bedeckt München 23°

Oberbayern:Einige Kinder seien nicht einmal mehr gegen Tetanus geimpft

Die Praxis von Oliver Michael liegt ganz oben am Murnauer Obermarkt. Er hatte erst im Frühjahr wieder ein acht Wochen altes Mädchen mit Keuchhusten hier. Für Säuglinge kann Keuchhusten lebensbedrohlich sein, die Kleine lag dann länger in einer Klinik und musste Antibiotika bekommen. Selbst war das Mädchen für eine Impfung zu jung, doch die zwei Geschwister waren nicht geimpft, sagt der Kinderarzt. Oder das Mädchen mit der Pneumokokken-Infektion, auch sie ungeimpft. Die Entzündung breitete sich im Ohr aus, es folgten eine vierstündige Operation und viele Wochen Aufenthalt im Klinikum Großhadern.

Mit solchen konkreten Fällen versucht Oliver Michael, die Geschichten der Impfskeptiker zu kontern. Die handelten meistens von wem, der einen kennt, der davon gehört hat, dass ein Kind gleich nach einer Impfung zu stottern begonnen habe, sich bei einem anderen ein Downsyndrom entwickelt habe oder weiß Gott welche Krankheit ausgebrochen sei. Oliver Michael selber hat seit dem Herbst eher eine Häufung von Keuchhusten registriert. Auch er kennt Hausärzte, die das mit den Impfempfehlungen nicht so genau nehmen oder sogar abraten. Viele Hausärzte auf dem Land hätten womöglich weniger mit kleinen Kindern zu tun, die dann unter den schweren Folgen litten, sagt er.

Karin Kübler leitet das Gesundheitsamt in Garmisch.

(Foto: kpf)

Grundsätzlich selektiere sich das aber auch bei der Arztwahl aus: Wer zu ihm komme, müsse sich die volle Aufklärung anhören und sich danach nötigenfalls beharrlich erinnern lassen. Dabei kommt sich Michael erklärtermaßen als Rufer in der Wüste vor. Das Sendungsbewusstsein der Skeptikerinnen in den Krabbelgruppen und Mütterforen sei aber mindestens genauso groß wie seines und auf jeden Fall größerer als das der impfenden Mehrheit. Privat hält sich der Kinderarzt sowieso lieber zurück, denn "man kann mit dem Thema hier eine Party sprengen".

Viele Impfskeptiker sind aus seiner Erfahrung Menschen, die nach Murnau ziehen und hier die Nähe zur Kunst des Blauen Reiters und zur Natur suchen, oft Akademiker mit hohem Einkommen und hohem intellektuellen Selbstbewusstsein, gern Lehrer oder selber Mediziner. Der Spot der jüngsten Masernepidemie sei klar die Montessorischule im nahen Peißenberg gewesen, deutet er an, was etwa für den früheren Gesundheitsamtsleiter im Nachbarlandkreis Bad Tölz-Wolfratshausen offenkundig war: Das Problem konzentriere sich in den Waldorf- und Montessorischulen, das hat der in seinem ebenfalls vergeblichen Kampf mit den Impfskeptikern einmal freimütig festgestellt.

Ähnlich beschreibt auch Andrea Hutter die impfkritischen Eltern, mit denen sie sich als Leiterin des Murnauer Kindergartens Drachennest öfter herumschlagen muss. Die gab es schon immer, sagt sie, aber es würden immer mehr. Einige Kinder seien nicht einmal mehr gegen Tetanus geimpft. Von deren Eltern lässt sich Hutter inzwischen unterschreiben, dass sie ihre Kinder bei der geringsten Verletzung sofort abholen müssen. Diese Verantwortung müssten die Eltern eben selber tragen. Und genau das wollen sie oft: Sie möchten nicht blind Ärzten vertrauen, sondern erst einmal selber im Internet recherchieren - und wer das tut, stößt sofort auf all die Seiten und Foren, die der Schulmedizin beim Impfen ein "Geschäft mit der Angst" vorwerfen und zugleich selbst ein solches Geschäftsmodell pflegen.

Impfkritiker sind regelmäßig für Vorträge zu Gast

Auch im Kultur- und Tagungszentrum des 12 000-Einwohner-Orts Murnau liegen im Foyer viele Folder von allerlei Therapeuten aus. Am Abend ist hier wieder Heilkreis mit dem schamanischen Osteopathen, 45 Euro pro Karte, zwei Dutzend Leute könnten da sein, heißt es an der Kasse. Und der Naturheilverein Oberland lädt auch bald wieder zum Vortrag, da kämen oft 150 Leute. Erst im Mai war wieder einer der üblichen Vortragsreisenden in Sachen Impfkritik zu Gast, vergangenes Jahr war es ein anderer.

Wer einige örtliche Heiler aufs Impfen anspricht, bekommt oft zu hören, dass es da schon viel zu sagen gäbe, aber lieber nicht öffentlich. Doch da habe ja neulich im Kulturzentrum dieser Kollege einen Vortrag gehalten, der habe auf seiner Internet-Seite alles hervorragend zusammengefasst. Im Garmischer Gesundheitsamt findet Karin Kübler rein persönlich inzwischen, dass eine Impfplicht, wie sie in Frankreich gerade verschärft wurde, helfen könnte. Wie die in Murnau durchzusetzen wäre, wisse sie aber auch nicht.

Masern Nicht impfen - ein tödlicher Irrtum

Kinderkrankheit

Nicht impfen - ein tödlicher Irrtum

Noch immer lehnen einige Eltern es ab, ihren Nachwuchs gegen Masern impfen zu lassen. Doch ihre Argumente sind zweifelhaft , denn die Krankheit kann extrem gefährlich werden.   Von Werner Bartens