Das Erste, was Christian Stückl aus dem Roman „Tyll“ von Daniel Kehlmann erzählt, ist eine Miniszene. „Mitten im Buch trifft er auf irgendeinen Grafen und sagt, warum bist du so fett, es gibt doch nichts zu fressen?“. An die kann er auf der Pressekonferenz zum Programm im Oberammergauer Passionstheater 2026 gut anknüpfen. Denn: „Das ist ja auch irgendwie unsere Situation in der Kultur. Man wird nicht mehr fett, ob es in München ist oder bei uns draußen am Land.“
Draußen, in Oberammergau, stemmen sie trotzdem von Ende Juni bis zum ersten Sommerferienwochenende 2026 den Kultursommer. Das beinhaltet an sechs Wochenenden eine neue Inszenierung auf der großen Freiluftbühne – dieses Jahr eben Kehlmanns „Tyll“ –, das Gastspiel der Volkstheater-Erfolgsproduktion „Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben“ und das Heimatsound Festival. Das Wagnis gehen sie ein mit einem fest zugesagten Zuschuss der Gemeinde im Rücken, mit Sponsoren und dem Wissen, dass es genug freiwillige Helfer gibt. Keiner in Oberammergau bekommt für das Engagement im Sommer Gage, auch die Spielleitung nicht.

Das ist umso erstaunlicher, als das Passionstheater nicht irgendeine kleine Freiluftbühne ist. Wenngleich die Tribünen nicht wie bei den Passionsspielen komplett genutzt werden, können dort trotzdem um die 2000 Zuschauer sitzen – pro Vorstellung. „Es ist eine riesige Werbung für unseren Ort“, sagt der Oberammergauer Bürgermeister Andreas Rödl. „Den Imagegewinn für Oberammergau kann man gar nicht so in Zahlen fassen. Das ist in jedem Fall mehr wert, als wir monetär investieren.“ Damit spricht er eine Erkenntnis aus, die momentan in Haushaltsdebatten nicht oft zu hören ist.
Diesmal ist es also die Geschichte von „Tyll“ Eulenspiegel, die auf der großen Bühne erzählt werden soll. Christian Stückl wird eine Spielfassung aus dem Roman von Daniel Kehlmann erstellen und sie inszenieren. Adaptionen bringt Stückl oft auch an seinem Haus, dem Münchner Volkstheater, heraus. Darunter war auch schon ein Text von Kehlmann, nämlich „Lichtspiel“.

Der Autor hat die Handlung in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges verlegt. „Tyll“ ist mehr ein historisches Panorama als ein Schelmenroman. Trotzdem erzählt er auch von dem Gaukler, der auf dem Seil tanzend dem Volk die Freiheit vorspielt und immer wieder seine Haut rettet. Bei Kehlmann eben auch vor der Pest – die damals ja ebenfalls Oberammergau heimsuchte –, vor der Inquisition und dem Krieg.
Die Bühne sei so groß, „dass man jedes Mal das Gefühl hat, man muss irgendeinen Epos machen“, sagt Stückl. Diesmal hat er von Hexenjagd, Pest und Krieg viel zu erzählen. Und von einem Narren, der gar nicht vorhat, die Welt zu verbessern. „Er lacht sich über die Leute kaputt.“ Tyll ist in den Augen des Regisseurs mit seiner Frechheit und seiner Chuzpe eine „gute Theaterfigur“.
An vier Wochenenden wird „Tyll“ zu sehen sein, die Premiere ist am 26. Juni. Ein Wochenende gehört dem „Brandner Kaspar“ und eines dem beliebten „Heimatsound Festival“, das meist rasch ausverkauft ist. Das Konzept ist Musik aus der Alpenregion von der Brassband über Rock bis zum Singer-Songwriter. Erste Acts stehen schon fest, darunter von Fiva, Dreiviertelblut, Lenze und de Buam und Avec.
Kultursommer 2026 im Passionstheater Oberammergau, 26. Juni bis 1. August, www.passionstheater.de

