Süddeutsche Zeitung

Oberfranken:Einen Kita-Platz gibt es in Ebrach umsonst obendrauf

Kleine Städte müssen darum kämpfen, ihre Einwohner zu halten. Das oberfränkische Ebrach zeigt, wie Kommunen ihre Probleme selbst anpacken - und dass ein Leben jenseits der Großstadt möglich ist.

Millionen Menschen beweisen täglich, dass das Leben außerhalb des Großraums München möglich und nicht völlig sinnlos ist. Trotzdem wollen immer mehr Leute in die immer voller werdende Großstadt ziehen. Und während sie sich dort um Wohnungen und Kita-Plätze schlagen, müssen andere Orte kreativ werden, um der demografisch absehbaren Schrumpfung ihrer Bevölkerung etwas entgegensetzen.

Die oberfränkische Marktgemeinde Ebrach, jeweils 40 Minuten Fahrzeit von Bamberg und Würzburg entfernt, hat sich schon vor einiger Zeit das Ziel gesetzt, ihre Einwohnerzahl möglichst konstant zu halten, bei etwa 1850. Also wies sie neue Bauplätze aus, weckte damit anfangs aber wenig Interesse, trotz der im Vergleich zu München lachhaften Quadratmeterpreise von 43 bis 53 Euro inklusive Erschließung und komfortabler Nähe zum Freizeitpark Geiselwind.

Deshalb kam der Gemeinderat auf die Idee, die kommunalen Grundstücke offensiver zu vermarkten und dabei vor allem junge Familien anzuwerben. Wer einen Kaufvertrag unterzeichnete, so beschlossen die Ebracher Gemeinderäte, soll für drei Jahre einen kostenlosen Kita-Platz obendrauf bekommen, egal ob im Kindergarten oder in der deutlich teureren Krippe.

Damit wollten sie gleich noch ein zweites Problem lösen: Die neue Krippe war unterbelegt. Inzwischen sind nur noch vier von mehr als 35 Grundstücken übrig und die Krippe ist gut besucht, weshalb Ebrach das Angebot zum Jahresende auslaufen lässt. Wenn ein weiteres Baugebiet ausgewiesen wird, so heißt es im Rathaus, werde man sich wohl eine andere Marketingmaßnahme einfallen lassen.

Ebrach zeigt, dass man Kommunen durchaus zutrauen darf, passende Lösungen für die eigenen Probleme zu finden und dass sie dabei oft schneller und flexibler reagieren können, als wenn sie am Zügel staatlicher und schwerfälliger Förderprogramme gehalten werden.

Deshalb wäre es sinnvoll, sie finanziell besser auszustatten und ihnen mehr Geld zuzugestehen, über das sie frei verfügen können, anstatt immer ausgefeiltere Förderprogramme zu entwickeln. Die kommunalen Spitzenverbände fordern schon lange, dass der Anteil am Steuereinkommen des Freistaats, den die Kommunen bekommen, erhöht wird. Sie haben recht.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4084584
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 08.08.2018/haeg
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.