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Oberbayern:Wie Steinbruch die Nußdorfer auf die Barrikaden bringt

Noch ragt die Garwand aus den Halden des Steinbruchs. Laut Gerichtsbeschluss hätte der Heuberg in dieser Höhe nicht mehr angetastet werden dürfen.

(Foto: Matthias Köpf)

Einmal schon erreichten sie, dass ihr Hausberg nicht weiter abgetragen wird. Doch aktuell läuft ein neues Genehmigungsverfahren für den Kalkabbau.

Von Matthias Köpf, Nußdorf am Inn

Es ist immer wieder diese eine Zahl. "758 Meter - von denen träume ich schon", sagt Josef Reisinger. Er sagt das ungefähr 150 Meter weiter oben, wo der Steig oberhalb des Steinbruchs und unter der "Eingefallenen Wand" die Flanke des Heubergs quert. Auf dem steilen Weg von Nußdorf hier herauf hat Reisinger schon mehrmals von den 758 Metern gesprochen, und all die Jahre davor noch sehr viel öfter. Zuletzt hat auch der Bayerische Verwaltungsgerichtshof die Zahl bestätigt. Oberhalb von 758 Metern Seehöhe dürfe am Heuberg nichts mehr abgebaut werden, beschlossen die obersten Verwaltungsrichter 2018 vorläufig, das Landratsamt Rosenheim habe den Steinbruch über dieser Linie sofort stillzulegen. Denn der Kalkabbau für das Zementwerk im nahen Rohrdorf hatte sich längst weiter den Heuberg hinaufgefressen. Inzwischen läuft am Landratsamt ein neues Verfahren, das den Abbau für weitere 50 Jahre sichern soll.

Doch die Nußdorfer wollen es nicht mehr hinnehmen, dass ihr Hausberg weiter abgetragen wird. Der Steinbruch klafft schon jetzt wie eine Wunde im 1336 Meter hohen Heuberg, der ersten markanteren Erhebung im Inntal Richtung Tirol. Wenn am Nachmittag von Westen her die Sonne hinein scheint, ist der Steinbruch schon von der A 8 am Irschenberg aus zu sehen. Dabei sollte er laut der ersten Genehmigung von 1961 praktisch unsichtbar bleiben: Die tiefe Kerbe im Heuberg hätte über einer Tunnelröhre für die Zufahrt aufgefüllt werden und zuwachsen sollen. Und wenn er dann noch unter den 758 Höhenmetern geblieben wäre, so wäre der ganze Steinbruch ein fest geschlossener Kessel an der Bergflanke geblieben. Vom Inntal und von Nußdorf aus hätte er mitsamt dem Lärm und Staub der Sprengungen kaum zu hören und zu sehen sein sollen.

All das ist anders gekommen. Die Leute seien "immer wieder für blöd verkauft worden", sagt Nußdorfs Bürgermeister Sepp Oberauer (CSU/FWG). "Die Nußdorfer Bevölkerung wollte diesen Steinbruch noch nie." Die Gemeinde hat sich über die Jahrzehnte nicht immer felsenfest gegen den Steinbruch gestellt, aber laut Oberauer, der seit 2002 amtiert, hatte sie bei den Genehmigungsverfahren auch nie viel zu melden. Klagen konnte sie zuletzt auch nur deswegen, weil ihr die Bichleralm gehört, eine kleine Hütte oberhalb des Steinbruchs, von der mit dem Fernglas die Hochhäuser in München zu erkennen sind. Den Prozess vor dem Verwaltungsgericht hatte die Gemeinde noch verloren. Erst der VGH schob der Erweiterung 2018 einen Riegel vor - auch unter dem Eindruck, dass während des Verfahrens im Steinbruch Fakten geschaffen wurden. Der Hangschotter ist längst bis auf 840 Meter abgetragen.

Nach dem Beschluss des VGH bestanden aber weder die Gemeinde noch das Zementwerk auf einem abschließenden Urteil. Die Gemeinde glaubte erreicht zu haben, was sie konnte, und das Zementwerk ließ es auch nicht drauf ankommen. Stattdessen beantragte es beim Landratsamt aufs Neue eine Abbaugenehmigung. Die Nußdorfer erhoben mehr als 700 Einwände, und weil das Landratsamt nicht genug auf den Artenschutz und speziell auf den seltenen Alpenbock geachtet hatte, der am Heuberg sein Käferleben führt, ging auch dieses Verfahren in eine neue Runde. Gerade ist wieder eine Einspruchsfrist verstrichen, in der Hunderte neuer Einwände dazugekommen sind. Auf den üblichen Erörterungstermin will das Landratsamt aber verzichten, weil es so eine Veranstaltung in Zeiten von Corona als gefährlich erachtet.

Der Nußdorfer Josef Reisinger setzt sich inzwischen schon seit Jahrzehnten gegen die Erweiterung des Steinbruchs ein.

(Foto: Matthias Köpf)

Die Gemeinde besteht aber auf einer öffentlichen Erörterung. In der Frage ist sich der Bürgermeister Oberauer einig mit Josef Reisinger. Der 60-Jährige war wegen des Steinbruchs in den Achtzigen bei der Gründung der Nußdorfer Ortsgruppe im Bund Naturschutz dabei und saß lange für die "Parteifreien Nußdorfer" im Gemeinderat. Gerade hat er auch noch ein "Aktionsbündnis Rettet den Heuberg" mitgegründet. Gerettet werden soll der Berg "vor Gier und Amtswillkür". So steht es auf den Bannern, die sie dieser Tage drunten in dem 2600-Einwohner-Ort aufhängen wollen.

Mike Edelmann als Geschäftsführer von Rohrdorfer Zement sieht das ganz anders. Der Familienbetrieb ist längst eine Unternehmensgruppe mit 2000 Mitarbeitern und 140 Standorten vor allem in Deutschland und Österreich, zu 24 Prozent gehört sie dem Branchenriesen Heidelberger Zement. Rohrdorfer verfügt im Inntal bis hinein nach Tirol über eine ganze Reihe von Steinbrüchen. In Nußdorf wurde bis vor einigen Jahren nur so viel gesprengt, dass die Abbaugenehmigung nicht erloschen ist. Mit der Baukrise um die Jahrtausendwende sei die Nachfrage nach Zement eingebrochen, sagt Edelmann.

Spätestens 2030 will das Unternehmen rein rechnerisch CO₂-frei produzieren

Inzwischen kracht und rumpelt es in Nußdorf aber wieder regelmäßig. Der Kalkstein aus Nußdorf eignet sich laut Edelmann besonders für die Zementherstellung, weil durch seinen geringen Magnesiumgehalt beim Brennen weniger CO₂ frei werde. Bei einem geplanten Abbau von 200 000 Tonnen pro Jahr würden so jährlich 10 000 Tonnen CO₂ eingespart, sagt Edelmann.

Die Steinbruch-Gegner fragen sich, ob das Argument nur vorgeschoben ist, doch das Engagement von Rohrdorfer zur CO₂-Reduktion stellt kaum jemand in Frage. Die Zement- und Betonindustrie gilt als Klimakiller, doch immerhin hat Rohrdorfer seit 2006 sehr viel Geld investiert, um Rauchgas zu reinigen, fossile Brennstoffe zu sparen und Abwärme zu nutzen. Spätestens 2030 will Edelmann rein rechnerisch CO₂-frei produzieren, weil er den beim Brennen aus dem Kalk austretenden Rest als Grundstoff an die Chemieindustrie liefern will.

Laut Edelmann wurden in Nußdorf seit 1961 acht Millionen Tonnen Kalkstein abgebaut, bis 2070 sollen es weitere 9,6 Millionen Tonnen werden. Der aktuelle Antrag umfasse nicht mehr als das, was bereits genehmigt sei, so lautet die Sicht des Unternehmens. Denn die Obergrenze von 758 Metern, die den Nußdorfern so wichtig ist, ergibt sich aus alten Genehmigungsunterlagen, die damals nur als Draufsicht ohne Höhenprofil vorlagen. Edelmann zweifelt den Wert an: "Wir haben da 840 Meter rausgemessen." Und unter der kleinen Fläche über 758 Metern lagere der allergrößte Teil des Kalks, den man abbauen wolle. Es werde dann auch von ober her wieder renaturiert, sodass in 20 Jahren kaum mehr etwas vom Abbau zu erkennen sein werde.

Derzeit jedenfalls ist der Steinbruch gut zu sehen, besonders gut von Günter Lössls Balkon im Ortsteil Überfilzen. Es ist kein Kilometer Luftlinie dort hinauf, doch Lössl macht eher der kurze Weg herunter Sorgen. Die zerklüftete Wand über dem Steinbruch heiße nicht umsonst "Eingefallene Wand", sagt der pensionierte Maschinenbauprofessor. Ohne die dämpfende Schuttschicht könnten die Sprengungen oder ein Erdstoß, wie er hier im Inntal durchaus vorkommen kann, das Gestein lockern. "Und dann glaube ich, dass die Brocken von da oben runterkommen", sagt Lössl, der in den Gutachten des Zementwerks nach eigenen Worten Fehler entdeckt hat wie einst in den Diplomarbeiten seiner Studenten. Die Klage, die Lössl deswegen eingereicht hat, wird nicht die einzige blieben, vermutet Bürgermeister Oberauer. Denn egal wie das Landratsamt entscheidet: Die andere Seite werde sicher vor Gericht ziehen.

© SZ vom 02.12.2020/wean/van
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