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Tauch-Unfall in Dietfurt:Höhlenforscher stirbt "ohne Fremdeinwirkung"

Rettungseinsatz nach Tauchunfall in einer Höhle

Dietfurt: Höhlenretter der Bergwacht an der Mühlbachquellhöhle in der Fränkischen Alb.

(Foto: Schuh/dpa)

Stundenlang versuchten Taucher tief unter der Erde, ihren 57-jährigen Kameraden wiederzubeleben - vergeblich. Wie der erfahrene Forscher in der Mühlbachquellhöhle ums Leben kam, ist nun zum Teil geklärt.

Von Lisa Schnell

Um 17 Uhr geht Christian Schöffel den Waldhang hoch und steht am Eingang der Mühlbachquellhöhle. Ein Bergstollen, der Zugang ist 1,20 Meter hoch, 1,20 Meter breit, sie haben beim Bau extra darauf geachtet, dass im Notfall eine Trage durchpasst. Schöffel, 47, sieht die Öffnung, in die er mit seinen Vereinskollegen schon so oft geklettert ist, in den letzten zwanzig Jahren. Immer wieder kamen sie heil heraus. Und jetzt wartet er da am frühen Samstagabend mit der Polizei und den Rettungskräften und hofft. Dass aus der Stollenöffnung bald eine Trage ragt, dass sein Kollege darauf liegt, mit dem er seit zehn Jahren arbeitet - dass er noch lebt. Um 20.45 Uhr gibt der Notarzt durch: Sein Kollege hat es nicht geschafft. Nach einem Tauchgang war er bewusstlos und konnte nicht mehr reanimiert werden.

Etwa 200 Rettungskräfte kamen am Samstag in den kleinen Ort Dietfurt im Landkreis Neumarkt. Zehneinhalb Stunden dauerte der Einsatz, der als Rettung begann und als Bergung endete, von 16 Uhr bis um halb drei in der Nacht. Schöffel blieb bis um 23 Uhr, eine Stunde nachdem er die Trage mit seinem verstorbenen Kollegen aus dem Schacht kommen sah.

57 Jahre war der Mann alt, mit dem Schöffel seine Leidenschaft teilt: Die Erforschung der Mühlbachquellhöhle, acht Kilometer der Höhlengänge sind dokumentiert. Besonders schwer zugängliche Wege heißen "Haltestelle ins Jenseits" oder "Menschenfresser", Namen, bei denen es einen jetzt schaudert. Orte, an denen der Verunglückte etliche Male unterwegs war, ehrenamtlich. Nicht für Geld, sondern aus Faszination für die unbekannten Welten unter der Erde und die Wissenschaft gehen sie seit Jahren in diese Höhle, immer mit dem Risiko, nicht mehr lebend herauszukommen. Höhlenforscher arbeiten im Dunkeln, was sie leisten, erfährt die Welt meistens nur, wenn etwas passiert. Wie 2014 in der Riesending-Schachthöhle bei Berchtesgaden. Damals ging es glimpflich aus. Nach elf Tagen konnte der Höhlenforscher gerettet werden. Diesmal nicht.

Was genau geschehen ist, hat Christian Schöffel von seinen Kollegen erfahren, die am Samstag zur Expedition aufgebrochen sind. Sie zogen zu viert los, alle in Neoprenanzügen, Sauerstoffflasche und Maske. An manchen Stellen steht die Höhle unter Wasser, sechs Grad kalt. Wegen Corona teilten sie sich in Zweier-Teams auf, Abstand, auch in der Höhle, nur Expeditionen, die unbedingt notwendig sind. Das war so eine: Sie wollten Messgeräte installieren, um herauszufinden, welche Quelle von wo ihr Wasser bekommt. Ende Februar soll dazu oben gefärbtes Wasser auf den Boden gegeben werden, unten sieht man dann, wo es rauskommt. Sie haben das schon öfters gemacht: "Routine", sagt Schöffel. Alle wussten, was sie tun: "Das waren unsere erfahrensten Leute." Wie alle anderen hatte sein Kollege Tauchkurse gemacht, Trainings in Schwimmbädern und Baggerseen, war "ausgesprochen fit". Und es klappte ja auch alles - vorerst.

Sie kletterten den Wasserfall runter, vier Meter, das Wasser läuft einfach über einen drüber. Sie gingen durch den Nordgang, der nicht nur beschwerlich ist. Die Höhle ist an vielen Stellen gar nicht so eng. Letztes Jahr entdeckten sie einen Saal, so hoch, dass eine Kathedrale reinpassen würde, schwärmte der Vorsitzende des Höhlenforschungsvereins damals dem Bürgermeister vor. Nur an einer Stelle, da ist es sehr eng, am "Maulwurfsiphon", nicht mehr als 50 Zentimer breit, sechs Meter lang und vollkommen unter Wasser. Alle vier schwammen durch, kein Problem, sie hatten das schon vierzig Mal gemacht. Wenn der eine durch ist, zieht er an einer Leine, dann weiß der nächste, er kann rein. Aber auf ihrem Rückweg, so um 15.30 Uhr, standen da drei Taucher, starrten auf das Wasser und warteten auf den Vierten. Der Vierte kam nicht.

Oben der Fels, unten Schlamm, das Wasser braun, völlig undurchsichtig. Vielleicht hat er Panik bekommen, sagt Schöffel, vielleicht, weil Dreck in sein Atemgerät gekommen ist, der Sauerstoff bläst einem dann direkt ins Gesicht, vielleicht hat er die Maske verloren, nicht mehr wiedergefunden. Vielleicht hat er auch gesundheitliche Probleme gehabt. Schöffel weiß es natürlich auch nicht. Der örtliche Einsatzleiter, Andreas Hiereth, spricht von einer "Erkrankung". Aber als sein Kollege die Höhle betreten hat, habe er nicht über Beschwerden geklagt, sagt Schöffel. Man gehe von einem Unfall aus, heißt es von der Polizei in Parsberg, wo der Notruf einging, aber hundertprozentig wisse man das nicht. Was genau passiert ist, ermittelt die Kriminalpolizei Regensburg, "ganz normal, wenn jemand stirbt", sagt ein Sprecher der Polizei. Eine Obduktion ergab, dass der Forscher "ohne Fremdeinwirkung" starb, dass es sich also um einen Unfall handelte. Die genaue Todesursache steht aber noch nicht fest, dazu wurde ein weiteres Gutachten in Auftrag gegeben.

Klar ist, dass einer der drei Wartenden ins Wasser gesprungen ist, um den Kollegen zu retten. Er fand ihn, bewusstlos, tauchte ihn hoch, durch einen 40 Zentimeter schmalen Gang, man weiß gar nicht, wie das möglich sein soll, aber er hat es geschafft. Schöffels Kollege atmete nicht, er hatte keinen Herzschlag und Wasser in der Lunge. Länger als zehn Minuten, vermutet Schöffel, war er wohl nicht unter Wasser. Sie begannen sofort mit der Wiederbelebung. Eine Kollegin lief los zum 700 Meter entfernten Ausgang, Hilfe holen, sie kennt die Höhle in- und auswendig, etwa in einer halben Stunde war sie oben.

Um 16 Uhr ging der Notruf in der Leitstelle ein, um 16.15 Uhr war der erste Rettungsdienst da. "Unfall in unwegsamen Gelände" hieß es. Aber so eine Höhle ist mehr als ein unwegsames Gelände. Rettungskräfte aus ganz Bayern wurden alarmiert, Wasserwacht, Bergwacht, Feuerwehr, Höhlenrettung. Sie hatten noch Glück, eine Höhlenretterin, die mit Schöffel zusammen forscht, war in der Nähe, nach etwa einer Stunde kniete sie neben dem Patienten. Insgesamt dreieinhalb Stunden massierten sie das Herz und beatmeten die Lunge. Lange Zeit mit der Hand und dem Mund. Es dauerte, bis die medizinischen Geräte und ein Notarzt da waren. Alles muss wasserdicht sein, der Defibrillator, die Bohrmaschine, die Rettungsleute müssen sich und eine Schleifkrafttrage den Wasserfall runterseilen. Um kurz vor acht Uhr hatten sie den Patienten transportfähig, um 20.45 Uhr entschied der Notarzt: Es hat keinen Sinn mehr und stoppte die Reanimation.

Als um zehn Uhr die Trage am Stollenausgang auftauchte, wartete da das halbe Dorf - ein Gastronom brachte Schnitzelsemmeln und Grießnockerlsuppe - und Christian Schöffler. Von den vier Kollegen, die in die Höhle gegangen sind, konnte er noch drei empfangen. Er war nicht in der Höhle, aber er konnte die Nacht kaum schlafen. Wie es seinen Kollegen geht, die vier Stunden ihren Freund reanimiert haben, kann er nur erahnen. Körperlich gut, sagt Einsatzleiter Hiereth. Für die Seele wartete am Einsatzort ein Kriseninterventions-Team. Christian Schöffler sagt: "Sie knabbern schwer dran."

© SZ/dpa/ick
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