Beim Big Crash ist am Ende einiges kaputt: 75 Flaschen, Gläser, Teller und Tassen dürfen Besucher zertrümmern, auch fünf kleine Möbelstücke wie Stühle, Nachtkästchen oder Beistelltische. Sie dürfen einen Vorschlaghammer oder Baseballschläger auswählen, ein Brecheisen oder einen kleinen Hammer – und dann dürfen sie, was ja gar nicht so leicht ist, ihre ganze Wut auch noch an einem Ecksofa, einem Schrank oder einem Esstisch auslassen.
Mit dem Alpencrash hat im Allgäu der erste sogenannte Wutraum eröffnet: Gruppen von bis zu fünf Personen können hier in einem Ortsteil von Stiefenhofen bei Oberstaufen einmal so richtig die Sau rauslassen – auch mit einem kleineren Crash, mit weniger Zerbrechlichem und weniger Holz. Der Effekt soll aber derselbe sein: Glückliche und am Ende verschwitzte Menschen, die ihren Frust rausgelassen haben oder einfach Spaß haben wollten.
Erfunden haben es, wie so oft, die US-Amerikaner. Von dort haben die beiden Geschäftspartner Mücahit Aydin und Tobias Allgayer die Idee übernommen. Sie haben Videos in sozialen Netzwerken gesehen, auch von Schauspieler Will Smith, der augenscheinlich großen Spaß an seinem Besuch in einem Wutraum hatte. Und sie haben sich gedacht: Das machen wir in Deutschland. Nur hatten sie die deutschen Behörden nicht auf der Rechnung.
Es hat zwei Jahre gedauert, bis sie alle Genehmigungen zusammen hatten, bis sie den örtlichen Gemeinderat knapp überzeugen konnten, was Lärmbelästigung und die Beseitigung all der zerschmetterten Gegenstände anbelangt. In Stuttgart und in Berlin gibt es bereits ähnliche Angebote, in Bayern etwa seit Kurzem auch in Landsberg. Aber jetzt haben sie auch im Allgäu ihren Alpencrash eröffnet, seit Mai – und schon einige Besucher gehabt.


„Viele Junggesellenabschiede sind dabei“, sagt Aydin. Einmal kam eine Bikergang, einmal kamen aber auch zwei Frauen. „Die eine hatte Beziehungsprobleme, die wollte wirklich Frust ablassen.“ Vorwiegend junge Leute, haben sie im Alpencrash bemerkt, überkommt offenbar ab und an das Bedürfnis, ein paar Sachen kaputtzuschlagen. Die Gäste sind laut Aydins Schätzung zwischen 20 und 45 Jahren alt. Und die meisten Anfragen sowie die meisten Likes auf ihren Alpencrash-Plattformen in sozialen Medien kommen von Frauen.
Sie sind es auch, die lieber Flaschen, Gläser und Geschirr zerdeppern. „Die Männer sagen: Möbel sind besser“, berichtet Aydin. Frauen verhalten sich demnach zumeist auch vorsichtiger, bis sie die erste Hemmschwelle überwinden. Wobei das generell bei den meisten Besuchern zu sehen sei, sagt Aydin. „Viele müssen die Scheu ablegen. Im normalen Leben kriegt man ja Ärger, wenn man etwas kaputt macht, das fühlt sich im ersten Moment nicht richtig an.“
Wobei die meisten Besucher zum Vorschlaghammer greifen, der deutlich beliebter ist als Baseballschläger oder Brecheisen. „Mit dem macht es am meisten Spaß“, weiß auch Aydin, gemeinsam mit seinem Geschäftspartner hat er vor der Eröffnung das Angebot immer mal wieder selbst getestet, schon allein für die Sicherheit.
Sie stellen ihren Gästen Schutzkleidung zur Verfügung, Overall, Handschuhe, Schutzbrille und inzwischen auch einen Helm. Elektronische Geräte oder auch Kühlschränke dürfen im Alpencrash nicht zertrümmert werden, wegen Brandgefahr und möglicherweise austretenden Gasen. 30 bis 90 Minuten haben Besucher Zeit, je nach Buchung. Die wenigsten haben alles nach kurzer Zeit kurz und klein gehauen, hat Aydin beobachtet. „Die meisten brauchen ein paar Pausen, das ist ziemlich anstrengend.“
Der Trödel, den sie in den Wutraum stellen, wäre ohnehin auf dem Müll gelandet. Aydin und Allgayer kooperieren unter anderem mit Entrümpelungsfirmen und mit Hausmeistern, auf Wertstoffhöfen würden sie sich auch gerne bedienen, aber das ist rechtlich nicht möglich. Den zersplitterten Müll, den ihre Gäste hinterlassen, räumen sie ins Lager und lassen ihn mit Containern abholen. Nachschub zu besorgen, ist offenbar kein Problem. „Uns geht so schnell nichts aus“, sagt Aydin.


