Der Bewerber braucht einen Lebenslauf, Nachweise über die eigene Qualifikation und natürlich ein Motivationsschreiben. Da soll dann die Vision für Oberstdorf drinstehen. So verlangen es die dortigen Freien Wähler, die dafür einen „Spitzenjob mit Gipfelaussicht“ bieten. Allerdings, und das ist ein kleiner Haken: Der Gewinner der Bewerbung erhält keinen Vertrag für eine Festanstellung. Er muss sich – im Namen der Freien Wähler – dann erst so richtig bewerben. Nämlich im Wahlkampf, um das Amt des Bürgermeisters in Oberstdorf.
Die Freien Wähler sind eine erfolgreiche und große Fraktion in Oberstdorf. Eine eigene Kandidatin, einen eigenen Kandidaten für die anstehenden Kommunalwahlen 2026 haben sie aber trotz Gesprächen mit potenziellen Bewerbern nicht gefunden, sagt Fraktionschef Peter Titzler. Also haben sie sich darauf besonnen, was sie 2002 schon einmal gemacht haben und was damals laut Freien Wählern gut ankam: einen Bürgermeisterkandidaten per Annonce suchen, der Amtsinhaber Klaus King herausfordert. Im Bayerischen Staatsanzeiger und in der Süddeutschen Zeitung sind die Gesuche erschienen. „Ich kann mir vorstellen, dass das viele juckt“, sagt Titzler.
Das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Die Freien Wähler Oberstdorf sind nicht die erste Partei und nicht der erste Ort, der auf solch einem Weg einen Rathauschef sucht. Auf der Nordseeinsel Wangerooge hatten CDU, SPD und Grüne erst im Sommer die Bewerbungsfrist verkürzt, weil sehr rasch etwa 500 Bewerbungen für die von ihnen ausgeschriebene Stelle als Bürgermeisterkandidat eingegangen waren. Und Oberstdorf ist ja nicht irgendein Ort, schreiben die Freien Wähler in ihrer Annonce: Sie ist die südlichste Gemeinde Deutschlands und zugleich mit 230 Quadratkilometern die flächenmäßig drittgrößte in Bayern. Vor allem aber spielt Oberstdorf touristisch in der deutschen Spitzenklasse, mit 2,5 Millionen Übernachtungen pro Jahr – und einer imposanten Gebirgskulisse.
Mit Tourismus sollten Bewerber also schon etwas am Hut haben, sonst brauchen sie sich gar nicht zu melden. Und Führungskompetenz wäre auch nicht schlecht, bei rund 300 Mitarbeitern, die es anzuleiten gilt. Dafür gibt es ein Beamtenverhältnis auf Zeit und eine Besoldung nach der Gruppe B3, das sind knapp 10 000 Euro im Monat. Bleibt halt noch das Problem mit dem Amtsinhaber, der seinen Job ganz gerne selbst behalten würde – auf Wangerooge hat der per Annonce gesuchte Kandidat am Ende verloren.


