Er ist also wieder zurück. Olaf Metzel, international gefragter Bildhauer, zeigt eine Schau seiner Werke in Nürnberg. Und natürlich will man da wissen: Wie war das vor exakt 20 Jahren, als Metzel mit einer Großskulptur, allgemein „Stuhlturm“ genannt, für Nürnbergs seltsamsten Aufreger der vergangenen Jahrzehnte gesorgt – und es mit diesem Kunsttumult bis in die Tagesschau gebracht hat?

Metzel gilt als einer, der geradeaus formuliert, Antworten können da auch mal undiplomatischer ausfallen. Diese Frage aber geht dem Künstler offenkundig gar nicht auf die Nerven. Klar doch schildere er das noch mal. Wie er darum gebeten worden ist, etwas beizutragen zu dem in Nürnberg geplanten Stadtkunstparcours aus Anlass der Fußball-WM 2006. Wie er also das Werk hat aufbauen lassen, eine aus ausrangierten Stadionsitzen konstruierte Skulptur, die sich – einem riesigen WM-Pokal nicht unähnlich – um den Schönen Brunnen am Hauptmarkt schraubt. Und wie dann, als er nach einem Urlaub gerade gelandet war, das erste Boulevardblatt bei ihm angefragt hat: Ob er sich noch nach Nürnberg traue?
Natürlich habe er das für lustig gehalten. Bis er dann in der Stadt war. Und sich, mit Blick auf ausgehängte Boulevardschlagzeilen samt Porträtfoto vom Künstler, gleich mal mit einem gezischten „Das isser“ konfrontiert sah. Kurz darauf der erste Passant vor ihm ausspuckte. Und er sich alsbald mit der Frage auseinandersetzen musste, warum es am zentralen Stadtplatz Zäune und nervenstarkes Sicherheitspersonal braucht, um die Kunst vor den Wutmenschen zu bewahren.


Übertreibt da einer? Könnte man meinen, immerhin war Nürnberg bereits vor 20 Jahren eine Großstadt mit mehreren Hunderttausend Einwohnern. Während aber der Künstler erzählt, kommen die Bilder zurück. Wie Metzel am Kunstwerk Kusshände verteilt und hinterm Gitterzaun „Drecksau“ zu hören ist. Wie Menschen allen Ernstes in Mikrofone sprechen, sie würden „weinen“ angesichts der „Schande“, dass der Schöne Brunnen – ein Wahrzeichen – nicht mehr zu sehen ist, der drapierten Stadionsitze wegen. Und wie täglich Plakate vom Schutzzaun entfernt werden mussten. Auf einem stand zu lesen: „Hängt den Verantwortlichen am Hauptmarkt auf!“ Daneben war eine Skizze zu sehen, ein Mensch baumelte an einem Galgen. Zum Mensch am Galgen führte ein Pfeil: „Lehner“.
Julia Lehner (CSU) war 2006 erst seit vier Jahren Kulturreferentin. Dass sie die WM-Tage – das Ge-Metzel am Hauptmarkt – politisch überleben würde, bezweifelten zu der Zeit viele. Damals habe sie sich nicht vorstellen können, sagt sie bei der Ausstellungseröffnung, 20 Jahre später immer noch für die Nürnberger Kultur zuständig zu sein. Wenn auch inzwischen als Kulturbürgermeisterin – und nur noch wenige Tage im Amt. Metzel sei einer, der die „Dinge auf den Punkt“ bringe. Was man auch jetzt wieder, angesichts der Werkschau „Oder etwa nicht?“, vor Augen geführt bekommt.

Metzel antwortet auf Lehner, er freue sich sehr, wieder in Nürnberg zu sein. Er, jawohl, liebe diese Stadt. Zumal er es für eine vorzügliche Idee halte, im alten NS-Großbau auf dem Reichsparteitagsgelände, der Kongresshalle, Kunst zu zeigen. Für bestimmte seiner Werke habe er selten ein passenderes Setting erlebt: Etwa für seine „Deutsche Kiste“, ein Objekt aus Stahlbeton, das massiv deformiert wirkt. Und womöglich auch für sein „Idealmodell PK/90“, die perforierte Skulptur einer überdimensionierten Schusswaffe. Metzels jüngste Arbeit heißt „fascinating fascism“, sie nimmt Bezug auf einen berühmten Essay von Susan Sontag – und die Nürnberger Kongresshalle.
Die Ausstellung „Oder etwa nicht?“von Olaf Metzel ist zu sehen bis zum 11. Juni 2026 in der Kongresshalle Nürnberg, im Segment#16.

