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Oberfranken:Japanische Unternehmerin schenkt Hohenberg ein Seniorenhaus

Spenderin Kazuko Yamakawa kam zur Eröffnung des Seniorenhauses aus Japan ins Fichtelgebirge. Es trägt ihren Namen.

(Foto: Gerd Pöhlmann)

Kazuko Yamakawa hat in ihrer Heimat viel Geld mit Textilien aus Oberfranken verdient.

Wohl nur wenige Deutsche haben schon mal von der Firma Feiler gehört. In Japan aber ist Feiler ein geläufiger Name, vor allem bei den Frauen. Denn Japanerinnen haben gerne kleine "Feiler-Tücher" in ihrer Handtasche: 30 mal 30 Zentimeter große Frottiertücher aus samtigem Baumwollstoff, die in Oberfranken gewebt werden. Die Lappen dienen nicht nur dazu, Schweißperlen vom Gesicht zu tupfen oder die Hände zu trocknen, wenn dafür mal wieder nur ein Heißluftgerät angeboten wird. Man schätzt sie als Allzwecktücher.

Die Liebe der Japanerinnen zum weichen Baumwolltuch aus Oberfranken hat Hohenberg an der Eger einige Arbeitsplätze beschert, vor allem ist sie der Grund dafür, dass die vom demografischen Wandel geplagte Stadt eine 3,5-Millionen-Euro-Spende bekommen hat, mit der sie ein innovatives Seniorenhaus bauen konnte. Dort können pflegebedürftige Menschen selbstbestimmt und ambulant betreut in Wohngemeinschaften leben. Die Einrichtung wurde an diesem Donnerstag eingeweiht.

Kazuko Yamakawa war eigens aus Tokio ins östliche Fichtelgebirge gereist, um den Neubau zu besichtigen, der ihren Namen trägt. Die heute 75-Jährige hatte einst den Feiler-Hype in Japan ausgelöst - und ist damit reich geworden. Bald 50 Jahre ist es her, dass die junge Kazuko Yamakawa in einer belgischen Boutique auf die Textilie aus Hohenberg stieß und so begeistert war, dass sie Kontakt zum Hersteller aufnahm.

Vorher hatte sie in der japanischen Botschaft in Moskau gearbeitet und als Russischdolmetscherin bei den olympischen Spielen in Tokio 1964. Nun wurde sie wegen der fränkischen Tücher zur Unternehmerin und gründete 1970 gemeinsam mit ihrem Mann Aaron eine Firma, um Feiler-Produkte in Japan zu vertreiben.

Der Erfolg war so enorm, dass Yamakawa in Japan später ein Buch über ihre Unternehmensgründung herausgebracht hat. Der japanische Titel lautet übersetzt: "Schicksalhafte Begegnung mit einem Stück Stoff". 2008 verkaufte das Ehepaar die Firma gewinnbringend an den Multikonzern Sumitomo. Der setzt noch immer auf Feiler, 2015 wurde in Tokio ein Feiler-Flagschiffladen eröffnet.

Chenille als Exportschlager

Badtextilien sind das Kerngeschäft der oberfränkischen Firma, neben dem üblichen Frottier produziert Feiler dabei ein Gewebe, das Chenille genannt wird. Genau dieser Stoff wurde zum Exportschlager. Es handelt sich um ein weiches, zweifach gewebtes Textil, das so nur in Hohenberg hergestellt werde, betont Geschäftsführerin Dagmar Schwedt. Ihr Großvater, Firmengründer Ernst Feiler, hatte die Chenilleherstellung in den Zwanzigerjahren im Sudetenland gelernt, damals noch auf Handwebstühlen.

"Wir sind die einzigen, die übrig geblieben sind, die das in die Neuzeit transportiert haben", sagt Schwedt. Ungewöhnlich an den Chenillestoffen sind vor allem die eingewebten Muster. "Wir müssen erst den Faden herstellen, der die Musterinformation enthält", erklärt Schwedt. Die japanische Partnerfirma gibt bei ihr Designs in Auftrag und lässt neben den berühmten Tüchern auch Stoffbahnen für Taschen und Accessoires fertigen.

Schicksalhaft war die Begegnung zwischen Yamakawa und dem Stück Stoff auch für die Firma Feiler. Denn die Japaner entwickelten sich zu den wichtigsten Geschäftspartnern der Oberfranken. Ohne den steigenden Absatz im Pazifik hätte die Firma wohl Anfang der Achtzigerjahre die Rezession in der Textilindustrie nicht überlebt. So blieb es bei einer schmerzhaften, aber vorübergehenden Schrumpfung.

Yamakawa hat die höchste Auszeichnung der Stadt

Hohenberg hat Yamakawas Beitrag zur Sicherung von Arbeitsplätzen früh gewürdigt. 2002 erhielt Kazuko Yamakawa die Ehrenmedaille der Stadt. Darauf, dass die Unternehmerin das Gefühl hat, diesem Ort ihren Reichtum zu verdanken und Hohenberg etwas zurückgeben wollte, darauf war Bürgermeister Jürgen Hoffmann (SPD) nicht vorbereitet. Jedenfalls nicht auf eine Millionenspende. "Uns fehlten die Worte", erinnert er sich an die Stadtratssitzung, in der Dagmar Schwedt die Nachricht ihrer Geschäftspartnerin überbrachte. Für eine Kommune mit 1500 Einwohnern, ohne genehmigten Haushalt, ein märchenhafter Segen.

Ihre Motivation hat Yamakawa Journalisten in dieser Woche so erklärt: "Uns war immer bewusst, dass unser Erfolg ohne das gegenseitige Verständnis, auf das wir bei den freundlichen Menschen in Hohenberg gestoßen sind, ohne die Belegschaft der Firma Feiler kaum möglich gewesen wäre." Yamakawas erste Überweisung kam 2012 in Hohenberg an, dem Jahr, in dem ihr Mann Aaron starb.

Dass der zuletzt auf Pflege angewiesen war, mag ein weiterer Grund für die zweckgebundene Spende gewesen sein. Das Geld für das Grundstück schenkte Dagmar Schwedt noch dazu. Zusätzlich gab es Zuschüsse von der Oberfrankenstiftung, der bayerischen Landesstiftung und dem Freistaat.

Am Donnerstag hat Hohenberg der Besucherin auch noch die Ehrenbürgerwürde verliehen. "Die höchste Auszeichnung, die die Stadt zu vergeben hat", sagt Bürgermeister Hoffmann. "Aber das ist eigentlich noch zu wenig."

© SZ vom 17.11.2017/vewo

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