Religion und KinderViel Glitzerkleber zur Auferstehung

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Im oberpfälzer Kindergottesdienst glitzert es, auf dem Kalvarienberg bei Wolfratshausen leuchtet das Kreuz immer zu Ostern rot.
Im oberpfälzer Kindergottesdienst glitzert es, auf dem Kalvarienberg bei Wolfratshausen leuchtet das Kreuz immer zu Ostern rot. (Foto: Hartmut Pöstges)

Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. Ein Blick in einen Kindergottesdienst zeigt: Der Spirit ist definitiv da! Nur vielleicht ein bisschen anders als gewohnt.

Von Deniz Aykanat

Ein kleiner Ort in der Oberpfalz, irgendwann während der Karwoche, der Gottesdienst für die Kindergartenkinder geht gleich los. Ein paar Vierjährige sitzen aufgeregt in der ersten Reihe und diskutieren über das, was sie in den vorherigen Wochen über Ostern gelernt und erfahren haben. „Der Herodes ist voll gemein!“, „Tut das weh? Das mit den Nägeln?“, „Der Jesus hat eine Krone mit Zahnstochern auf dem Kopf!“

Ein Kind will ganz genau wissen, was nach der Kreuzigung passiert ist: „Haben die den in ein Loch getan? Mit Erde obendrauf?“ Indignierte Antwort der Fünfjährigen eine Reihe weiter: „Die haben den in eine Höhle gelegt!“

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Weitere Streitereien müssen warten, der Kindergottesdienst geht los, es werden Szenen des Kreuzweges in der Comic-Version an die Kirchenwand projiziert. Krönender Abschluss ist eine pantomimisch begleitete Pop-Version des Vaterunser. Die Kinder fuchteln gekonnt mit den Armen in der Luft herum (bei „Himmel“ die Hände hoch, klar. Bei der „Versuchung“ schauen alle Kinder ganz böse und machen eine Stopp-Hand). Der Pfarrer ist beeindruckt von der Textsicherheit des Kirchennachwuchses und versucht, es ihnen nachzutun.

In Bayern gibt es immer weniger Kirchenmitglieder, vermeldete neulich die Deutsche Presse-Agentur. Waren 2011 noch mehr als 70 Prozent der Bevölkerung im Freistaat Mitglied der katholischen oder evangelischen Kirche, lag der Anteil 2022 noch bei knapp über 60 Prozent. Das besagen Zahlen des Statistischen Landesamtes.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann wendete daraufhin ein: „Die individuelle Spiritualität und Religiosität des Menschen kann statistisch nicht abgebildet werden und hängt nicht nur mit der Kirchenzugehörigkeit zusammen.“

Also an den Kindern liegt's nicht. Da ist definitiv Spirit da. Sie rennen jetzt jeder mit einem gebastelten Leporello durch die Kirche. Der Kreuzweg in selbst gestalteten Bildern: Kreuzigungsszene aus Eierkarton-Fitzelchen, Auferstehung mit viel Glitzerkleber, mancher Esel sieht verdächtig nach Einhorn aus.

Und statt Vaterunser in der Pop-Version hört man ein Mädchen inbrünstig, also quasi frisch beseelt auf dem Kirchplatz trällern:

„Wär' ich ein Möbelstück//Dann wär ich eine Lampe aus den Siebzigern//I glüh gern vor//I geh gern aus//Mir haut's die Sicherungen raus!“

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