Oberpfalz Wenn das Schlachtfeld zur Festspielbühne wird

Further Drachenstich: Bei dem Schauspiel, das seit mehr als 500 Jahren in Furth aufgeführt wird, rettet der tapfere Ritter Udo die Einwohner vor dem gefährlichen Drachen.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Hussitenblut und Drachenstich: Von Neunburg bis Furth im Wald ist man bereit für die Festspielzeit. Die Oberpfalz setzt auf regionales Kulturgut - und investiert viel in die historischen Festspiele. Davon profitieren nicht nur Mittelalterfans.

Von Wolfgang Wittl

Wimpel und Fahnen schmücken bereits die Straßen, Ladenbesitzer dekorieren ihre Schaufenster um. Metzgereien bieten Hussiten-Grillfleisch an, eine Brauerei braut ein Hussiten-Zoiglbier. Wer ein Restaurant besucht, kann zwischen einem Pfalzgraf-Johann-Spieß oder dem rustikalen Hussitengulasch wählen. Zur Verdauung empfiehlt sich ein Hussitenschnaps - wahlweise als Obstler oder als roter Likör namens Hussitenblut. Kein Zweifel: Neunburg vorm Wald ist wieder einmal bereit für seine Festspielzeit.

Seit gut 30 Jahren wird in der Stadt im östlichen Landkreis Schwandorf das Burgfestspiel "Vom Hussenkrieg" aufgeführt, ein Freiluftstück mit 130 Akteuren, das 600 Jahre alte Geschichte auf die Bühne bringt, diesmal von 5. Juli an. Ein Festspiel, das davon kündet, wie dieser Landstrich nach der Hinrichtung des böhmischen Reformers Jan Hus in ein Schlachtfeld verwandelt, wie Heimat verwüstet wurde. Und das beweist, welch prägenden Einfluss die Aufführung auf die 8000 Einwohner große Stadt inzwischen ausübt. "Identitätsstiftend" sei das Stück, ein "Markenzeichen mit großer Außenwirkung", betont Bürgermeister Martin Birner.

Lange Tradition

Historische Festspiele haben von den Alpen bis zum Main eine lange Tradition, jedes für sich stellt ein regionales Kulturgut dar. In der Oberpfalz allerdings haben Festspiele noch einmal eine besondere Bedeutung. Die Dichte an Aufführungen ist auffällig hoch - woran das liegt, darüber können auch die Beteiligten nur Mutmaßungen anstellen. Womöglich seien die Städte hier noch mehr an der eigenen Geschichte interessiert als anderswo, sagt Bürgermeister Birner. Der Slogan seiner Stadt lautet: "Zukunft mit Herkunft."

Für Städte wie Neunburg, die sich in einer strukturschwachen Region zu behaupten versuchen, ist das Festspiel längst auch zum wirtschaftlichen Faktor geworden: Es lockt Touristen an, es steigert den Bekanntheitsgrad, die Stadt bekommt ein besseres Image. Manfred Beer, der Spielleiter aus dem benachbarten Oberviechtach, stimmt dem zu. Wenn wie jetzt die Aufführungen von "Doktor Eisenbarth" laufen - einem Sohn der Stadt, der im 17. und 18. Jahrhundert als fahrender Chirurg zur medizinischen Berühmtheit avancierte, sei Oberviechtach in aller Regel ausgebucht.

Die Stadt zahlt drauf

Für den Veranstalter, die Stadt, bedeutet ein Festspiel als solches indes ein Draufzahlgeschäft - trotz der vielen ehrenamtlichen Helfer und Schauspieler. Bühne, Kostüme und Lichttechnik haben ihren Preis. In Neunburg, das sich zudem einen Regisseur aus Hamburg leistet, liegen die Ausgaben im sechsstelligen Bereich. Dafür genügen die Aufführungen mehr und mehr professionellen Ansprüchen. Wenn er Kosten und Nutzen gegenüberstelle, kommt der Oberviechtacher Festspielleiter Beer zu dem Schluss: "Kultur rechnet sich nicht, aber sie zahlt sich aus." In Neunburg bringt allein der Mittelaltermarkt, der im Zuge des Festspiels entstanden ist, Tausende Besucher und deren Geld in den Ort.

Bis zu 90 Prozent betrage die Auslastung der Stücke, sagt Helmut Mardanow, der Vorsitzende Neunburger Festspielvereins. Der Erfolg muss Jahr für Jahr mühsam erkämpft werden. Auch deshalb haben sich sechs Spielorte aus den Kreisen Schwandorf und Cham zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen.

Neben Neunburg und Oberviechtach zählen dazu Schönsee, Rötz, Waldmünchen und Furth im Wald mit der wohl bekanntesten dieser Art von Schauspiel, dem Drachenstich. Mehr als 20 000 Zuschauer verfolgen die Aufführungen, eine gemeinsame Vermarktungsstrategie soll helfen, dass die Zahlen zumindest stabil bleiben.

Oberviechtach bietet dieses Jahr erstmals eine Zusatzaufführung vom Brandner Kaspar an. In Neunburg setzen sie eher auf Neuerungen im Rahmenprogramm. Denn ein Stück über Völkerverständigung wie der Hussenkrieg, sagt der Vorsitzende Mardanow, bleibe immer aktuell.