DB-Museum:Mythos Eisenbahntoilette

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Sammelbehälter-Entleerung der ersten, zu Erprobungszwecken eingeführten Vakuumtoiletten bei der Deutschen Bundesbahn. (Foto: DB Museum)

Die Notdurft in Hut oder Stiefel verrichten? Auf Bahnhöfen das Zugklosett nicht nutzen dürfen? Also bitte: Da reisen DB-Kunden heute deutlich komfortabler – zeigt eine Ausstellung in Nürnberg.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Eine Geschichte über die Deutsche Bahn darf nicht ohne Beschwerde beginnen, des Wiedererkennungseffekts wegen. Fragen wir also Herrn G. Halle, Kaufmann aus Leipzig, dort wohnhaft in der schmucken Hardenbergstraße, ob er seine Fahrt mit dem Eilzug nach München genossen hat. Hat er nicht. Wie könnte er auch?

Es war nämlich so. Um exakt 10.21 Uhr ist Herr Halle am Zielbahnhof angekommen, zugestiegen frühmorgens in seiner Heimatstadt, Wagen vier, Platz 30, zweite Klasse. Seinen Eintrag im Bahnbeschwerdebuch zu München hat er um 10.56 Uhr aufgesetzt, es scheint da einer ordentlich Druck auf dem Griffel gehabt zu haben. Und wie denn auch anders? Herr Halle hat in seinem Zug zwischen 7 und 7.30 Uhr nach einer „Waschgelegenheit“ suchen müssen – geschlagene 30 Minuten lang. Und dass Herr Halle dies im Beschwerdebuch eine „Waschgelegenheit“ nennt, zeigt doch, dass Herr Halle keineswegs zu den Rüpeln zu rechnen ist. Gerade nicht! Herr Halle beschwert sich eben nicht mit billiger Polemik über eine rollende Bedürfnisverhinderungsanstalt. Nein, eine Waschgelegenheit hat er, Herr Halle, aufsuchen wollen, einfach nur eine Waschgelegenheit.

Ehe der Bahnbeschwerde des Herrn Halle hier weiter nachgegangen werden muss: Man befindet sich in der Ausstellung „Unter Druck“, welche im DB-Museum zu Nürnberg nun endlich einer flagranten Forschungslücke nacharbeitet: der Geschichte der Zugtoilette.

Die Fallrohrtoilette – das „Plumpsklo“ der Bahn – war über ein Jahrhundert lang Standard im Zug. (Foto: DB Museum)
Die Ausstellung „Unter Druck“ im Nürnberger DB-Museum zeigt die Geschichte des Zugaborts. (Foto: Olaf Przybilla)

Herr Halle? Ist in seiner menschlichen Not – die er so nicht benennt, sondern aus reiner Kulanz beim Waschen bleibt – „auf dem Wege des Suchens“, wie er formuliert, in einem Schlafwagen angekommen, samt Toilettenraum. Aber noch bevor Herr Halle loslegen konnte, klopft ein „diensthabender Beamter“ an die Waschraumtüre, Herr Halle öffnet und wird von jenem „in sehr unhöflicher Art“ (dies hat Herr Halle im Beschwerdebuch optisch herausgearbeitet) der Örtlichkeit verwiesen. Die Begründung ist nicht eigens aufgeführt, es darf aber wohl abgeleitet werden, dass Herr Halle in seinem Zug-Paket unglücklicherweise nicht die Mitnutzung der entsprechenden Schlafwagenwaschgelegenheit gelöst hatte.

Wie auch immer: Um 9 Uhr – und damit schöne zwei Stunden nach Beginn eines akuten Waschbedürfnisses bei Herrn Halle – ist ihm vom Zugpersonal „der Toilettenraum eines anderen Wagens angewiesen“ worden. Und Herr Halle? Reagiert darauf, wie es eben seine Art ist: mit einem Trinkgeld.

Schlusspunkt der Beschwerde: Herr Halle glaubt nicht, dass es im Interesse des Eisenbahnpersonalwesens liegen könne, auf Reisen „derart grob abgefertigt“ zu werden und ersuche die zuständige Stelle „ergebenst, die Angelegenheit einer geflissentlichen Prüfung zu unterziehen“. Der Beschwerde legt Herr Halle noch seine Platzkarte bei, als Beweismittel.

Der Eintrag ins Bahnbeschwerdebuch entstammt dem Juni 1908 – und selbstredend, diesen Beweis tritt besagte DB-Ausstellung ganz eindeutig an, ist man bei der Deutschen Bahn heute entschiedene Schritte weiter, was Service, Freundlichkeit und durchschnittliche Waschraumwartezeiten anlangt. Aber interessant ist es irgendwie schon, was Herrn Halle da vor 116 Jahren zu berichten weiß.

Und ja, der Besuch dieser Schau wird helfen, den Unfrieden in der Brust des aktuell Bahnreisenden entschieden zu lindern. Es ist heute eben nachweislich nicht mehr notwendig, einen Stiefel oder Hut als Bahnabort zu benutzen, wie das noch der Fürther Arzt Dr. Fronmüller 1855 zu bekritteln wusste. Auch die geniale Fallrohrlösung samt entsprechend hygienisch wertvollen Gleisanlagen und dem noch in der Kohl-Ära beliebten Schild „Es wird ersucht, den Abort während des Aufenthalts des Zuges auf einer Station nicht zu benutzen“ gehört ganz klar der Vergangenheit an.

Benutzungsverbotsschilder begleiten die Geschichte des Zugklosetts. (Foto: Graef Medien/DB Museum)
Dafür war das Toilettenpapier mit dem Signet der Deutschen Bundesbahn sehr chic in den Achtzigerjahren. (Foto: Uwe Niklas)

Sogar die „sehr unhöfliche Art“ der DB-Waschraumabweisung soll nicht mehr vorkommen. Womöglich – man weiß es natürlich nicht – hat ja der Bucheintrag von Herrn Halle dazu beigetragen.

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