Die Homepage sieht immer noch nach heiler Welt aus: Da ist die Rede von zehn Plätzen, die im Haus Seenest zur Verfügung stehen. Es werden Therapieräume beworben, Sport- und Bewegungsräume, es gibt einen Kreativraum und ein Musikzimmer. Kinder mit frühkindlichen Traumatisierungen im Alter von fünf bis zwölf Jahren, so der Tenor, dürfen sich hier wohlfühlen, sich stabilisieren und genesen. Nur gibt es seit Kurzem gar keine Kinder mehr im Haus Seenest: Das Jugendamt Oberallgäu hat sechs Bewohner in Obhut genommen – wegen „kindeswohlgefährdenden Erziehungsmethoden“.
Hinter dem Träger der Einrichtung, der Himmelsstürmer gGmbH, steht der Verein Mission Freedom, dem vielfach ein christlich-fundamentalistisches Weltbild vorgeworfen wird. Bereits zur Eröffnung von Haus Seenest vor mehr als einem Jahr gab es deshalb Kritik, die Grünen-Abgeordnete Gabriele Triebel stellte eine Anfrage im Landtag, weil sie die Gefahr für einen geistlichen Missbrauch an traumatisierten Kindern in einem geschlossenen System sah. Zur Inobhutnahme der sechs Kinder fordert der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit nun eine „lückenlose Aufklärung“ sowie „eine strengere Aufsicht über Träger mit fundamentalistischen Hintergründen.“
Die Regierung von Schwaben und das Landratsamt Oberallgäu teilen mit, dass nicht nur die Kinder aus Haus Seenest auf andere Einrichtungen verteilt worden seien. Auch dürfe die pädagogische Leitung nicht mehr dort arbeiten. Der sogenannten Tätigkeitsuntersagung lägen dieselben Gründe zugrunde wie der Inobhutnahme, sie sei vom Verwaltungsgericht Augsburg bestätigt worden. Zu den konkreten Vorwürfen machen die Behörden keine Angaben, da derzeit noch ein Rechtsstreit anhängig sei. Sie betonen jedoch, dass die Entscheidung nicht mit der weltanschaulichen Ausrichtung des Trägers zusammenhänge.
Dabei hatte die Abgeordnete Triebel genau deshalb bereits zur Eröffnung bezweifelt, ob die Trauma-Einrichtung überhaupt eine Betriebserlaubnis erhalten sollte. Kinder seien eine höchst vulnerable Gruppe, die empfänglich sein könnte für einseitige Beeinflussung. Behörden wie das Landeskriminalamt Hamburg lehnen eine Zusammenarbeit mit dem dahinter stehenden Verein Mission Freedom explizit ab.
Der Blog fundiwatch.org, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, über christlich-fundamentalistische Ideologien aufzuklären, beobachtet den Verein und seine Vorsitzende seit langer Zeit und hat dazu eine umfangreiche Recherche veröffentlicht. Von der Regierung von Schwaben hat der Blog erfahren, dass derzeit der Widerruf der Betriebserlaubnis geprüft werde. Die Vorwürfe, die zur Inobhutnahme und Tätigkeitsuntersagung führten, seien den Behörden von ehemaligen Mitarbeitern der Einrichtung zugetragen worden.
Im Internet ist noch immer ein Jobangebot für eine pädagogische Fachkraft in einer Wohngruppe für den Standort Allgäu zu finden, in dem explizit nach Mitarbeitern gesucht wird, die sich persönlich „mit biblischen Glaubensgrundsätzen“ identifizierten. Die Vereinsvorsitzende von Mission Freedom wirbt auf zahlreichen Videoclips damit, wie sie Gottes Stimme hört, mit Jesus spricht und von angeblichen Wundern erzählt. Kinder hat sie einmal als Material bezeichnet, das Gott brauche, um sein Reich zu bauen. Als die ersten drei Kinder ins Haus Seenest einzogen, verkündete die Vereinsvorsitzende per Video: „Das ist so, als wenn Gott mir drei neue Babys geschenkt hat.“
Auf Fragen der SZ zur Inobhutnahme der Kinder antwortet die Himmelsstümer gGmbH nicht. Vor knapp einem Jahr war der Träger noch zugänglicher, da distanzierte er sich auf Anfrage „ausdrücklich von jeder Form religiösen Missbrauchs“ und ging auch ausführlich auf Fragen zu Mission Freedom ein. Sorgen über eine zwangsmissionarische Ausrichtung von Haus Seenest seien unbegründet, man wolle Menschen unabhängig von ihrem Glauben helfen. „Gleichzeitig glauben wir, dass Glaube und Spiritualität eine wichtige Ressource im Umgang mit Trauma sein können.“ Die Einrichtung werde von einer „sehr erfahrenen Fachpädagogin für Psychotraumatologie“ geleitet. Den Vorwurf des christlichen Fundamentalismus bezeichnete der Träger als nicht nachvollziehbar.
Den deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit dagegen erfüllen die Maßnahmen in der Einrichtung für traumatisierte Kinder mit Sorge. „Wenn religiöse Dogmen über pädagogische Standards gestellt werden und sogenannte ‚Heilungspraktiken‘ zum Einsatz kommen, die das Kindeswohl gefährden, verlassen wir den Boden der professionellen Jugendhilfe“, sagt Vorsitzender Sebastian Hainski. Zuständige Behörden müssten bei der Erteilung von Betriebserlaubnissen genauer prüfen, ob Träger zwischen professioneller Erziehung und missionarischem Eifer trennen könnten. Praktiken, die auf esoterischen oder fundamentalistischen Weltbildern basieren und Kinder psychisch oder physisch unter Druck setzen, hätten in der Kinder- und Jugendhilfe keinen Platz.


