OB in Regensburg:Wolbergs' wunderbare Welt

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Joachim Wolbergs

Wimmelbild mit Wolbergs: Der Regensburger OB (hinten, Mitte) mischt sich gerne unters Volk, zum Beispiel am bunten Wochenende im Stadtpark.

(Foto: Peter Ferstl)

Der neue Regensburger OB Wolbergs ist mit dem Ziel angetreten, die Stadt offener zu machen. Die Schritte dahin: mehr Hilfe für Flüchtlinge, Tariflöhne im Pflegeheim, bezahlbare Wohnungen. Doch der Wandel hat seinen Preis.

Von Wolfgang Wittl, Regensburg

Mangelnder Eifer ist der Regensburger CSU gewiss nicht zu bescheinigen. Nahezu im Wochentakt jagt die Stadtratsfraktion einen neuen Antrag heraus: "Abenteuerspielplatz Burgweinting: CSU-Fraktion setzt sich für Erneuerung ein", heißt es im jüngsten Schreiben. Ein anderes Mal geht es um die "Aufstellung von Aschenbechern im öffentlichen Raum", dann wieder um ein Pflaster vor dem Kirtabaum eines Schützenvereins oder um Fahrrad-Abstellbügel vor einem Café. Im Wahlkampf war noch die Rede davon, in den nächsten sechs Jahren 10 000 neue Wohnungen zu schaffen. Man ist bescheiden geworden in der Regensburger CSU.

Die unfreiwillige Erdung ist auf einen Mann zurückzuführen, dem bei den Kommunalwahlen im März das wohl überraschendste Ergebnis in einer bayerischen Großstadt gelungen ist. Und der gerade dabei ist, Regensburg seinen eigenen Anstrich zu verpassen. Lediglich 21 Stimmen fehlten Joachim Wolbergs (SPD) im ersten Wahlgang zur absoluten Mehrheit, obwohl alle Beobachter ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit CSU-Mann Christian Schlegl erwartet hatten. In der Stichwahl triumphierte Wolbergs mit 70,1 Prozent. Eine ähnliche Sensation gelang allenfalls Florian Janik (SPD) in Erlangen, der den 18 Jahre amtierenden Siegfried Balleis (CSU) ablöste.

Unterschiede machen sich im Kleinen bemerkbar

Es sind nicht die großen Stellschrauben, an denen Wolbergs, 43, in den ersten vier Monaten seines Wirkens dreht. Dazu besteht für ihn auch keine Veranlassung. Regensburg hat sich in den 18 Jahren unter Hans Schaidinger (CSU), der aus Altersgründen nicht mehr antrat, zu einem der blühenden Wirtschaftsstandorte Deutschlands entwickelt. In Studien wird die Stadt regelmäßig unter den besonders lebenswerten Orten geführt. Diesen Weg gelte es konsequent fortzusetzen, sagt Wolbergs.

Die Unterschiede zu seinem Vorgänger Schaidinger zeigen sich im Kleinen - und entfalten doch eine große Außenwirkung. Offener und freier soll Regensburg nach Wolbergs Vorstellung werden, sozialer und gerechter. Als die Staatsregierung händeringend nach Erstaufnahmeunterkünften für Asylbewerber suchte, ließ Wolbergs im Koalitionsvertrag festschreiben, dass eine wohlhabende Stadt wie Regensburg sich dieser Verantwortung stellen werde. Ende nächsten Jahres soll das Quartier nun auf dem Gelände der Bajuwarenkaserne in Betrieb genommen werden können.

Alles prima, also?

Vom propagierten Klimawandel profitieren bislang vor allem die kleinen Leute: Die städtischen Bediensteten in einem Alten- und Pflegeheim werden künftig wieder nach Tarif entlohnt, das Einstiegsgehalt am Theater wird von 1650 auf 1900 Euro angehoben, Gebäude der Stadt sollen wieder von eigenem, besser bezahlten Personal gereinigt werden anstatt von externen Putzkolonnen. Das Bauverfahren am Areal der Nibelungenkaserne wird nachträglich teilweise so verändert, dass künftig nicht der Kaufpreis, sondern das Konzept des Investors entscheiden soll. Stichwort: bezahlbarer Wohnraum. Zuletzt trat Wolbergs als Schirmherr für den Christopher Street Day auf, den sein Vorgänger stets gemieden hatte. Derzeit ist der OB auf Sommertour in der Altstadt unterwegs, um sich Sorgen der Geschäftsleute anzuhören.

Die Verwaltung, die Wolbergs "im Kern klasse" findet, krempelt er soeben nach seinen Vorstellungen um: Die bisher nur dem OB unterstellte und intern gefürchtete Koordinationsstelle wird aufgelöst und durch ein Verwaltungsreferat ersetzt. Zudem soll ein neues Referat für Bildung, Freizeit und Sport entstehen. Mitarbeiter schwärmen vom immensen Pensum, welches der Oberbürgermeister leiste, von dessen verbindlichem Ton und dennoch einer klaren Linie. Auch in der bunten Koalition mit Grünen, Freien Wählern, FDP und Piraten herrscht ungebrochene Euphorie. Mit Wolbergs sei ein neuer Stil in der Stadt eingekehrt. Alles prima, also?

Image auf Kosten der Stadtkasse

Kritiker wenden ein, der neue Oberbürgermeister erkaufe sich ein gutes Image auf Kosten der Stadtkasse, indem er versuche, allen gerecht zu werden. Wolbergs führe eine "Koalition des Geldausgebens", sagt ein Kenner der Regensburger Politik. Spannend werde es erst, wenn die städtischen Konten nicht mehr voll seien oder die Koalition strittige Themen zu moderieren habe. In der CSU regt sich zudem Kritik, die gut funktionierende Verwaltung werde unnötig teuer "aufgebläht". Man vermisse eine klare Strategie und kreative Vorschläge, wofür der OB stehe.

Im Moment kann Wolbergs, dem einst Dünnhäutigkeit nachgesagt wurde, solche Attacken gelassen abprallen lassen. Seine "Politik des Nicht-Wehtuns" mache es der Opposition schwer, öffentlichkeitswirksam Angriffsflächen zu finden, heißt es selbst in der CSU. So freut man sich bei den Christsozialen bereits über kleine Erfolge. "CSU für rasche Bürgerinformation in der Werftstraße: OB Wolbergs greift Vorschlag auf", lautete unlängst eine Pressemitteilung. Es gebe keinen Grund, die CSU nicht zu loben, wenn sie einen guten Vorschlag mache, sagt der neue Oberbürgermeister. Der "Quatsch mit dem Lagerdenken" müsse endlich aufhören.

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