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Landesgeschichte:Als die Oberpfalz zu Bayern kam

Ausstellung "Typisch München" im Münchner Stadtmuseum, 2013

Führer der katholischen Liga und Sieger der Schlacht am Weißenberg: Kurfürst Maximilian I. von Bayern (Statue aus Lindenholz, um 1650).

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der heutige Regierungsbezirk ist eine indirekte Folge der Schlacht am Weißen Berg bei Prag vor 400 Jahren. Bayern war im Reigen der Großen Europas gerne mittendrin - wie damals im Kampf für das Katholikentum.

Von Hans Kratzer

Was wurde in den vergangenen Tagen für ein Tamtam gemacht um die Herren Trump und Biden, um Demokraten und Republikaner, um Wahrheit und Lüge. Die Bedeutung der US-Wahlen in allen Ehren, aber wird sich die Menschheit in 400 Jahren noch an Trump und Biden erinnern? Diese Frage mit Ja zu beantworten, fällt schwer, schon die Namen der vor 150 Jahren auf der Weltbühne agierenden Politiker kennt heute fast kein Mensch mehr. Vor 400 Jahren aber, am 8. November 1620, stießen am Weißen Berg bei Prag zwei Mächte aufeinander, deren Führungspersonal in der kollektiven Erinnerung bis jetzt erstaunlich präsent ist.

Dieser Umstand hängt damit zusammen, dass wir hier mitten am Beginn des Dreißigjährigen Krieges stehen, einer Urkatastrophe, deren Schrecken bis in die Gegenwart nachhallt. Der Ruf von Männern wie Maximilian I., Tilly und Wallenstein ist untrennbar mit dieser Tragödie verknüpft. Unvergessen ist auch der Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, der Verlierer der Schlacht am Weißen Berg, dessen Politik letztlich ganz Europa erschütterte. Weil er sich nur gut ein Jahr auf dem handstreichartig gewonnenen böhmischen Thron halten konnte, verhöhnten ihn seine Feinde als "Winterkönig". Unter diesem Spottnamen ist er in die Geschichte eingegangen.

Sein Fall ist so spektakulär, dass ihm 2003 die Bayerische Landesausstellung in Amberg gewidmet war, die beim Publikum auf breites Interesse stieß. Denn die Folgen seiner Machtpolitik sind nach wie vor evident, gerade in Böhmen, wo sie ein Trauma verursacht hat. Nicht zu vergessen ist auch des Winterkönigs Frau Elisabeth Stuart, die aus dem englischen Königshaus stammte und bis heute eine so starke Aura ausstrahlt, dass sie der Schriftsteller Daniel Kehlmann umfänglich in seinem gerühmten Roman "Tyll" (2017) auftreten ließ. Gut ausgeschaut hat sie obendrein: Wegen ihrer Schönheit wurde sie einst als "Pearl of England" gepriesen.

Die kraftvollste Figur im Kriegsgeschehen des frühen 17. Jahrhunderts war jedoch Herzog Maximilian I., über keinen bayerischen Herrscher ist mehr geschrieben worden als über ihn. Als er die europäischen Bühne betrat, wüteten dort ohne Unterlass Kriege und Revolten, Glaubenskämpfe, Hungersnöte und Pestepidemien. Das damalige Weltentheater kann es an Gewalt und Absurdität mit den Verwerfungen der Moderne jederzeit aufnehmen. Maximilians Rolle ist in der Inschrift am Sarkophag in der Münchner Michaelskirche bündig komprimiert: "Durch militärische Erfolge, Frömmigkeit und Ruhm in aller Welt bekannt, führte er mit vier Königen Krieg und brachte die Kurwürde und die Oberpfalz wieder an Bayern zurück. Nach einem dreißigjährigen Krieg bemühte er sich um den Frieden in Deutschland und erreichte ihn auch."

Dieser Ruhm entsprang nicht zuletzt der Schlacht am Weißen Berg. Bayern war zwar nie eine Großmacht, aber damals spielte das Herzogtum im Reigen der Großen in Europa eine Hauptrolle, und das war Maximilians Verdienst. Die Verteidigung des katholischen Glaubens hatte für diesen strengen Herrscher oberste Priorität. Er formte Bayern in einen katholischen Staat um und verpasste dem Land jenes marianische Gepräge, das bis in das 20. Jahrhundert als landestypisch galt. 1616 hatte Maximilian I. an der Münchner Residenz eine Marienstatue anbringen lassen, wodurch er die Patrona Bavariae in den Rang einer Schutzherrin Bayerns erhob. Kein Wunder also, dass Bayern im Dreißigjährigen Krieg an der Spitze der Gegenreformation stand.

Katholiken gegen Protestanten - diese Rivalität war damals um einige Nummern härter als die zwischen heutigen Republikanern und Demokraten in den USA. Es wurde mit äußerster Gewalt gerungen, und es gab zahllose Opfer. Die Schlacht am Weißen Berg war die erste große Auseinandersetzung des Dreißigjährigen Kriegs und stellte die Weichen für die spätere Machtkonstellation in Europa. Zu den großen Verlierern gehörten Böhmen und die Oberpfalz, die in der Folge dem Land Bayern einverleibt wurde. Dafür schmückt sie nun als einer der sieben Regierungsbezirke wenigstens den Freistaat.

Um den Konflikt von damals zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass es im römisch-deutschen Reich das Kurfürstentum Kurpfalz gab, ein sich vom Rhein bis zur heutigen Oberpfalz erstreckendes, territorial zerrissenes Gebiet. Dort herrschte die kurpfälzische Linie des Hauses Wittelsbach, die sich zum Protestantismus bekannte und damit in harter Konkurrenz zum bayerisch-katholischen Zweig der in München residierenden Wittelsbacher stand. Als sich in Böhmen Spannungen zwischen der überwiegend protestantischen Bevölkerung und dem Habsburger Herrscherhaus in Wien entluden, kam es 1618 zum Aufstand. In Prag trug man dem pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. die böhmische Königswürde an, protestantische Großmannsträume hegend.

Darauf reagierend schmiedeten die Habsburger zusammen mit dem Bayernherzog eine katholische Allianz, wobei Maximilian I. als Gegenleistung vom Kaiser in Wien die pfälzische Kurwürde sowie die Oberpfalz verlangte. In der Schlacht bei Prag waren die böhmischen Landstände gegen die vom Feldherrn Tilly geführte katholische Liga hoffnungslos unterlegen. Die Machtansprüche des Winterkönigs zerplatzten wie eine Seifenblase. Kaum dass er ihn erobert hatte, musste der pfälzische Kurfürst den böhmischen Königsthron wieder räumen, er floh ins Exil. Bayern dagegen stieg vom Herzog- zum Kurfürstentum auf.

Die Schlacht am Weißen Berg auf einem Gemälde von Pieter Snayers (1597-1667). Es zeigt die katholischen Armeen und die aufständischen Böhmen.

(Foto: Wikipedia)

Die Schlacht führte zu neuen politischen Verhältnissen in Europa. Erstmals seit dem Tode Karls V., in dessen Reich die Sonne nicht unterging, wurde der Niedergang des Hauses Habsburg gebremst. Der rachelüstige Kaiser Ferdinand II. betrieb in den aufständischen böhmischen und österreichischen Ländern eine gewaltsame Rekatholisierung, verhängte scharfe Strafmaßnahmen und beseitigte alte Rechte. Viele Protestanten flohen oder wurden vertrieben. Ihr Grundbesitz wurden zugunsten der Katholiken umverteilt, diese gewaltsam erzwungenen Verhältnisse hielten bis ins frühe 20. Jahrhundert an.

Die Schmach, dass das stolze Böhmen seine Selbstständigkeit verlor, ist dort nach wie vor nicht vergessen. Welche traumatischen Reaktionen die brutalen Folgen der Schlacht am Weißen Berg hervorriefen, lässt sich der tschechischen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts entnehmen, in der die Zeit nach der Schlacht bis zur nationalen Wiedergeburt der Tschechen als "doba temna" ("dunkle Zeit") beschrieben wurde. An jenem verhängnisvollen 8. November 1620 sei "die Glaubensfreiheit begraben, das Volk durch das kaiserliche Heer vergewaltigt und die Freiheit der Nation unterdrückt" worden, ist in einem 1902 in Prag veröffentlichten Geschichtsbuch zu lesen. Auf dem Schlachtfeld nordwestlich von Prag sucht man vergeblich nach einem Denkmal.

© SZ vom 09.11.2020/vewo
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