Pädagogischer Bauernhof in Elmatried Der Naturflüsterer

Leben und leben lassen: Seit mehr als 20 Jahren betreibt Bernhard Hummel mit seiner Familie in Elmatried einen pädagogischen Bauernhof.

(Foto: Johannes Simon)
  • Die Familie Hummel betreibt ihren Hof in Elmatried als pädagogischen Bauernhof.
  • Die Kühe werden dort nicht gemolken und ein Baum wird nur gefällt, wenn er dem zustimmt.
  • Der Hof finanziert sich über einen Verein: 80 Mitglieder unterstützen das Projekt.
Von Sarah Kanning, Elmatried

Es war der Tod einer Fruchtfliege, der bei Bernhard Hummel 1975 einen Schalter umlegte. Der damalige Abiturient in Freiburg sollte das Insekt in ein Gläschen Äther locken, weil die Biologieklasse Fliegen unter dem Mikroskop untersuchen wollte. "Doch ich habe protestiert, alle aufgehetzt. Warum sollen wir die Lehre des Lebens über den Tod untersuchen?", erinnert sich Hummel, heute ein stämmiger Mann mit Schlapphut und Cordhose. Statt in Gläschen, entließen die Schüler 3000 Fliegen in die Klassenzimmerluft.

Auch wenn die kleine Rebellion 40 Jahre her ist, hört man Bernhard Hummels Stimme bis heute einen gewissen Stolz an. Aus der Überzeugung, Tiere nicht einfach zu töten, Bäume nicht einfach zu fällen und Pflanzen nicht einfach herauszurupfen, ist ein Konzept geworden: der Hummelhof in Elmatried bei Kempten im Allgäu. Seit mehr als 20 Jahren betreibt Familie Hummel - Bernhard Hummel, seine Frau Andrea und acht Kinder - ihn als pädagogischen Bauernhof mit heilpädagogischer Tagesstätte. Soll beispielsweise eine Esche für den Kuhstall gefällt werden ("das sonnigste Tier braucht sonniges Holz"), so frage er diese, ob sie Teil des Stalls sein wolle, sagt Hummel. "Man merkt es, wenn der Baum nicht will. Dann hat man das Gefühl, der passt nicht zu uns."

Die Familie will bedrohte Tierrassen erhalten

Angelehnt an das Konzept der biologisch-dynamischen Landwirtschaft von Rudolf Steiner bewirtschaftet Familie Hummel 20 Hektar Land und konzentriert sich neben der Lebensmittelproduktion auf den Erhalt alter und vom Aussterben bedrohter Nutztierrassen, Wildtiere und Pflanzen. 100 Gesellschafter legten vor 25 Jahren zusammen, damit sie Hof und Wohnhaus kaufen konnte. 80 Vereinsmitglieder haben sich auf sieben Jahre verpflichtet, jeden Tag einen Euro in das Projekt zu stecken. Nur so kann Bernhard Hummel finanzieren, dass er seine Kühe nicht melkt ("Ich will kein ausbeuterisches Verhältnis, sondern eher ein Liebesverhältnis") und dass 16 Kinder der heilpädagogischen Einrichtung auf dem Hof mithelfen und mit den Therapie-Eseln arbeiten können.

Auf dem Bauernhof von Bernhard Hummel gibt es neben vielen Tieren auch eine heilpädagogische Tagesstätte.

(Foto: Johannes Simon)

Über ihre Projekte berichtet die Familie in einem Blog (https://hummelhof.wordpress.com). Im Hofladen verkauft Hummel Obst und Gemüse, "aber am liebsten würde ich es verschenken, an Asylbewerber oder Hartz-IV-Empfänger, damit die sich auch gutes Essen leisten können". Beetpatenschaften für 65 Euro im Jahr, bei denen Familien Acker, Saatgut und Arbeitsgeräte erhalten, bringen zusätzlich etwas Geld ein.

Zusammen mit 60 Drittklässlern der Freien Schule Albris, der ehemaligen Waldorfschule in Kempten, an der Hummel als "Lehrer für alles" arbeitete, baute er vor einigen Jahren den Kuhstall mit Blick in die Landschaft, auf den Schlangenteich und die Streuobstwiesen, auf Hecken, Kräuterbeete und Korbweiden. Drinnen riecht es nach Heu und warmem Fell. Wie reagiert Hummel auf den Hinweis, dass Kühe kurzsichtig sind und die eingebauten Runen und sauberen Glasfenster vielleicht gar nicht schätzen könnten? Er lächelt. "Sie müssen sich das hier mal anschauen, wenn die Sonne scheint. Da merken Sie, wie ruhig die Tiere werden, wie sie genießen", sagt er. Dann singe er ihnen vor, "Do you really love a woman" oder schweizerische Volksweisen mit sanfter Stimme.

Alle Tiere dürfen bleiben, bis sie sterben

Er striegelt die Tiere am Morgen und führt sie spazieren. Sie dürfen bleiben, bis sie sterben, wie alle Tiere auf dem Hof. Die zahmen Enten, die Hummel aus der Hand füttert, die Gans, die Fremde wie ein Wachhund anfaucht, die Schweine Stunki und Kunki, die im Lehmboden tiefe Kuhlen graben, die Schafe. Bevor er ein Tier verkauft, schaut er sich den Käufer an, zum Schlachten verkauft er keines. "Wenn, dann schlachte ich selbst", sagt er. Dann drehe er eine Runde mit dem Tier, danke ihm mit einem Gedicht und ziehe hinter dem Rücken das Bolzenschussgerät hervor. Das Tier stirbt angstfrei, sagt Hummel.

Obwohl sein Hof Biosiegel- und Demeter-Kriterien erfüllt, protestiert Bernhard Hummel dagegen, dass man den Hummelhof auf Schubladen und Begriffe reduziert. Er träumt von Größerem, von einer richtigen Hummelhof-Bewegung, die wächst, der sich Menschen anschließen und die später von anderen weitergetragen wird. "Es ist so wichtig, dass Kinder erleben, wie vernetzt Natur ist und wie alles zusammengehört", sagt Hummel. Über seinen Alltag sagt er: "Es macht mir Lebensfreude, ich trage diesen Hof mit mir mit."

Für den Tipp bedanken wir uns bei Bernhard Hummel aus Kempten.