bedeckt München 13°

Obersalzberg:Hochgiftiges Nazi-Erbe

Hitlers Berghof

Der Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, den Hitler zu seinem Domizil ausbauen ließ.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
  • In diesem Sommer sollen auf dem Obersalzberg Straßen mit altem, marodem Nazi-Teer herausgerissen und durch den gewohnten Kies für Forststraßen ersetzt werden.
  • Das Problem: Der Teerabfall ist offenbar hoch krebserregend. Wie und wo der Schutt entsorgt werden soll, ist noch unklar.
  • Die Nazis nutzten die Wege zum Patrouillieren, sie ziehen sich über 13 Kilometer Länge.

Von Heiner Effern, Obersalzberg

Auf 13 Kilometer ziehen sich die Straßen hin

Nicht nur hinauf zum Eagles Nest, dem Kehlsteinhaus, ließ Adolf Hitler auf dem Obersalzberg eine Straße bauen, auch die Hänge darunter durchzieht bis heute ein feines Netz aus geteerten Wegen. Anfangs dienten sie den Nazis zum Spazieren, später sorgten auf ihnen Patrouillen dafür, dass das Sperrgebiet oberhalb von Berchtesgaden ausschließlich Hitler und seinen Parteibonzen vorbehalten blieb.

Heute nutzt diese immer noch "Patrouillenwege" genannten Straßen neben Radfahrern oder Fußgängern hauptsächlich der Eigentümer, die Bayerischen Staatsforsten. Nicht mehr lange allerdings: In diesem Sommer soll auf 13 Kilometern Länge der alte, marode Nazi-Asphalt herausgerissen und durch den gewohnten Kies für Forststraßen ersetzt werden. Ein Teil der Wege wird aufgelassen. "Die Vorbereitungen laufen schon", sagt Peter Renoth, stellvertretender Chef des Forstbetriebs in Berchtesgaden.

Mit dem Abbruch der Straßen endet auch die Diskussion darüber, ob das Verkehrsnetz der Nazis unterhalb des Kehlsteins unter Denkmalschutz gestellt werden soll. Das private Obersalzberg Institut, das sich intensiv mit dem Nazi-Erbe oberhalb von Berchtesgaden auseinandergesetzt hat, sprach sich im Jahr 2009 ausdrücklich dafür aus. Das Landesamt für Denkmalpflege nahm den Gedanken auf und prüfte, ob die alten Straßen auf die bayerische Liste zu setzen seien. Mittlerweile hat das Institut seine Arbeit eingestellt und die Denkmalschützer stellten fest: Lediglich die Straße zum Kehlsteinhaus hinauf, auf der heute Busse Touristen nach oben fahren, ist schützenswert.

Streit um die richtige Entsorgung

Dass die Pläne der Staatsforsten, in diesem Sommer die Straßen auf dem Obersalzberg zu erneuern, schon Monate vorher publik werden, hat mit einem Umweltskandal im Landkreis Passau zu tun. Dort verbaute im Jahr 2010 ein Recycling-Unternehmen offenbar illegal bis zu 10 000 Tonnen vergifteten Teerabfall bei der Errichtung eines Aussiedlerhofs.

Dieselbe Firma übernahm im gleichen Jahr gut 1300 Tonnen Asphalt-Abfall vom Obersalzberg, nachdem dort eine erste Nazistraße saniert worden war. Messungen hatten laut Forstamt Berchtesgaden damals ergeben, dass in einem Kilogramm Müll knapp 7000 Milligramm polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten waren. Der Stoff kann stark krebserregend sein, von einem Wert ab 1000 Milligramm pro Kilo gilt er laut Landesamt für Umwelt als "gefährlicher Abfall".

Was mit dem kontaminierten Schutt passieren soll

Der hohe Giftanteil war allerdings nicht der Grund, warum die Straßenarbeiten auf dem Obersalzberg 2010 gleich wieder ins Stocken kamen. "Wir haben alles ordnungsgemäß erledigt, die Wiegescheine liegen vor", sagt Forstamts-Vize Renoth. "Was mit dem Material passiert ist, entzieht sich unserer Kenntnis." Auch die Kritik von Berchtesgadener Umweltschützern, das giftige Material sei über Monate unsachgemäß gelagert worden, weist er zurück. Der Grund waren die Untersuchungen der Denkmalschützer. Sobald der Schnee geschmolzen ist, will der Forst nun loslegen. Allerdings behutsam:

Teile des noch am Berg liegenden Straßenbelags sind noch giftiger als die erste Tranche. Die Behörden tüfteln derzeit an einem Plan, den kontaminierten Nazi-Asphalt umweltschonend zu entsorgen. Ins Passauer Land wird der Schutt wohl nicht gehen. "Wir werden den Teufel tun und einen Entsorger beauftragen, der im Verdacht steht, sich rechtswidrig verhalten zu haben", sagt Forstmann Renoth.

© SZ vom 21.01.2015/vewo/odg
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema