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Seuchen:"Niemand ist in Familien zur Pflege da, an die Kartoffelernte ist nicht zu denken"

Schon beim Ausbruch der Spanischen Grippe in den Jahren 1918 und 1919 wurden Gesichtsmasken als Schutz vor einer möglichen Ansteckung verwendet.

Schon beim Ausbruch der Spanischen Grippe in den Jahren 1918 und 1919 wurden Gesichtsmasken als Schutz vor einer möglichen Ansteckung verwendet.

(Foto: Vitalis Verlag)

Die Spanische Grippe beschäftigte vor gut 100 Jahren auch in Bayern die Politik - ein Protokoll einer damaligen Landtagssitzung erinnert fatal an die Corona-Krise.

Von Hans Kratzer

In den vergangenen Jahrhunderten ist Bayern mehrmals von Pandemien heimgesucht worden. Obwohl die historischen Ausgangslagen nicht zu vergleichen sind, werden in den Reaktionen von Politikern und Medizinern dennoch erstaunliche Parallelen sichtbar. Dies belegt zum Beispiel das Protokoll der Sitzung des bayerischen Landtags vom 30. Oktober 1918, in der die Abgeordneten die Folgen der sogenannten Spanischen Grippe erörterten. Es war eine verheerende Malaise, die fatalerweise mit dem Kriegsende und mit der Revolution zusammenfiel.

Diese Seuche raffte weltweit 20 bis 100 Millionen Menschen dahin. Für 1918 vermerkt das "Statistische Jahrbuch für den Freistaat Bayern" unter der Todesursache Grippe 20 321 Zivilisten. "Binnen weniger Tage begann die Krankheit fürchterlich um sich zu greifen", sagt der Historiker Manfred Vasold. In München sei man seit Jahresmitte hilf- und ratlos gewesen. Keine Pandemie sei bis dahin so aggressiv verlaufen. Menschen seien auf der Straße zusammengebrochen. Wie beim Coronavirus war auch bei der Spanischen Grippe oft ein Lungenversagen todbringend. Die meisten Opfer starben schnell, wie den alten Todesanzeigen zu entnehmen ist.

Im Gegensatz zum Coronavirus befiel die Grippe allerdings bevorzugt junge Menschen, die meisten Opfer waren zwischen 15 und 30 Jahre alt. Wie Corona war die Spanische Grippe eine Pandemie ohne wirksamen Impfschutz. Die Schulen wurden für mehrere Wochen geschlossen, weil Tausende Schüler erkrankt waren. Geöffnet blieben zumeist die Theater und Vergnügungsstätten - man wollte die Stimmung in der vom Krieg eh schon geplagten Bevölkerung nicht noch weiter drücken.

Das Protokoll der Landtagssitzung vom 30. Oktober 1918 zeigt noch mehr Ähnlichkeiten zur Corona-Krise. Auch damals sahen sich die Politiker einer Pandemie gegenüber, über deren Verlauf sie bei Weitem kein vollständiges Bild hatten. Der Auslöser, das Influenzvirus, sollte erst 1933 entdeckt werden.

Für den Münchner Historiker Ferdinand Kramer sind die Argumentationsmuster von 1918 höchst aufschlussreich. "Sie zeigen auch, wie schwierig es für die politisch Verantwortlichen war, auf der Basis unsicherer Daten zu einer Lageeinschätzung zu kommen und adäquat zu handeln." In der Debatte wurde zunächst deutlich, dass die Grippe infolge des - auch kriegsbedingten - Ärztemangels nicht genügend bekämpft werden konnte.

Der Zentrumsabgeordnete Georg Stang verlangte deshalb eine Freigabe aller irgendwie entbehrlichen beim Heere diensttuenden Ärzte sowie eine rasche Zuweisung von Autoreifen, Schläuchen und Betriebsstoffen. Autozubehör war damals ein Kardinalmangel und ähnlich gravierend wie zurzeit der fehlende Mund- und Hygieneschutz.

Dem Mangel an Ärzten und Betriebsstoffen entspricht der jetzige Mangel an Pflegepersonal. Es herrschte Einigkeit im Landtag, dass die Grippe bei Menschenansammlungen verschleppt werde. Stang bat darum, die leer stehenden Schulräume einer gründlichen Reinigung und Tünchung zu unterziehen. Eine Desinfektion sei, wie er einem bezirksärztlichen Gutachten entnehme, nicht nötig, sagte er.

Dass die Versammlungsfreiheit beschränkt werden müsse, wurde nicht bezweifelt. Die Notwendigkeit von Versammlungen in schwieriger Zeit sei aber nicht zu vermeiden, sagte Stang. Als nicht notwendig bezeichnete er den Besuch von Theatern, Kinos und Kabaretten. Er bat die Staatsregierung, deren Schließung zu verfügen. Stang bedauerte, dass der Wein so teuer sei, er wäre für manchen vielleicht das beste Vorbeugungsmittel, und der Tabak auch. "Sehr richtig!", pflichteten ihm andere Abgeordnete bei.

Der SPD-Abgeordnete Sigmund von Haller kritisierte, man hätte solche Maßregeln viel früher ergreifen müssen. Außerdem habe man die Kirchen vergessen. Wenn Massenansammlungen verboten würden, müsse man auch hier konsequent sein. Gerade weil ein absolutes Urteil über die Krise nicht möglich sei, hätte man von Anfang an energisch vorgehen sollen. "Was in dieser Richtung in Bayern geschehen ist, geschah spät und unvollkommen", monierte Haller.

Adolf Dieudonné sagte als zuständiger Sachreferent des Innenministeriums für Medizinalwesen, eine durchgreifende Verhütung und Bekämpfung der Grippe sei ungemein schwierig. Der Erreger werde durch Husten und Niesen in die Umgebung gebracht. Als wichtigste Maßnahme nannte er Reinlichkeit, auch des Rachens durch fleißiges Gurgeln mit Kochsalzlösung, und der Hände durch fleißiges Waschen. "Wenn man diese Grundsätze durchführt, wird man zweifellos einen gewissen Schutz bekommen."

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Der Wortmeldung des Abgeordneten Karl Munzinger ist zu entnehmen, wie gravierend die Not an Pflegepersonal und an landwirtschaftlichen Helfern war. "Niemand ist in Familien zur Pflege da, an die Kartoffelernte ist nicht zu denken." Er forderte dringend, Möglichkeiten zu schaffen, um Arbeitskräfte zu bekommen.

Viele dieser Problem scheinen auch in der Corona-Krise auf. Es gibt aber einen großen Unterschied. Damals spitzte sich die prekäre Situation durch das Kriegsende dramatisch zu. Für die Historiker ist die zeitliche Parallele besonders interessant. Die Sitzung vom 30. Oktober 1918 war die vorletzte Sitzung vor der Revolution. Während sich der Landtag und die Regierung mit den Folgen der Spanischen Grippe beschäftigten, "wurde parallel von anderen die wenige Tage später erfolgreiche Revolution vorbereitet", sagt Ferdinand Kramer.

© SZ vom 17.04.2020/lfr

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