Nürnberger Glücksforscher:"Such dir eine Arbeit, die du liebst"

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Nürnberger Glücksforscher: Die Arbeitsschwerpunkte von Karlheinz Ruckriegel, 56, sind Makroökonomie, insbesondere Geld und Währungspolitik sowie psychologische Ökonomie.

Die Arbeitsschwerpunkte von Karlheinz Ruckriegel, 56, sind Makroökonomie, insbesondere Geld und Währungspolitik sowie psychologische Ökonomie.

(Foto: privat)

Wollen Unternehmen Erfolg haben, müssen ihre Mitarbeiter glücklich sein. Der Nürnberger VWL-Professor Karlheinz Ruckriegel erklärt im Interview, worum es im Job gehen muss und wie Mitarbeiter die beste Leistung bringen.

Von Stephanie Kundinger

Die Arbeitswelt hat mit so etwas Emotionalem wie Glück nichts zu tun. Denn dort geht es ausschließlich um Erfolg, Durchsetzungsfähigkeit, Gewinnoptimierung, Leistung, Produktionssteigerung und vor allem um viel Geld. Falsch, sagt Karlheinz Ruckriegel. Der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fakultät Betriebswirtschaft der Technischen Hochschule Nürnberg ist davon überzeugt, dass glückliche Mitarbeiter und glückliche Chefs bares Geld wert sind.

SZ: Herr Ruckriegel, Sie sind Professor für Volkswirtschaftslehre in Nürnberg und beschäftigen sich seit fast zehn Jahren mit der Glücksforschung. Warum sind Sie der Meinung, dass diese für die Ökonomie immer wichtiger wird?

Karlheinz Ruckriegel: Innerhalb der Wirtschaftswissenschaften unterscheiden wir grob zwischen Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre. In der Volkswirtschaftslehre geht es um die grundsätzliche Frage, wie man knappe Ressourcen so nutzen kann, dass man ein Höchstmaß an Output erzielt. Die knappe Ressource ist die Zeit, mit dem Output ist das Wohlbefinden der Menschen gemeint. Es geht also darum, herauszufinden, was die Ursachen für Wohlbefinden sind, und Wege zu mehr Wohlbefinden aufzuzeigen. In der Betriebswirtschaftslehre geht es letztlich um die Frage einer guten Unternehmensführung, die sowohl Gewinne als auch die gesellschaftliche Unternehmensverantwortung im Auge hat. Für beides sind zufriedene Mitarbeiter von zentraler Bedeutung.

Inwiefern?

Wer gern in die Arbeit geht, ist engagierter, kooperativer, kreativer, weniger krank, produktiver und loyal gegenüber der Firma eingestellt. Außerdem haben Befragungen ergeben, dass zufriedene Mitarbeiter seltener krank sind. Wenn Unternehmer also darauf achten, dass es ihren Mitarbeitern gut geht, ist das eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Glück empfindet jeder Mensch anders. Wie schafft es da ein Unternehmer, seine komplette Belegschaft glücklich zu machen?

Es geht im Wesentlichen darum, den Mitarbeiter als Mensch zu behandeln, höflich zu sein und ihn zu respektieren. Führungskräfte sollten außerdem daran interessiert sein, dass sich die Mitarbeiter weiterentwickeln, deshalb ist regelmäßiges Feedback sehr wichtig. Grundsätzlich müssen Führungskräfte jedoch selbst mit sich im Reinen sein, nur so kann sich die Zufriedenheit in den Mitarbeitern widerspiegeln.

Woran erkennen Chefs, ob es ihren Mitarbeitern gut geht?

Niemand kann sagen, meine Mitarbeiter sind glücklich, weil sie viel Geld verdienen oder weil sie etwa einen Dienstwagen haben. Es kommt vielmehr auf das emotionale Befinden des Mitarbeiters an. Und das lässt sich durch eine direkte Befragung feststellen.

Wann sollten Firmen spätestens nachfragen, wie es um die Mitarbeiter bestellt ist?

Wenn der Krankenstand oder die Fluktuationsrate vergleichsweise hoch sind, sind das sichere Anzeichen, dass etwas nicht stimmt. Oft liegt es an der Beziehung zum Vorgesetzten, hier können Unternehmen ansetzen und etwas verändern. Denn wer fachlich gut ist, ist nicht automatisch eine gute Führungskraft. Sinnvoll sind deshalb Coachingmaßnahmen für Führungskräfte im Umgang mit Mitarbeitern. Den Vorgesetzten muss natürlich auch genügend Zeit für die Mitarbeiterführung eingeräumt werden. Unter Umständen muss man die gesamte Stellenbeschreibung von Führungskräften umschreiben. Den Personalabteilungen wird daher künftig eine zentrale und strategische Rolle in den Unternehmen zukommen, was noch durch die demografische Entwicklung verstärkt wird, die den Wettbewerb um Mitarbeiter verschärfen wird.

Es geht nicht nur um mehr Gewinn

Die Nürnberger IHK bildet Corporate Social Responsibility Manager aus und strebt an, künftig in jedem mittelfränkischen Betrieb einen solchen CSR-Manager anzutreffen. Ist das der richtige Weg?

Das ist ein sehr guter Ansatz. Corporate Social Responsibility steht für gesellschaftliche Unternehmensverantwortung. Es geht hierbei um die Berücksichtigung der Interessen aller Stakeholder, also der Eigentümer, Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, des Staates und der Gesellschaft insgesamt, und zwar im Kerngeschäft eines Unternehmens. Firmen müssen weg vom Shareholder-Value-Denken, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, die gesellschaftliche Akzeptanz zu verlieren.

Dann müsste ja auch die Ausbildung angehender Manager überdacht werden.

In den vergangenen 20 bis 30 Jahren wurden angehende Manager weitgehend nach dem gängigen Shareholder-Value -Denken ausgebildet, bei dem die kurzfristige Gewinnmaximierung im Mittelpunkt steht. Davon müssen Unternehmen wegkommen, zumal die Generation Y heranwächst. Das sind Menschen, ab 1980 geboren, die sich nach einem ganzheitlichen Leben sehnen. Für diese Generation ist Karriere nicht der einzige Lebensinhalt, vielmehr wollen sie mit ihrer Arbeit einen sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft leisten und eine ausgewogene Work-Life-Balance haben. Wir wurden schließlich nicht dazu geboren, um das Bruttosozialprodukt zu steigern. Es geht vielmehr um ein gelingendes Leben.

Welche Rolle spielt denn dann künftig noch das Geld?

Mehr Geld steigert nicht automatisch das Wohlbefinden, zu dieser Erkenntnis kamen Wissenschaftler schon vor vielen Jahrzehnten. Sind die materiellen Grundbedürfnisse gedeckt, gewöhnen wir uns sehr schnell an mehr Einkommen. Wir erhöhen einfach unsere Ansprüche. Die Bezahlung muss aber fair sein.

Beobachten Sie auch ein Umdenken der bayerischen Betriebe im Bereich der Familienpolitik?

Ja, viele Firmen erkennen mittlerweile etwa auch die Elternzeit bei Männern in Führungspositionen an. Trotzdem gibt es noch viel zu tun. Familienfreundlichkeit wird künftig eine entscheidende Rolle in den Unternehmen spielen. Jeder Mitarbeiter braucht eine ausgewogene Work-Life-Balance, niemand kann im ständigen Konflikt zwischen Beruf und Familie leben. Deshalb müssen Unternehmer darauf achten, diesen Konflikt bei Mitarbeitern zu vermeiden.

Was kann jeder einzelne tatsächlich tun, um wirklich zufriedener am Arbeitsplatz zu werden?

Es ist wichtig, sich Ziele zu setzen, die realistisch und erreichbar sind. Außerdem sollten Menschen einer Beschäftigung nachgehen, für die sie sich interessieren und auf einen fairen Umgang mit Kollegen achten. Ich zitiere auf Veranstaltungen gerne ein Sprichwort von Konfuzius, das besagt: Such dir eine Arbeit, die du liebst - dann brauchst du keinen Tag im Leben mehr zu arbeiten.

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