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Nürnberg:Yuppie-Alarm im Glasscherbenviertel

Gefühlte Gentrifizierung in Nürnberg

In Gostenhof gibt es noch unsanierte Häuser mit Schmierereien an den Fassaden.

(Foto: Peter Roggenthin)
  • Ein Hausbesitzer in Nürnberg-Gostenhof hat einen Zaun um sein Grundstück gezogen. Bewohner des früheren Arbeiterstadtteils sehen darin einen Affront - und fürchten sich vor einer möglichen Gentrifizierung.
  • Oberbürgermeister Maly sieht dagegen keine Gefahr, dass sich Gostenhof zum Viertel der Besserverdiener entwickle.
  • Mehr Texte zum Thema Gentrifizierung lesen Sie auf dieser Seite.

Von Katja Auer, Nürnberg

Es ist keine Mauer, die Gostenhof seit ein paar Wochen trennt, sondern nur ein Zaun, nicht einmal zwei Meter hoch. Ein Hausbesitzer hat ihn um sein Grundstück gezogen, andere Bewohner des Nürnberger Stadtteils sehen darin einen Affront. Bei einer Demonstration gegen den Einfluss von Investoren haben Autonome den Mann und seine Ehefrau angegriffen. Dieser wiederum soll die Demonstranten fotografiert und provoziert haben. Seitdem ist Gostenhof mitten drin in der Gentrifizierungsdebatte.

Darf einer das, einen Zaun an seiner Grundstücksgrenze ziehen, sodass die Radlfahrer absteigen müssen, weil der Durchgang jetzt so eng ist? Ist das ein Zeichen dafür, dass sich einer abschirmen will von den Leuten draußen? Und ist das der Anfang vom Ende von Gostenhof als dem Viertel der Alternativen und weniger gut Betuchten, der Migranten und Arbeiter?

Schleichende Veränderung im Viertel

"Der Zaun ist unmöglich", sagt Uwe Janza, der Vorsitzende des Bürgervereins in Gostenhof. "Nicht nur wegen der Höhe, sondern wegen der Lage und der Optik." Er ist einer von wenigen, die offen reden, viele winken ab. Zu angespannt sei die Stimmung. Janza hat von den Autonomen eine Entschuldigung gefordert, den Angriff verurteilt er scharf. Den Zaun allerdings sieht auch er als Symbol für die schleichende Veränderung im Viertel.

Gostenhof liegt südwestlich der Altstadt und galt lange als Glasscherbenviertel. Immer noch sind die Fassaden beschmiert. "Einkommen rauf, Mieten runter", steht da und all die anderen antikapitalistischen Parolen wie: "Alles für alle, bis alles alle ist." Inzwischen gilt das ehemalige Straßendorf als alternativer und angesagter Stadtteil, Künstler und Kreative leben dort. Kleine Läden und Kneipen prägen die Straßen, Studenten entdecken das Viertel für sich.

Ist das schon Gentrifizierung? Diese läuft so ab: Zunächst ziehen Studenten und Künstler in Gegenden, in denen Fabrikhallen und alte Häuser leer stehen, die Raum für Kreativität und günstiges Leben bieten. So wird ein Viertel attraktiver, Galerien und Kneipen siedeln sich an. Dann kommen die Investoren, die ganze Straßenzüge aufkaufen, sanieren und teuer vermieten. Zu teuer für die ehemaligen Bewohner, die unfreiwillig Platz machen müssen für die Reicheren. Das Phänomen kennt man vor allem aus München und Berlin.

"In Nürnberg gibt es keine Gentrifizierung", sagt Oberbürgermeister Ulrich Maly. Auch nicht in Gostenhof. Zwar verzeichnet der Stadtteil seit 2010 einen Bevölkerungsanstieg um 5000 Menschen, vor allem solche aus dem Ausland und junge Leute zwischen 18 und 24 Jahren. Ob das aber schon ein Indikator für Gentrifizierung sei, wisse man nicht, sagt Maly. "Wenn angestammte Wohnbevölkerung verdrängt wurde, dann jedenfalls nicht durch spekulativ tätige Investoren."

Auch sei nicht erkennbar, dass sich Gostenhof zum Viertel der Besserverdiener entwickle. Im Gegenteil. Die Arbeitslosenquote liege zehn Prozent über dem Nürnberger Durchschnitt, der im bayernweiten Vergleich mit gut sieben Prozent ohnehin hoch ist. Die Zahl der geförderten Wohnung ist höher als anderswo, die der Bedarfsgemeinschaften ebenfalls und das Armutsrisiko ist größer als im Nürnberger Durchschnitt. Die Übertrittsquote ans Gymnasium dagegen, die als Indiz gelten kann dafür, dass höher gebildete und besser verdienende Menschen zuziehen, ist deutlich niedriger als im Rest der Stadt.

Gefühlte Gentrifizierung in Nürnberg

Viele Besitzer haben inzwischen renoviert. Einer hat sogar einen Zaun errichtet, was zu heftigen Diskussionen führte.

(Foto: Peter Roggenthin)

Die Debatte schwelt weiter

Wie sich die Mietpreise entwickeln, ist nicht erfasst. In den Stadtteilen rund um die Innenstadt liegt die Nettokaltmiete zwischen 6,60 und sieben Euro pro Quadratmeter. In Gostenhof seien eher günstigere Preise zu erwarten, sagt Maly. Auch wenn das Immobilienportal immowelt.de eine Verteuerung berechnete. Eigentumswohnungen hätten von 2013 auf 2014 zehn Prozent mehr gekostet. Die Zahlen sind nicht repräsentativ, sondern beruhen auf den Angeboten auf dem Portal.

Ob sie sich nun belegen lässt oder nicht, die Debatte schwelt weiter. Die Autonomen, die lautstark angebliche Luxussanierungen und die Verdrängung von angestammten Mietern beklagen, befragten im vergangenen Jahr die Einwohner, von denen mehr als zwei Drittel angaben, dass es schwer sei, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Die Hälfte fühlte sich von Gentrifizierung bedroht. Auch diese Umfrage entsprach nicht empirischen Standards, als Indikator für die Stimmung mag sie dennoch gelten.

"Es gibt einen Wandel im Sozialgefüge, auf Kosten der Schwachen", sagt Janza. In den Achtzigerjahren wurde schon einmal saniert im Viertel, mit Mitteln aus der Städtebauförderung, damals entstand mit dem Jamnitzer Park auch ein zentraler Treffpunkt. Das sei aber sozialverträglich passiert, sagt Janza, heute sei das anders.

Tatsächlich tut sich was im Viertel. Es gibt immer noch Häuser, die in einem erbärmlichen Zustand sind, viele Eigentümer haben inzwischen aber saniert. Keine Investoren, sondern alteingesessene Bürger. Sie wehren sich dagegen, als Bonzen diffamiert zu werden. Aber keiner will seinen Namen in der Zeitung lesen, sonst fliege gleich wieder der nächste Farbbeutel auf die frisch gestrichene Fassade. Auch Janza ist Teil der Gentrifizierung, wenn es denn eine ist. Er ist vor bald 20 Jahren nach Nürnberg gezogen, hat ein Haus gekauft und es renoviert. Seine Mieter zahlten allerdings immer noch denselben Preis, sagt er. Ob es die Gentrifizierung in Gostenhof gibt? Zumindest eine gefühlte.

© SZ vom 30.07.2015/vewo/tba
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