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Nürnberg:Kalt wie ein Grab

Neuerdings ist über der Holztür, die von der hinteren Seite der Zeppelintribüne in den Saal führt, ein provisorisches Stahlnetz gespannt. Es verhindert, dass Brocken einer Architektur, die eigentlich für 1000 Jahre gedacht war, direkt vor die Tür fallen. Seit das Netz hängt, dürfen Gruppen den Saal wieder besichtigen, allerdings nur am Wochenende. Sie bekommen einen Eindruck vom hohlen Pomp der Diktatur. In zehn Metern Höhe schimmert ein golden eingefärbtes Mosaik, wer länger hinschaut, erkennt, dass es sich zu einem Hakenkreuz-Mäander zusammenfügt. Bis auf eine Feuerschale ist der Raum leer, die Akustik ist entsprechend gespenstisch. Kalt ist der Saal, wie ein Grab. Wer drinnen ist, will vor allem eines: wieder raus.

Schmidt hat sich lange mit der Geschichte des Saales beschäftigt, er weiß, welche Mythen sich um ihn ranken. "Gerade deshalb muss man ihn sich anschauen dürfen", sagt er. In der Tat lösen sich die Mythen gegebenenfalls rasch auf: Es ist zum Beispiel kein Gold dort oben an der Decke, es sind angestrichene Steinchen. Und auch die Mär, dass Hitler sich hier - neben Sekt trinkenden NS-Bonzen - auf Parteitagsauftritte einstimmte, stimmt nicht. Es gibt kein einziges Dokument, kein Foto, keinen Film, das Hitler in dieser Empfangshalle zeigt.

Um seine Verbindung mit den Braunhemden vorzuführen, pflegte der Hauptredner der NS-Tage auf der anderen, auf der den Jublern zugewandten Seite der Tribüne vorzufahren, um von dort die Rednerkanzel zu erklimmen. Insofern ist der Saal klassische Speer-Architektur: Pompös. Kalt. Ziemlich nutzlos. Ein hohler Raum.

Vor dem Zaun mit dem Schild "Steinschlaggefahr" steht ein Tourist aus Luxemburg. Im Reiseführer hat er gelesen, dass Teile der Zeppelintribüne zerbröseln, dass dem Bauwerk in naher Zukunft eine Totalsperrung droht, falls sich nichts tut. "Kann man doch nicht machen", sagt der Luxemburger, "das muss man erhalten, um die Dimension der Gewalt zu dokumentieren." Alexander Schmidt erklärt ihm, dass 70 Millionen Euro für eine Instandsetzung im Gespräch sind. Bund, Land und Stadt verhandeln seit Jahren - aber mit dem Erhalt von Nazi-Architektur tun sich viele schwer.

Der Tourist schüttelt den Kopf. "Versteh' ich nicht wirklich", sagt er. Schmidt schließt dem Touristen den Goldenen Saal auf, auch davon hat der Luxemburger gelesen. Dass der Saal nur mit Führung und nur am Wochenende zu sehen ist , versteht er nicht. "Ihr Deutschen", sagt er kopfschüttelnd. Immerhin: Durch eine Glastür soll der Saal irgendwann einzusehen sein. Allerdings erst dann, wenn aus der Zeppelintribüne keine Steinbrocken mehr fallen.

Termine: www.geschichte-fuer-alle.de