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Karl IV.:Wo man der Mann mit der "Goldenen Bulle" sein kann

Die Installation "Be Karl" auf dem Nürnberger Hauptmarkt begleitet die Landesausstellung im Germanischen Nationalmuseum.

  • Seit Oktober ist auf dem Hauptmarkt in Nürnberg die interaktive Installation "Be Karl" zu sehen und zu begehen.
  • Die Installation bietet Informationen über Kaiser Karl IV. und die sieben Kurfürsten. Außerdem kann man sich mit Krone fotografieren lassen.
  • Die Ausstellung läuft noch bis zum 3. November.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Mit dem Männleinlaufen in Nürnberg ist es so: Um Punkt zwölf Uhr nimmt der wissbegierige Tourist zwischen Obstkisten am Nürnberger Hauptmarkt Haltung an, er legt den Kopf in den Nacken, stößt - weil Attraktionen im Urlaub gefälligst spektakulär zu sein haben - bei vermeintlich passender Gelegenheit ein "Oooh" oder "Aaah" hervor, setzt sich dann in den Reisebus und fragt verstohlen den Sitznachbarn, was das denn bitte war. Der antwortet, im besten Fall: "Was weiß denn ich?" Man erkennt halt da unten auf dem Marktplatz nur recht schematisch eine Art großer Spieluhr an der Fassade der Frauenkirche, man hört etwas, das nach mittelalterlichem Spektakel klingt, allerdings eher dünn. Und man hat, im glücklichsten Fall, einen Reiseführer im Ohr, der einem was von Karl IV. und den sieben Kurfürsten erzählt, die den Kaiser als Spielfiguren mit allerlei Tamtam umkreisen und ihm offenbar die Aufwartung zu machen versuchen. Karl IV. und die Kurfürsten? Ah ja.

Um was geht's da eigentlich?

Dass das antiquiert wirkende Spektakel vom Hauptmarkt seine Durchschlagskraft häufig verfehlt, ist ärgerlich. Denn tatsächlich dürfte es in Mitteleuropa so ziemlich einzigartig sein, dass man ein Stück elementarer Reichsverfassungsgeschichte an der Außenwand eines Gotteshauses mitverfolgen kann. Tourismusleute nennen dergleichen gern ein "Alleinstellungsmerkmal". Jedenfalls theoretisch. Praktisch bedarf es schon einiger Erklärung, um das Kleintheater an der Kirchenfassade wenigstens halbwegs mit Gewinn verfolgen zu können. Um was geht's da eigentlich?

Um es kurz zu machen: Karl IV. war es, der 1356 in Nürnberg die "Goldene Bulle" auf den Weg brachte, die man das erste Grundgesetz des Reiches nennen könnte. Als konstitutive Bestimmung findet sich darin jener erlauchte Kreis, der den König des Reiches künftig küren - will sagen: wählen - durfte. Daher übrigens der Name Kurfürsten. Die sieben machtvollsten Landesfürsten werden aufgeführt, und nein: Bayern ist im Hochmittelalter nicht dabei.

Stattdessen die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier, der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, Herzog von Sachsen und Markgraf von Brandenburg. Der Vergleich ist schief, aber ein bisschen ist das so, als würden Bundeskanzler heute von den mächtigsten Ministerpräsidenten ausgekartelt (und Seehofer hätte nichts zu sagen). Zusätzlich wurde besagten Landesherren eine festgeschriebene Funktion in einer Art Reichskabinett zugewiesen. Der Herzog von Sachsen etwa war Erzmarschall, also: Befehlshaber des Reichsaufgebots. Das ist in etwa so, als wäre der Ministerpräsident von Sachsen in Personalunion immer auch Bundesverteidigungsminister. Muss man nicht mögen, klar.

Wie auch immer: Warum die sieben Herrschaften da als Spielfiguren um den König kreiseln, in ihren Händen die Insignien ihrer spezifischen Reichsfunktion (der Sachse trägt Schwert), versteht man ohne Geschichtsstudium vermutlich nur mit Erläuterungen. Und normalerweise findet sich da nichts auf dem Hauptmarkt.

Momentan schon: Die "interaktive Installation" heißt "Be Karl" und hat zwei Teile. Der erste, hm, niedrigschwellige Teil ist eine an die Wand gehängte Krone. Unter ihr darf man mal versuchen, wie sich das anfühlt als König und Kaiser, darf ein Foto davon machen und es der Welt zeigen. Wenn die Sonne scheint, ist das gerade recht angesagt in Nürnberg. Zusätzlich finden sich aber auch allerlei Erläuterungen zur Bedeutung des "Männleinlaufen". Und auch sie finden ihre Abnehmer. Touristen, logisch. Es dürfte aber auch Einheimische geben, die da erstmals erfahren, was es eigentlich auf sich hat mit dem Glockenspiel an der Kirchenfassade.

© SZ vom 19.10.2016/eca
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