten Zeiten herbei. Sie erzählt, wie sie und andere Grüne sich in ihrer fränkischen Heimat für eine Eiche eingesetzt hatten, die einem Behördenbau weichen sollte. Eine Baumbesetzung. "Diese Spontanität, ob die heute noch da ist", fragt sich Ackermann. Sie glaubt das nicht. "Ich bedauere das."

Heute verfassen die Grünen Dringlichkeitsanträge und Anfragen in beamtenmäßiger Gründlichkeit, wenn sie etwas erreichen wollen. In der Fraktion haben sie das Expertentum auf die Spitze getrieben - Fraktionschef Martin Runge, 54, kann die Beamten des Wirtschaftsministerium mit seinen detailversessenen Anfragen zu diesem und jenem regelmäßig zur Weißglut bringen.

Nicht auf ewig die Unerfahrenen, die Unzuverlässigen

Sie haben Profis für alles: Rechtsextremismus, Landesbank, Energie, Kommunales. Leute, die einem noch beim Plausch auf der Landtagsterrasse Zahlenkolonnen herunterbeten können, auf die Kommastelle genau. Als ob sie immer noch beweisen müssten, dass sie Politik auch wirklich können, dass sie nicht auf ewig die Unerfahrenen, die Unzuverlässigen sind.

"Wir haben dafür gekämpft, dass wir nicht mehr die Außenseiter sind", sagt Co-Fraktionschefin Margarete Bause. Das sind jetzt die Piraten: jung, chaotisch, unangepasst und irgendwie sexy. Margarete Bause versucht, gelassen zu bleiben, wenn sie auf die Konkurrenz und deren Forderungen nach Transparenz angesprochen wird: "Bei Bürgerbeteiligung brauchen wir uns wirklich nichts vormachen zu lassen."

Altgediente Grüne wie Bause oder ihr Freisinger Kollege Christian Magerl, der ebenfalls schon in der ersten Landtagsfraktion ab 1986 saß, denken zwar manchmal mit einem Hauch von Melancholie an die alten wilden Tage. Zurück haben aber wollen sie diese nicht. "Diese chaotischen Zeiten waren natürlich auch verdammt anstrengend", sagt Magerl, 56. "Irgendwann muss man erwachsen werden."

Auch die 53-jährige Bause, die 2013 als Spitzenkandidatin antritt, spricht momentan gern über Erfahrung. Natürlich müssten Partei und Fraktion sich verjüngen sagt sie. Aber nicht jetzt. Immerhin könne es 2013 erstmals ernst werden mit einer Regierungsbeteiligung: "Gerade dann brauchen wir Leute mit Erfahrung." Schließlich könne kein Nachwuchsmann aus dem Stand ein Ministerium führen: "Da brauchen Sie eine Sicherheit, die in den Personen liegt."

Deswegen ist auch die Neigung bei den Älteren, noch einmal anzutreten, ziemlich hoch: 2013 will fast jeder dabei sein, für den Nachwuchs bleibt eher der Zugang über die erhofften zusätzlichen Mandate durch ein gutes Ergebnis. Dafür sollen die Veteranen sorgen, argumentiert Runge: "Wenn jetzt viele der Platzhirsche sagen, sie hören auf, dann haben wir ein deutlich schlechteres Ergebnis." Für Runge, Bause und Co. geht es auch darum, dass ihr großer Traum vom Regieren doch noch wahr wird.

So vertrösten die Alten die Jungen. Die beiden Fraktionsjüngsten haben erlebt, wie schwer es ist, sich da zu behaupten: Claudia Stamm (41) und Ludwig Hartmann (33). "Man muss sich seinen Platz erkämpfen.", sagt Hartmann. 2008 zog der Schwabe in den Landtag ein, geschenkt wurde ihm nichts. Renate Ackermann sieht die Probleme. Sie spürt, dass es der Fraktion gut tun würde, wenn mehr Jüngere sich ausprobieren. Sie zieht daraus ihre eigene Konsequenz: 2013 tritt sie nicht mehr an.