1910 suchte Richard von Kühlmann, kaiserlicher Botschaftsrat in London, für die damals übliche vier- bis sechswöchige Urlaubszeit eine geeignete Jagdpacht, am besten im bayerischen Voralpenland. Es war die befreundete Schriftstellerin Annette Kolb, die bei dem berühmten Maler Friedrich August von Kaulbach auf dessen Besitz in Ohlstadt weilte und ihn einlud. Kaulbach, „ein etwas schwieriger und launischer Herr“, wollte sich von Teilen seines an den Abhängen des Heimgartens gelegenen Reviers aus Altersgründen trennen. Dafür galt es in Ohlstadt eine Bleibe zu finden.
Er fand am Dorfende den Raunerhof, ein „reizvolles Mittelding zwischen oberbayrischem Bauernhaus und Südtiroler Ansitz“, kaufte und erweiterte ihn. Mit seiner Frau verbrachte er dort regelmäßig die Sommer- und Herbstwochen. „Dieser bescheiden und abgelegene Fleck Erde wuchs mir immer fester ans Herz“ hielt er in seinen anschaulichen „Erinnerungen“ (1948) fest.
Geboren 1873 im damaligen Konstantinopel, verbrachte Kühlmann seine frühe Kindheit in feudalem, eurasischem Ambiente. Sein Vater war im Dienst der Deutschen Bank Direktor des Großkonzerns der anatolischen Eisenbahnen. Dieselbe Bahn, die den militärischen Nachschub im Krieg gegen die Armenier 1915/16 absicherte.
Seine Mutter war eine fränkische Aristokratin, es war sein Großvater, der seinen in der Türkei beruflich gebundenen Vater ersetzte. Nur ungern verließen sie die imposante türkische Metropole in Richtung eines dörflichen Münchens („…jenseits des Siegestors trug alles noch ausgesprochen ländlichen Charakter“). Dort stießen ihm Einförmigkeit und Ordnung auf, das Leben beobachtete er aus einer privilegierten Wohnung Ecke Odeonsplatz/Brienner Straße.
Anfang der 1890er-Jahre ließ die Familie von dem Architekten Gabriel von Seidl ein prunkvolles Haus an der Gabelsbergerstraße gegenüber der Alten Pinakothek bauen, damit waren die Kühlmanns einer der Mittelpunkte der Münchner Gesellschaft. Im elitären Augsburger Benediktiner-Institut für höhere Bildung ertrug er die übliche strenge Gymnasialzeit.

Jura studierte er von 1892 an in Leipzig, Berlin und München, ein typisches Studentenleben seiner Zeit. Das Studium scheint ihn wenig ausgefüllt zu haben, intensiver erwähnt er die Hautevolee Münchens, andere Sozialschichtungen tauchen kaum auf. Es ist eine geschlossene Welt, in der er lebt. Selbst das Staatsexamen scheint privilegiert, glaubt man den damaligen Gepflogenheiten. Zu den Klausuren mitbringen durften die Kandidaten in einem Bücherkasten Sekundärliteratur ihrer Wahl, die er um „einige Flaschen leichten, aber guten Bordeaux sowie umfangreiche Hasenpastete“ ergänzte. Er bestand mit Auszeichnung.
Seine Promotion 1896 in Heidelberg war ihm kaum der Rede wert. Doch beides ermöglichte ihm – genauso wie die väterlichen Beziehungen zu dem Reichskanzler Chlodwig Fürst von Hohenlohe – den Eintritt ins Auswärtige Amt. Schon nach einem Vierteljahr wurde er der deutschen Botschaft in Sankt Petersburg als Legationssekretär zugewiesen. Schnell schien er Russisch gelernt zu haben, damit beherrschte er drei Sprachen, seit seiner Kindheit Englisch und Französisch und nun Russisch.
In einem Pariser Atelier beeindruckte ihn das Bild eines Mädchens – das er später heiratete
Interessant ist eine Denkschrift Kühlmanns aus dem Jahr 1904, worin er die Ursprünge russischer Expansionspolitik analysierte, ein früher Beleg für sein Denken als Verständigungspolitiker. Es schloss sich Teheran an, ehe er 1904 nach einer kurzen Station in London, in Marokko akkreditiert wurde. In seinen Aufzeichnungen über diese Zeit finden sich unterschiedlichste Wahrnehmungen wie über den Wert von Zeitungen, so etwa der Londoner Times, „die auch technisch so vollkommen war, dass Exemplare mit Druckfehlern als begehrte Sammlerstücke galten“; in einem Pariser Atelier beeindruckte ihn „das Bildnis eines schönen, dunkeläugigen Mädchens“, es war Marguerite von Stumm, Tochter eines saarländischen Stahlmagnaten, sie heirateten 1906, sowie Einschätzungen über den Kaiser.
Anders als dessen spätere Biografen schildert er ihn als „zweifellos glänzend begabt“, hochgebildet, mit allen Details vertraut. Zugrunde lag wohl gegenseitige Sympathie. Die deutsche Provokation in französischer Hemisphäre, den Landgang Kaiser Wilhelms in Tanger, erlebte er unmittelbar, versuchte aber die dadurch entstandene veritable Krise 1905 mit seinen französischen Beziehungen zu beheben. Das Risiko, die offizielle Frankreichpolitik des Kaisers zu unterlaufen, nahm er in Kauf. Seinem Grundmuster „Verständigung statt Konflikt“ sollte er als Diplomat treu bleiben.
Kurz weilte er in Washington, in seinen „Erinnerungen“ beschrieb er die Bahnreise von New York nach Washington in Zeiten der Prohibition. Da jeder Staat dazu eine eigene Gesetzgebung hatte, durchquerte der Pullman-Speisewagen abwechselnd „trockene“ und „nasse“ Staaten. Die Kellner räumten je nachdem den Alkohol von den Tischen ab, um ihn nach der nächsten Staatsgrenze wieder auf den Tisch zu stellen.
1908 wurde er als Botschaftsrat nach London versetzt, wo er bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 blieb. Anders als der Kaiser empfand er die englische Politik nicht als „grundsätzliche Feindschaft“ Deutschland gegenüber, vielmehr glaubte er an einen Ausgleich auf der Basis einer deutschen Flottenreduktion, unter Wilhelm II. ein Tabu. Geschickt nutzte er seinen Spielraum und konnte 1913 mit England einen Vertrag über die kolonialen Ansprüche in Afrika aushandeln.
Während des Krieges sehen wir ihn in Schweden, Holland und als Botschafter in der Türkei, bis er vom 5. August 1917 bis 9. Juli 1918 als Staatssekretär im Auswärtigen Amt in Berlin, vulgo Außenminister, fungierte. Man sah in ihm die geeignete Persönlichkeit für einen Verständigungsfrieden (er selbst glaubte nie an einen „Sieg“-Frieden). Konkret wurde er mit dem Friedensschluss mit Russland in Brest-Litowsk beauftragt.
Doch anders als die Oberste Heeresleitung (OHL) unter Hindenburg und Ludendorff lehnte er eine Zugangssperre Russlands zur Ostsee und eine unmittelbare Stationierung der kaiserlichen Armee vor Sankt Petersburg ab, dies berge mit Sicherheit einen latenten Konflikt. Kühlmann plädierte dafür, die militärische Ohnmacht der Bolschewiki zu nutzen, zumal die Russen am 3. März um Frieden nachsuchten. Doch den imperialen Plänen der OHL stand er im Wege und nach einer Rede im Reichstag im Juni, in der er einen deutschen Sieg in Zweifel zog, musste er zurücktreten.
Ohne sein Wissen wurde er in einer Kabinettsliste einer Regierung Goerdeler als Außenminister genannt
Er zog sich auf sein Gut Ohlstadt zurück, schrieb Bücher und vertrat die Familie Stumm in mehreren Aufsichtsräten. Dank seines Beziehungsnetzes erhielt er Einladungen in die USA und England, wo er Roosevelt und Churchill die Situation Deutschlands nach dem Versailler Friedensvertrag darlegen konnte. Im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er fünf Monate lang von der Gestapo inhaftiert. Ohne sein Wissen wurde er in einer Kabinettsliste einer Regierung Goerdeler als Außenminister genannt.
Das Leben in Ohlstadt schien er genossen zu haben, es knüpfte an die Zeit mit seiner ersten Frau an, die bereits 1917 starb, und in der viele Künstler und Schriftsteller wie Kaulbach, Gulbransson, Annette Kolb, Harry Graf Kessler, Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke ihre Gäste waren. 1920 heiratete er in zweiter Ehe Anne-Marie von Friedländer-Fuld, die Ehe wurde 1923 geschieden.
Mit Kühlmann starb 1948 ein Diplomat aus dem alten Europa, der sich militaristischen Szenarien entzog, um als Realist an einen modernen Verständigungsfrieden zu glauben. Er wurde 1948 auf dem Stumm'schen Schloss Ramholz im hessischen Schlüchtern begraben.



