War Olaf Gulbransson (1873–1958) ein politisch naiver Mensch? Oder war der Ausnahmezeichner und begnadete Selbstdarsteller ein Nutznießer des Nationalsozialismus’? Eher letzteres, meint Andrea Bambi. „Wie politisch naiv kann man sein, wenn man jahrzehntelang für das Satiremagazin Simplicissimus arbeitet und täglich politische Themen auf dem Tisch hat?“, fragt die bekannte Provenienzforscherin der staatlichen Museumsagentur Bayern. Bis vor Kurzem war sie als Referentin für das Gulbransson gewidmete Museum in Tegernsee zuständig, das eine Zweiggalerie der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ist.
Im Rahmen einer Podiumsdiskussion hat Andrea Bambi jüngst gemeinsam mit dem Historiker Magnus Brechtken, dem stellvertretenden Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, und der Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Tworek über das Verhalten des Künstlers in der NS-Zeit debattiert.
Der Norweger, seit 1902 in Deutschland, war im Jahr 1929 nach Tegernsee gezogen. Er hatte an der Akademie in München gerade die Nachfolgeprofessur von Franz von Stuck angetreten. Ludwig Thoma, den er oft zu Redaktionssitzungen des Simplicissimus am Tegernsee besucht hat, ist bereits seit acht Jahren tot. Doch noch leben viele Künstler am See. Max Mohr, Arzt und einer der erfolgreichsten Bühnenautoren der Weimarer Republik, oder die Schriftstellerin Grete Weil, die sich ganz als Einheimische fühlt.
Schließlich ist Weil 1906 als Margarete Dispeker in Egern geboren, der Vater Fritz Dispeker ist Rechtsanwalt und Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde. Andere kommen zur Sommerfrische. Thomas Mann mit Familie etwa oder der Schriftsteller Bruno Frank und seine Frau Liesl, den Carl Zuckmayer regelmäßig besucht.

Wenige Jahre später hat sich die Kunstlandschaft radikal verändert. Viele Künstler sind geflohen. Max Mohr wandert 1934 nach Shanghai aus. Grete Weil flüchtet 1935 nach Amsterdam, überlebt, nach der Ermordung ihres Manns Edgar in Mauthausen, dort mit der Mutter im Untergrund. Bruno und Liesl Frank emigrieren wie die Manns über mehrere Stationen in die USA. Dafür fühlen sich die Nationalsozialisten immer wohler am See. Viele NS-Größen haben dort Landhäuser, in denen sie den „Führer“ gern empfangen.
Es gibt auch Künstler, die bleiben. Zum Beispiel Olaf Gulbransson. Er hat mit den neuen Machthabern keine Probleme, obwohl er erlebt, wie die SA 1933 die Redaktionsräume des Simplicissimus verwüstet und seine Ausstellung in der Städtischen Galerie, dem heutigen Lenbachhaus, nach wenigen Tagen geschlossen wird. Es entgeht ihm auch nicht, dass sein Berliner Galerist Alfred Flechtheim Ende Mai 1933 fliehen muss. „Er schwankt in diesem Moment“, sagt Andrea Bambi.

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Aber er fängt sich schnell, schließlich profitiert er von den neuen Machtverhältnissen, wird hofiert und ausgezeichnet. Unterschreibt 1933 den „Protest der Richard Wagner-Stadt München“, eine böse Attacke gegen Thomas Mann und dessen Vortrag „Leiden und Größe Richard Wagners“, nach Ansicht der 43 Unterzeichner eine Verunglimpfung des Komponisten. Auch wenn Gulbransson, neben Richard Strauss und Hans Pfitzner einer der berühmten Unterzeichner, versucht, die Unterschrift zurückzuziehen, die 30-jährige Freundschaft ist nicht mehr zu retten. „Ein Beispiel dafür, wie schnell ein System von außen Menschen trennen kann“, findet Tworek.
Doch es gibt noch weitere Entgleisungen Gulbranssons. Übel der Brief an Walter Buch, den obersten Parteirichter für Säuberungsaktionen innerhalb der NSDAP. Darin lästert Gulbransson über seinen ehemaligen Redaktionskollegen Thomas Theodor Heine. „Ein Jud wird immer jemand finden, der ohne es zu wissen, für ihn die Arbeit tut“, schreibt er.
Er schickt Franz von Epp, Reichstatthalter in Bayern, zum 70. Geburtstag eine Radierung, wendet sich an Paul Giesler, Gauleiter von München und Oberbayern, um seiner Frau den Arbeitsdienst zu ersparen. Lässt sich von Hans Frank, Generalgouverneur von Polen, „eine ausländische Arbeitskraft“ besorgen und bedankt sich brieflich ausgiebig für den Zwangsarbeiter. „Beziehungen helfen, auch damals“, kommentiert Brechtken dieses Verhalten. Grundsätzlich sei die NS-Politik so ausgerichtet gewesen, Künstler durch derartige Gunstbezeigungen zu korrumpieren.

Für den Historiker ist der Nationalsozialismus zunächst vor allem eine bayerische Bewegung. 1923 scheiterte zwar Hitlers erster Putschversuch, aber der milde Umgang der Justiz mit dem Attentäter sei bereits Ausdruck des konservativen, monarchistischen Zeitgeistes gewesen. Angesichts dieser Strukturen sei es nicht erstaunlich, dass knapp 60 Prozent der Deutschen bei den Reichstagwahlen 1932 dezidiert antidemokratische und antiparlamentarische Parteien – NSDAP, KPD und die Deutschnationale Volkspartei – wählten. „Hätte es andere Traditionsstränge gegeben, hätten die Nazis keine Chance gehabt“, sagte Brechtken.
Neben denjenigen, die Hitlers Machtübernahme euphorisch begrüßten, gab es das breite Feld der vorsichtig abwartenden Opportunisten. Einer davon ist Gulbransson. „Er erhält sein Gehalt weiter, wird Mitglied der Reichskulturkammer, kann ohne Einschränkung weitermachen, muss sich nur ein bisschen anpassen.“ Nur einer kleinen Minderheit ist sofort klar, dass sie mit dieser Form der Machtausübung nichts zu tun haben will.
Nach 1945 gab es zwar Kritik an Gulbransson, aber seiner Witwe Dagny Bjørnson-Gulbransson gelang es, seinen Nachruhm zu pflegen und die richtigen Kontakte zu knüpfen. Das verdeutlichen schon die Schirmherren des Museums: Theodor Heuss und Ludwig Erhard.
Immerhin habe sich Gulbransson bei den Nazis nicht angebiedert und keine Judenkarikaturen gezeichnet, sagte Michael Beck. Er ist der Vorstandsvorsitzende der Olaf Gulbransson Gesellschaft, die sich der Pflege des Werkes des Künstlers widmet und das Museum in Tegernsee mitverwaltet und betreibt. „Sein Werk verändert sich in all der Zeit nicht.“ Manchmal sei das Werk eben besser als sein Autor, erwiderte Tworek. „Aber Künstler müssen aufgrund ihrer politischen Haltung kritisiert werden dürfen.“

