Bahnverkehr:Von Zugfahrten wird abgeraten

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Bahnverkehr: Sieht schnell aus, fährt aber langsam. Ein Zug bei der Einfahrt in Bad Kohlgrub. Wenigstens ist die Strecke nach Oberammergau landschaftlich spektakulär.

Sieht schnell aus, fährt aber langsam. Ein Zug bei der Einfahrt in Bad Kohlgrub. Wenigstens ist die Strecke nach Oberammergau landschaftlich spektakulär.

(Foto: Hans-Dieter Budde/Deutsche Bahn AG)

Die Zweigstrecke zwischen Murnau und Oberammergau ist ein Paradespiel dafür, wie die Bahn ihre Infrastruktur verkommen lässt.

Von Sebastian Beck

Als die Bahnstrecke von Murnau nach Oberammergau am 4. April 1900 rechtzeitig zum Beginn der Passionsspiele eröffnete wurde, da zählte sie mit ihrer elektrischen Oberleitung und den Triebwagen zu den modernsten der Welt. Die Wechselstromanlage, die fünf Jahre später in Betrieb ging, war technisch wegweisend für das europäische Eisenbahnnetz. Inzwischen liegt die Ammergaubahn nur noch in einem Ranking weit oben: Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 35 Stundenkilometern ist sie die zweitlangsamte Bahnstrecke Bayerns. Bei der Ortschaft Altenau tasten sich die Züge quasi im Schritttempo vorwärts, aber auch sonst kommt sie kaum über Tempo 60 hinaus. Für die gut 23 Kilometer zwischen Murnau und Oberammergau braucht die Bahn deshalb 40 Minuten - wenn sie denn überhaupt fährt.

Rechtzeitig zu den Passionsspielen 2022 hat die Ammergaubahn ihren Fahrplan zunächst so angepasst, dass die Besucher am Abend noch einen Anschluss nach München gehabt hätten. Und dann hat sie den Betrieb ganz eingestellt. Wer derzeit von Murnau nach Oberammergau fahren will, muss einen kuriosen Umweg über Oberau nehmen und von dort auf den Bus umsteigen - 1:32 Stunden Reisezeit. "Eine Reparatur an der Strecke beeinträchtigt den Zugverkehr zwischen Bad Kohlgrub und Oberammergau", heißt es auf der Seite der Bahn.

Kaputte Gleise

Der Grund für die Sperrung sind Setzungen im Gleisbett, so viel kann Rupert Speer, der Bürgermeister der Gemeinde Saulgrub, mit einiger Gewissheit sagen. Aber mit der Reparatur hat es das Unternehmen anscheinend nicht sonderlich eilig. "Ich habe da noch niemanden gesehen", lautet Speers Zwischenbilanz, und auch seine Nachfrage im Vorzimmer ergibt: kein Bautrupp weit und breit. "Wir wissen nichts", antwortet er auf die Frage, wann der Betrieb wieder aufgenommen werden soll. Die Bayerische Eisenbahngesellschaft ging vergangene Woche davon aus, dass die Strecke bis Sonntag, 26. Juni, gesperrt bleibt. Der Termin ist freilich verstrichen, eine Anfrage der SZ bei der Bahn blieb bis Dienstag unbeantwortet.

Zumindest theoretisch hätte die Bahn bei den Passionsspielen mit ihren 500 000 Besuchern ein gutes Geschäft machen können. Der Verdacht liegt nahe, dass die Sperrung zwischen Murnau und Oberammergau mit dem schweren Zugunglück bei Garmisch-Partenkirchen zusammenhängt, bei dem technische Mängel am Gleis zu den wahrscheinlichen Unfallursachen zählen. Womöglich hat man danach auch auf der holprigen Nebenstrecke mal genauer hingesehen - und den Betrieb vorsorglich eingestellt.

Für Berufspendler und Menschen, die darauf angewiesen sind, taugt die Zweigstrecke schon lange nicht mehr, zumal ihre Unzuverlässigkeit geradezu legendär ist. "In den Jahren 2021 und 2022 ist es mehrfach zu mehrtägigen Zugausfällen gekommen", schreibt die Bayerische Eisenbahngesellschaft, die den Verkehr auf der Strecke bestellt. 17 Tage mit Totalsperrungen hat die BEG zwischen Januar 2021 und April 2022 aufgelistet - den aktuellen Ausfall nicht eingerechnet. Mal fehlte das Personal, mal war ein Zug defekt oder es wurde gestreikt.

"Irgendwas muss man machen", sagt Speer und klingt ein wenig resigniert dabei. Wegen des ungesicherten Bahnübergangs bei Altenau sei vor ein paar Jahren mal einer von der Bahn dagewesen, danach sei aber nichts passiert.

Haltepunkte statt Bahnhöfe

Inzwischen ist es auch schon wieder fast 20 Jahre her, dass die Strecke modernisiert und bei der Gelegenheit auch nachhaltig ruiniert worden ist. Um Kosten zu sparen, baute die Bahn Überholgleise ab und stufte Bahnhöfe zu Haltepunkten herunter. Das hatte unter anderem zur Folge, dass zwischen Murnau und Oberammergau keine Sonderzüge mehr verkehren können, weil die einzige Kreuzung für den regulären Betrieb gebraucht wird. In Oberammergau endet die Strecke seitdem mit einem Gleis - und ohne Toilette. Die Fahrgäste pinkelten deshalb in den Garten der Nachbarn, erzählt Bürgermeister Andreas Rödl. Nun hat die Gemeinde wenigstens ein mobiles Klo aufgestellt.

"Ich fürchte, dass die Bahn Handlungsbedarf hat", sagt Rödl. Er selbst fahre hin- und wieder mit dem Zug, "wenn's mal nicht pressiert". Aber die Verlockung ist halt groß, mit dem Auto runter nach Oberau zu kurven und von dort auf der Autobahn schnell nach München, zumal eben erst der neue Supertunnel eröffnet wurde. Eine Milliarde Euro investierte der Staat in die Straßen im Loisachtal, die Bahn galt auch hier in den vergangenen Jahrzehnten als Rückbauobjekt. Auch am Dienstag war die Strecke zwischen Garmisch-Partenkirchen und Oberau gesperrt, wie schon seit dem Unglück am 3. Juni. "Von nicht zwingend erforderlichen Zugfahrten im Bereich Werdenfels wird abgeraten", schrieb die Bahn.

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