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Fotografie:Der Indiana Jones von Oberammergau

Seit 25 Jahren macht Florian Wagner Reisefotografie.

(Foto: Florian Wagner)

Fotograf, Abenteurer, Umweltaktivist: Florian Wagner hat in Afrika den Umgang der Menschen mit Wasser dokumentiert - ganz ungefährlich war sein Fotoprojekt nicht.

Da lagen sie also zu zweit in einem Zelt, er mit afrikanischem Zeckenfieber, sie mit Malaria, irgendwo in Angola. Florian Wagner, 52, weiß nicht genau, welche "komischen Drogen" sie im Krankenhaus gespritzt bekamen, aber sie schienen zu helfen. Nur geschwitzt hatte er in dieser Nacht - "extrem", sagt er und wischt sich beim Erzählen über die Stirn, als würde allein die Erinnerung wieder ein paar Schweißperlen produzieren. Seiner Freundin wurde es irgendwann zu eng im Zelt. Sie schmiss ihn raus. Also legte sich Wagner ans Lagerfeuer, mit seinem Zeckenfieber und immer einem Auge offen: Es könnte ja ein Löwe vorbeischauen.

"Ein Löwe?!" - "Mei, da hält man halt das Feuer hoch", sagt Wagner so nonchalant, als würde er Tipps geben, wie man Tomaten züchtet. Wagner ist Fotograf, aber eigentlich ist er Abenteurer und wenn anderen bei seinen Geschichten mal kurz der Mund offen stehen bleibt, dann freut ihn das ein wenig, genau wie sein Spitzname: Der Indiana Jones von Oberammergau. Da kommt er eigentlich her, da geht er jetzt wieder "holzen" im Wald und reiten. Er sagt: "Es ist total wichtig, dass man nach solchen Höhenflügen wieder auf den Boden kommt."

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Höhenflug, das ist natürlich metaphorisch gemeint: Seit 25 Jahren macht er jetzt Reisefotografie, so was wie gerade in Afrika aber hat er noch nicht erlebt: "Das war mir zu groß zum Träumen." Andererseits ist das mit dem Höhenflug auch ganz wörtlich zu verstehen: Wagner hat Afrika nicht einfach bereist, er hat es überflogen, in einem Helikopter, einem ziemlich alten noch dazu. Zehn afrikanische Länder, 66 Tage, 22 000 Kilometer, 33 000 Fotos - so lässt sich sein Projekt kurz zusammenfassen. In der Langversion geht es um eine grüne Mamba und Militärs, außergewöhnliche Luftaufnahmen von Afrika und viel Lehrreiches und Erschütterndes über den Umgang der Menschen dort mit einer ihrer wichtigsten Ressourcen: dem Wasser. Wagner nämlich nennt sich mittlerweile nicht nur Fotograf und Abenteurer, sondern auch Umweltaktivist.

Wagners Team, das war er, seine Freundin Regina Singelnstein, die mit ihm die Reise organisierte, und der Pilot Slade Healy - eine südafrikanische Fliegerlegende, die schon im Angola-Krieg mit dem Heli über Afrika kurvte. Ohne Healy wäre der ganze Trip wohl ins Wasser gefallen. Auch das ist wörtlich gemeint. Es war der zweite Tag, Wagner flog gerade durch einen Canyon in Südafrika, da fing der Heli an zu husten. So ein Stottern, das Motoren machen, wenn sie gleich den Geist aufgeben. Ein Blick auf die Rückbank zu seiner Freundin. Singelnstein saß zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Heli. Kurz fühlte es sich wohl so an, als wäre es auch ihr letztes Mal. Da sagte Slade Healy in die Stille und in das Motorhusten hinein: "Okay guys, I can do this. No worries." Keine Sorge, ich mach das schon. Und er machte. Am Ende landeten sie auf einer Wiese, etwas rumpelig, aber heil. Der Mann, den sie zur Reparatur anriefen, hatte sein Werkzeug in einer Pappschachtel dabei. Das passende Ersatzteil für ihr defektes Entlüftungsventil bastelte er ihnen mit einem Taschenmesser zusammen.

Ohne Stativ fotografiert er aus einem Helikopter.

(Foto: Florian Wagner)

Als ihnen in Tansania der Sprit ausging, gossen sie 300 Liter "Lampeneuli" in die Kanister, mit Handpumpe und Gartenschlauch. "Hat gebrannt wie Zunder", sagt Wagner. Sie hängten die Türen aus beim Fliegen, der Wind pfiff durch ihre Klamotten, Wagner fotografierte. Er sagt: "Die absolute Freiheit". Die absolute Katastrophe war ihre Tankanzeige im Heli. Die Nadel flatterte immer zwischen 38 und 0 Gallonen. Einmal, da waren es eher 0, das war dann die zweite Notlandung. In Angola landeten sie neben einem zerschossenen Panzer, da kamen schon die ersten Militärs aus dem Busch und nahmen ihre Pässe mit. Sie waren ziemlich froh, dass sie einen Fixer dabei hatten, einen Ortskundigen, der durch gefährliche Gebiete führt. Mit der grünen Mamba mussten sie alleine klar kommen, mit Malaria und Zeckenfieber auch. Singelnstein wollte in ein besseres Krankenhaus fliegen, aber sie hatten keine Zeit.

Wagner will "geile Fotos machen im Dienste der Umwelt"

Jeder der 66 Tage war minutiös durchgeplant. Ihre vorher eingeholten Genehmigungen für Starts, Landungen, Grenzübergänge galten meistens nur 24 Stunden. Für Sprit und Landegebühren hatte Wagner 20 000 Dollar in bar dabei. Er versteckte die 500er-Scheine unter dem Sitz im Heli, im Waschbeutel, in seiner Fototasche. Seine Freundin mag es nicht, wenn er davon erzählt. Klingt irgendwie großkotzig: Mit dem Heli voller Dollarscheine über Afrika fliegen, schöne Fotos machen und unten verhungern die Kinder. Wagner sieht das anders. Bis jetzt habe er noch nichts an dem Projekt verdient. Das Geld seiner Sponsoren, vor allem vom amerikanischen Festplattenhersteller OWC, reichte für die Reise. Die Arbeitszeit von ihm und Regina Singelnstein sei da noch nicht bezahlt. Und außerdem: Er will ja nicht nur schöne Fotos machen, sondern mit seinem gerade erschienen Fotobuch über Afrika und sein Wasser auch die Welt retten - ein bisschen wenigstens.

Wagner stellt sich das so vor: Durch die spektakulären Fotos schauen die Menschen hin, sind berührt und denken vielleicht nach über ihren Umgang mit Wasser. Er zeigt ein Foto vom Okavanga Delta in Botswana. Die unzähligen Ausläufer des Flusses verwandeln staubtrockene Wüste in eine Oase für Elefanten und Flusspferde. 20 000 Quadratkilometer versorgt der Fluss mit Wasser und - Leben. Die Regierung aber will das Wasser anzapfen für Kraftwerke oder Reisanbau. Sie verkaufte viel Land an Chinesen. So erzählt es Wagner. Das Okavanga, der Garten Edens von Afrika, könnte austrocknen. Gefährdet seien nicht nur Wasserbüffel und Nilpferde, sondern auch eine Million Menschen, die von der Wasserversorgung abhängig sind. "Und für was? Reis in China!" Die Vorstellung, wie ihn ein Löwe am Lagerfeuer besucht, lässt Wagner kaum die Augenbraue heben, jetzt aber ist er ehrlich entsetzt.

Nächstes Foto, nächstes Wasserdrama: Der Lake Kariba in Simbabwe, volumenmäßig nach dem Victoriasee der zweitgrößte Stausee der Welt, 280 Kilometer lang, 40 Kilometer breit, wie ein Ozean im Inland liegt er da. Als die Engländer ihn in den Fünfzigerjahren bauten, wurden die ansässigen Fischer umgesiedelt. Man habe ihnen alles Mögliche versprochen, sagt Wagner und zeigt dann, wo sie jetzt ihr Wasser herbekommen: Ein kleiner Fluss, in dem der eine seine Notdurft verrichtet und der nächste Kaffeewasser holt. Der Kariba-See, ihr altes Zuhause, ist für die Anwohner nicht weit weg und doch unerreichbar. Er ist jetzt ein Naturschutzgebiet, in dem Touristen angeln, die sich die Gebühr leisten können. Die alten Fischer sammeln für sie Würmer, die sie ihnen am Wegesrand verkaufen.

Wagner hat noch ein Dutzend solcher Geschichten. Er erzählt, wie in Afrika vor allem Kinder und Frauen in Armut verharren, weil sie für die Wasserversorgung zuständig sind. Wer acht Stunden am Tag zum Brunnen gehen muss, kommt nicht weit in der Schule. Oder der Lake Tanganjika in Tansania: Er umfasst 17 Prozent des weltweiten Süßwasservorrats, weil er überfischt wird, könnte er bald kippen. Auf seiner Homepage sammelt Wagner jetzt Spenden für ein lokales Projekt, das genau das verhindern soll. Und er hält Vorträge.

"Geile Fotos machen im Dienste der Umwelt", was anderes möchte er eigentlich nicht mehr machen. Sein Traum wäre ein Dokumentarfilm über Afrika und Wasser. "Die Serengeti darf nicht sterben reloaded" lautet der Arbeitstitel in Anspielung auf den berühmten Film von Bernhard und Michael Grzimek. Wieder ein Riesenprojekt, aber: "Wenn man es denken kann, kann man es auch machen", sagt Wagner. Freizeit ist eh ein Konzept, mit dem er wenig anfangen kann. Bald fährt er wieder nach Abu Dabi. Er ist da so etwas wie der Hoffotograf einer arabischen Prinzessin. Aber das ist eine andere Geschichte.

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