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Painten:Der Schichtarbeiter

Wolfgang Häckel klopft sich seit 18 Jahren Zentimeter für Zentimeter auf der Suche nach Fossilien durchs Gestein. Der Geologe und Paläontologe hat schon versteinerte Überreste von Hochseekrokodilen und Flugsauriern gefunden

Von Birte Mensing, Painten

Wolfgang Häckel hat das Schatzsucherfieber gepackt. Seine aktuelle Suche begann am 19. März 2001 im Kalksteinbruch in Painten (Landkreis Kelheim). Seitdem ist er jeden Wochentag dort und trägt Schicht für Schicht die Steine ab. Die Schätze, die er sucht, sind die versteinerten Überreste von Quastenflossern, Hochseekrokodilen oder Flugsauriern. Manchmal findet er monatelang nichts. "Wir kommen dem nächsten großen Fund immer näher", sagt er sich und seinen Kollegen immer wieder.

Mit Hammer, Meißel und Auge macht er sich ans Werk, zerschlägt Platte für Platte, fünf bis 15 Zentimeter sind die dick. Sein Kollege sitzt auf einem Limokasten, er auf einem Stück Styropor. Nach jedem Schlag begutachtet Häckel routiniert die Bruchseite. 20 hauchdünne Schichten auf einem Zentimeter. Wenn sich zwischen den Schichten ein Fossil verbirgt, erkennt Häckel es schon am Verlauf kaum sichtbarer Linien im Querschnitt. "Diese Null ist die Wirbelsäule und die Punkte deuten auf Flossen hin." Es ist ein kleiner Fisch namens Tharsis, der Hering der damaligen Zeit, wie Häckel sagt. Mit seiner Latzhose und kariertem Hemd sieht er genau so aus, wie man sich einen Schatzgräber vorstellt und erinnert ein wenig an Peter Lustig.

Im Laufe vieler Jahre wurde bei den Grabungen schon manch neue Art als Fossil entdeckt.

(Foto: Birte Mensing)

Schon als Kind hat er beim Wandern in der Fränkischen Schweiz seine ersten Fossilien gesammelt. Wolfgang Häckel arbeitet seit 18 Jahren in Painten, weil er in Erlangen zusammen mit Raimund Albersdörfer Geologie und Paläontologie studiert hat - der Wissenschaft von den Lebewesen vergangener Erdzeitalter. Albersdörfer sicherte sich die Rechte an den Fossilien im Paintener Steinbruch, er bezahlt dem Kalkwerk eine Gebühr und den Paläontologen im Steinbruch ein Gehalt. Dafür darf er die Fossilien behalten - und verkaufen. "Ich bin mittlerweile mehr im Flugzeug als im Steinbruch", sagt er. Mit Geld aus Verkäufen und privatem Vermögen finanzieren Fossilienhändler Albersdörfer und seine Frau Ausgrabungen in aller Welt. Der Steinbruch in Painten ist das langfristigste Projekt. Die besten Stücke stellen Museen aus, andere hat Albersdörfer an Sammler verkauft. Viele präparierte Tiere bleiben bei den Albersdörfers und gesellen sich zu den Tausenden der privaten Sammlung. Unzugänglich für andere Wissenschaftler.

Es ist eine bunte, aufregende Landschaft, die Häckel und Albersdörfer in ihren fast zärtlichen Erzählungen von der Jura-Zeit zeichnen: Die Paintener Wanne war eine Lagune, umgeben von einem Riff im tropischen Meer. Hier unten am Meeresboden, auf dem die Männer jetzt stehen, gab es keinen Sauerstoff. Und deshalb kein Leben, keine Pflanzen, keine Tiere. Was oben im Meer oder auf den Inseln starb und absank, finden Häckel und seine Kollegen heute zwischen den Steinplatten genau so, wie es vor 153 Millionen Jahren aufgekommen ist. Viele der Arten sind wissenschaftlich noch nicht erfasst. "Die Universitäten haben weder Geld noch Personal, um selbst hier zu graben", sagt Albersdörfer.

Graben als Lebensinhalt: Wolfgang Häckel sitzt Tag für Tag auf seinem Styroporkissen und zerschlägt Steinplatten.

(Foto: Birte Mensing)

Abgesehen von den Schlägen der Paläontologen und den Maschinen des Kalkwerks ist nicht viel zu hören. Der helle Stein blendet in der Junisonne. Die Gesichter der Männer sind wettergegerbt, die beigen Sonnenhüte schützen vor der direkten Einstrahlung. Jetzt im Sommer bleibt Häckel gerne mal, bis es dunkel wird. Wäre hier nur ein Mann am Werk, er hätte für die Fläche 70 Jahre gebraucht. Ein ganzes Leben. Im Winter präparieren Häckel und seine Kollegen die Funde unterm Mikroskop.

Die Fossilien hier sind einzigartig in Bayern, aber auch weltweit. Das größte vollständige Meereskrokodil haben Häckel und Kollegen hier ausgegraben. In den benachbarten Gebieten um Solnhofen und Eichstätt seien die Funde auch beeindruckend, aber ein paar Tausend Jahre jünger. Ab und an kommen Exkursionen von Universitäten, aber Besuch ist eher selten.

Auch Albersdörfer kommt nur noch, um Funde abzuholen. Seit April hat Häckel in dieser Saison nur Kleintiere wie Seeigel gefunden, aber auch einen Quastenflosser, einen bis zu zwei Meter langen Fisch, den es so ähnlich noch heute gibt. Die guten Funde kommen meist am Freitagnachmittag, erzählt Häckel. Dann heißt es Wochenendschichten. Mehrmals wurde er schon aus dem Urlaub gerufen, denn "der Wolfgang hat das Röntgenauge", sagt Albersdörfer.

Schicht für Schicht tragen Wolfgang Häckel und seine Kollegen ab: in jedem Stein kann ein paläontologischer Schatz schlummern.

(Foto: Birte Mensing)

Nicht alle Gesteinsschichten sind ergiebig, die oberen Meter werden abgebaggert. Da waren die Ablagerungsbedingungen nicht optimal. Auch in den "höffigen Schichten" sind immer wieder Kieselbänder und Schuttlagen dazwischen. "Aus diesen Kieselschichten haben unsere Vorfahren Messer gehauen, die Kanten sind wirklich scharf", sagt Häckel. Auf seiner Stirn ist zu sehen, wo ihn zuletzt ein Splitter traf.

Dunkel zeichnet sich auf dem grauen Stein das Muster einer Pflanze ab. In der Sonne scheint es zu glitzern. Häckel kann sich daran jeden Tag wieder freuen. Aber nicht lange, es ist noch viel zu tun. Nach einer Viertelstunde hat Häckel so viele Steine zerschlagen, dass sie eine Schubkarre füllen. Für jede Ladung malt er mit Bleistift einen Strich auf eine Kalkplatte. Er will berechnen, wie schnell sie vorankommen. Dann schiebt er die Karre auf die Schutthalde. Er merkt sich genau, wo er sie ablädt. Denn oft findet er einen Knochen und merkt: Der Rest muss schon auf der Halde liegen. "Man findet was Tolles und dann hat man's kaputtgeklopft", sagt Häckel und lacht. Dann heißt es suchen. Aber selbst wenn er mal zwei Wochen suchen musste, am Ende hat er die Teile immer wiedergefunden, erzählt er.

Das unermüdliche Mahlen des Sandwerks neben der Ausgrabungsstelle erinnert daran, dass ohne die Paläontologen aus den Paintener Urzeittieren Sand oder Putz werden würde. Noch hat Häckel jedes Jahr mindestens eine neue Art gefunden. Und er hofft, dass er eines Tages ein Liopleurodon findet, einen Meeressaurier. Bisher hat er nur dessen Zahn gefunden, neben einem Krokodil. Ob er bis zur Rente einen findet, ist zweifelhaft, aber unter der nächsten Platte schon könnte einer liegen. Er wiederholt sein Mantra: "Wir kommen dem nächsten großen Fund immer näher."

Ein Teil der Funde aus dem Kalksteinbruch in Painten wird vom 23. Juli an als Sonderausstellung im Urweltmuseum in Bayreuth gezeigt. Infos im Internet unter www.urwelt-museum.de

© SZ vom 27.06.2018
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