Rätselhafter Fund:"Dieses Auto sollte verschwinden"

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Rätselhafter Fund: Das Audi 100 Coupé wurde in den Jahren zwischen 1968 und 1976 nur 30 000-mal gebaut. Eines davon tauchte vor Kurzem im Pfreimdstausee in der Oberpfalz auf.

Das Audi 100 Coupé wurde in den Jahren zwischen 1968 und 1976 nur 30 000-mal gebaut. Eines davon tauchte vor Kurzem im Pfreimdstausee in der Oberpfalz auf.

(Foto: Polizei/Polizeiinspektion Vohenstrauß/dpa)

In einem Stausee in der Oberpfalz wird ein 40 Jahre alter Sportwagen entdeckt. Seitdem steht das Telefon in einem kleinen Polizeirevier nicht mehr still - und die Hobby-Kommissare sind los.

Von Deniz Aykanat

"Jemand wollte, dass dieses Auto schnell untergeht", sagt Tobias Wirth. Alle Fenster des Sportwagens seien intakt und geschlossen, erklärt der stellvertretende Chef der Polizeiinspektion im oberpfälzischen Vohenstrauß, nur das Fenster auf der Fahrerseite sei heruntergekurbelt worden. "Das war kein Unfall. Dieses Auto sollte verschwinden." Genau das ist passiert und mit den Wassermassen gelangten auch Unmengen Schlamm und Getier ins Wageninnere. "Ein Kollege ist ins Auto reingeklettert. Der wurde erst mal von ein paar Flusskrebsen angefallen."

Die Tierchen hatten ja auch viel Zeit, sich häuslich in dem Audi 100 Coupé S einzurichten. Vor eineinhalb Monaten wurde das Autowrack im Pfreimdstausee in Tännesberg (Landkreis Neustadt an der Waldnaab) bei Sanierungsarbeiten mit einem Sonargerät entdeckt und von Polizeitauchern geborgen. Seitdem versucht die Polizei herauszufinden, wem das Auto gehörte. Und warum es jemand absichtlich im Stausee versenkte - vor vermutlich 40 Jahren.

Erst seien sie euphorisch gewesen. An dem Auto ist noch alles dran, sogar das Kennzeichen (aus Schwandorf) und die TÜV-Plakette (mit Ablaufdatum Januar 1980). "A gmahde Wiesn", dachte Wirth. "Die Wiese war dann aber doch nicht so einfach zu mähen." Beim Landratsamt in Schwandorf sind alle Unterlagen aus der Zeit längst vernichtet - aus Datenschutzgründen. Auch bei Audi versuchten sie es, denn das Auto ist kein Allerweltsmodell. Nur etwa 30 000 Stück wurden zwischen 1968 und 1976 produziert. Aber auch dort: Fehlanzeige.

"Wir sind mit unserem Latein am Ende, deshalb haben wir uns jetzt an die breite Öffentlichkeit gewandt." Denn bei der Polizei ist man sich sicher, dass niemand einfach bloß seinen Schrott entsorgen wollte. "Es gibt keine Unfallspuren. Das Auto war vielleicht vier Jahre alt." Und teuer. Etwa 14 000 Deutsche Mark musste man damals für einen solchen Wagen hinblättern. "Das war ein ganz schöner Batzen Geld. Warum sollte das jemand ohne Not im Wasser versenken? Der Wagen war zu dem Zeitpunkt ja vermutlich auch noch zugelassen." Vielleicht, um eine Straftat zu vertuschen. "Das schließen wir jedenfalls nicht aus. Vielleicht sogar ein Kapitalverbrechen."

Ein Oldtimer-Fan hat sich das Wrack schon angesehen

Ein schnittiger, hellgelber Sportwagen mit abgesenktem Heck: Dass so ein Auto im Gedächtnis bleibt, darauf setzt die Polizei nun. "Auf 185 Kilometer pro Stunde ist der in der Spitze gekommen. Viel für die damalige Zeit. Da warst du der Chef auf der Straße", sagt Wirth. Zumal in der Gegend. In München und Umgebung waren schon immer viele teure Autos unterwegs. In der ländlichen Oberpfalz in den Siebziger- und Achtzigerjahren dürfte ein gelbes Coupé vermutlich aufgefallen sein. "Wir hoffen, dass sich jemand erinnert, an Bekannte oder Nachbarn, die so ein Auto fuhren. Oder ein früherer Audi-Händler, der so ein Auto verkauft hat."

Seit die Polizei an die Öffentlichkeit ging, klingelt im Revier im sonst eher beschaulichen Vohenstrauß alle fünf Minuten das Telefon. "Mein Kollege hängt rund um die Uhr am Hörer", sagt Wirth. Dabei ist es gar nicht so, dass in Bayerns Gewässern nie Autos gefunden werden, auch ziemlich alte. "Aber das ist eben ein Exot. Es wäre etwas anderes, wenn wir einen VW Käfer rausgefischt hätten, von dem es Millionen gibt." Für ein verrostetes Audi Coupé hingegen kommen Interessierte auch mal von weiter her. "Ein Oldtimer-Fan ist 50 Kilometer gefahren, um sich das Wrack bei uns anzuschauen."

Und dann sind da eben noch die Unstimmigkeiten. Die fehlenden Unfallspuren, das heruntergelassene Fenster, die TÜV-Plakette. "Mein Polizeibauch sagt mir, da stinkt was." Konkrete Kriminalfälle hat er noch nicht im Hinterkopf, sagt Wirth. Man arbeite erst alle Hinweise ab. Bei anderen läuft die Vorstellungskraft dafür schon auf Hochtouren. In den Kommentarspalten der Lokalzeitungen und auf Facebook tummeln sich die Hobby-Kommissare: An den Weidener "Rotlichtkönig" Walter Klankermeier wird erinnert. Das passe aber wohl zeitlich nicht. Denn der wurde 1982 ermordet, da lag das Auto vermutlich schon auf dem Grund des Stausees. Und das Mädchen Monika Frischholz aus Flossenbürg? Das verschwand doch aber 1976. Die Mutmaßungen enden mit: "Ihr seid ja alle so schlau, bewerbt euch bei der Polizei."

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