Passionsspiele in Oberammergau:Viel mehr als ein Historienspiel

Lesezeit: 3 min

Die 42. Oberammergauer Passionsspiele haben begonnen. (Foto: Daniel Kopatsch/Getty Images)

Mit zweijähriger Corona-Verspätung haben am Samstag in Oberammergau die weltberühmten Passionsspiele begonnen. Die Premiere in Bildern.

Alle zehn Jahre führen die Bewohner des Alpendorfes gemäß einem Pestgelübde von 1633 das "Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus" auf. Rund 2100 Einheimische wirken dieses Mal mit, mehr als ein Drittel der etwa 5200 Einwohner.

Premiere beginnt mit ökumenischem Gottesdienst

Der Erzbischof von München Reinhard Kardinal Marx (l) und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm leiten den ökumenischen Gottesdienst vor der Premiere. (Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Mit Friedensappellen der katholischen und evangelischen Kirche sind die Passionsspiele in Oberammergau eröffnet worden. "Gewalt hat nicht das letzte Wort, Macht hat nicht das letzte Wort", sagte der katholische Kardinal und Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, am Samstag nach einem Gottesdienst kurz vor der Premiere. Die Leidensgeschichte Jesu beinhalte eine faszinierende Botschaft der Überwindung der Gewalt, der Heilung der Welt, der Hoffnung für die Menschen.

Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hatte zuvor in einer gemeinsamen Predigt mit Marx gesagt: "Man kann die Passionsspiele in diesen Tagen jedenfalls nicht einfach nur als Historienspiel sehen. Viel zu sehr stehen die Passionen der Menschen heute direkt vor Augen." Er verwies dabei auf Menschen in Krisen- und Kriegsgebieten wie in der Ukraine oder dem Jemen. "Gewalt ist immer eine Niederlage", sagte Bedford-Strohm. "Waffen können nie Frieden schaffen." Zugleich könne man aber nicht zusehen, wenn Menschen der brutalen Gewalt eines Aggressors schutzlos ausgeliefert seien und am Ende nur das Recht des Stärkeren stehe.

Jüdisches Gebet im Anschluss an die Predigt

Mit Friedensappellen bei einem Gottesdienst haben der katholische Kardinal und Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm die Spiele eröffnet. (Foto: Daniel Kopatsch/Getty Images)

Im Anschluss an die Predigt stimmte der Chor das "Schma Israel" an, eines der wichtigsten Gebete der Juden. Den Friedensgruß gab es auf Hebräisch, Ukrainisch und Deutsch.

Spielleiter Stückl hadert mit der katholischen Kirche

Spielleiter Christian Stückl steht vor der Premiere für die 42. Passionsspiele auf der Bühne im Passionstheater. (Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Spielleiter Christian Stückl, der die Passion zum vierten Mal inszeniert, beschreibt sich als katholisch sozialisiert, hadert aber mit der Kirche. Er habe sich nach dem Missbrauchsgutachten "zu dem Gottesdienst durchgerungen, weil es Leute im Ort gibt, denen das wichtig ist", sagte er dem Spiegel. Oberammergau gehört zum Erzbistum München und Freising, das im Januar mit einem Missbrauchsgutachten für Entsetzen gesorgt hatte.

Stückl hat das Spiel modernisiert

Rund ein Drittel der Dorfbewohner spielen bei der Passion mit. (Foto: Matthias Schrader/AP)

Stückl hat das Stück grundlegend modernisiert und von christlichem Argwohn gegenüber Juden befreit. Er integrierte viele jüdische Elemente und zeigt damit, dass Jesus gläubiger Jude war und der Konflikt um ihn ein innerjüdischer.

Söder und weitere Prominenz bei der Premiere

Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Ministerpräsident Markus Söder sind bei der Premiere im Passionstheater. (Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Zur mehr als fünfstündigen Premierenvorstellung am Nachmittag waren rund 4400 Gäste geladen - darunter Prominente aus Politik, Kultur und Gesellschaft. Unter ihnen sind Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sowie Landtagspräsidentin Ilse Aigner (beide CSU) , Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), der Apostolische Nuntius Nikola Eterovic, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, und seine Vorgängerin im Amt, Charlotte Knobloch. Auf der Gästeliste stehen unter anderen auch die Schauspielerin Uschi Glas und ihre Kollegen Ben Becker und Dieter Hallervorden sowie der ehemalige Fußballtorwart Jens Lehmann.

Ehrung für langjährige Mitwirkende

Seit 1633 wird die Passion in Oberammergau aufgeführt. (Foto: Daniel Kopatsch/Getty Images)

Unter großem Applaus des Publikums ehrten Stückl und Bürgermeister Andreas Rödl (CSU) Bürgerinnen und Bürger, die bereits acht-, neun- und zehnmal bei den Passionsspielen mitgewirkt haben. Etwa ein Dutzend Männer spielt zum zehnten Mal mit. Die Spiele finden nur alle zehn Jahr statt. Dennoch seien die Darsteller nicht über 100 Jahre alt. Es habe Zusatzspiele gegeben, erläuterte Stückl.

Einige Frauen spielen immerhin zum achten Mal mit. Das freue ihn besonders, sagte Stückl. "Das hat es früher nicht gegeben." Denn bis 1990 durften nur unverheiratete Frauen oder Frauen bis 35 mitspielen. Eine Gruppe Frauen zog dann in einem mehr als zehnjährigen Streit bis vor den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof in München und erkämpfte - unterstützt von Stückl - das Spielrecht für alle Frauen und damit Gleichberechtigung. Der 60-jährige Stückl ist selbst ebenfalls zum achten Mal dabei - und zum vierten Mal Spielleiter. Unter den Jubilaren ist auch sein Vater Peter Stückl (79), der bei seiner zehnten Passion eine der Hauptrollen hat: Er gibt, wie schon 2010, den Hohepriester Annas.

Über den zehnjährigen Passionsturnus hinaus hatte es zwei Passionen außer der Reihe gegeben: die sogenannte Rosner-Probe von 1977, mit der eine ältere, allegorische Textfassung erprobt wurde, sowie die Jubiläumspassion von 1984 zum 350-jährigen Bestehen. Mitspielen darf bei den Erwachsenen nur, wer im Ort geboren ist oder seit 20 Jahren dort lebt. Unter den Mitwirkenden sind auch 450 Kinder, teils kommen sie aus Flüchtlingsfamilien.

Das Dorf ist bis in den Herbst beschäftigt

Merchandising in Oberammergau: Jeder Besucher kann ein Andenken an die Passionsspiele mit nach Hause nehmen. (Foto: Angelika Warmuth/dpa)

Von Frühsommer bis Spätherbst, viereinhalb Monate lang, ist fast das halbe Dorf mit dem Opus beschäftigt: An den Passionsspielen in Oberammergau wirken rund 2100 der 5200 Einwohner mit. Zu gut 100 Vorstellungen werden an die 450 000 Zuschauer erwartet. Mit knapp 4400 Sitzplätzen ist das Passionstheater Oberammergau die größte Freiluftbühne mit überdachtem Zuschauerraum der Welt. Die Gemeinde könnte bis zum Herbst 2022 einen zweistelligen Millionenbetrag einnehmen. Die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 45 Millionen Euro.

Etwa 75 Prozent der Tickets sind verkauft

450 000 Tickets gibt es für die Spiele - etwa Dreiviertel sind bereits verkauft. (Foto: Daniel Kopatsch/Getty Images)

Auf der Bühne werden bewährte Hauptdarsteller zu sehen sein. Jesus (Frederik Mayet), Maria (Andrea Hecht) und einige andere Darsteller hatten dieselbe Rolle schon bei der Passion 2010. Das Los entschied über die Premierenbesetzung, die 20 Hauptrollen sind doppelt besetzt. Bei den gut 100 Vorstellungen bis 2. Oktober wird durchgewechselt. Rund 75 Prozent der insgesamt rund 450 000 Tickets sind bereits verkauft.

© SZ/vewo - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusOberammergau 2022
:Dorf der tausend Passionen

Oberammergau stemmt alle zehn Jahre das Passionsspiel auf die Bühne. Ein Besuch bei Schauspielerinnen, die einst misstrauisch beäugt wurden, Hoteliers, die die Preise hochsetzen, und frustrierten Souvenirverkäufern.

Von Matthias Köpf (Text), Sebastian Beck (Fotos) und Marco Mach (digitale Umsetzung)

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: