Tiergarten NürnbergZu wenig Platz: Zwölf Guinea-Paviane getötet

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Im Nürnberger Tiergarten sind zwölf gesunde Paviane getötet worden.
Im Nürnberger Tiergarten sind zwölf gesunde Paviane getötet worden. Daniel Karmann/dpa

„Tiergarten Nürnberg verkleinert Paviangruppe durch Tötung“ - so lapidar klang die Meldung der Stadt, nachdem im Tiergarten zwölf Guinea-Paviane erschossen wurden. Eindrücke vom Ort des Geschehens, wo sich selbst der Zoodirektor ratlos zeigt.

Von Max Weinhold, Nürnberg

Nicht alle hat die Mitteilung des Nürnberger Tiergartens am frühen Dienstagmorgen erreicht. Der Zoo sei „aus betrieblichen Gründen“ geschlossen, heißt es darin kryptisch. Weitere Auskünfte erteilt eine Sprecherin auf Nachfrage nicht. Erst am Nachmittag kommt die Mitteilung, dass zwölf Paviane getötet wurden. Bei einigen – verhinderten – Zoobesuchern herrscht deshalb Konfusion, als sie am Morgen aus der Straßenbahn steigen und sogleich ein Hinweisschild entdecken: „Tiergarten geschlossen.“

„Sind die Tiger ausgebrochen?“, fragt eine Frau ratlos. Der Tramfahrer ist ebenfalls ausgestiegen und offenkundig besser informiert. „Die wollen ihre Paviane loswerden“, sagt er. So würden sie das im Tiergarten natürlich nicht formulieren. Im Kern trifft die Aussage des Fahrers aber zu.

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Das Gehege der Guinea-Paviane im Nürnberger Tiergarten ist seit geraumer Zeit überbelegt, statt der vorgesehenen 23 lebten dort zeitweise bis zu 45 und zuletzt 43 Affen. Das führt zu Konflikten in der Gruppe. Weil alle anderen Alternativen – Gehegeausbau, Verhütung, Kastration, Auswilderung oder Umsiedlung – aus Sicht des Zoos nicht praktikabel oder erschöpft sind, bereitet Direktor Dag Encke die Öffentlichkeit seit Monaten auf die bevorstehende Tötung einiger der Tiere vor.

Eine Aktivistin hat sich auf dem Gelände festgeklebt.
Eine Aktivistin hat sich auf dem Gelände festgeklebt. Max Weinhold
Die Polizei führt Aktivisten ab,  die das Gelände gestürmt haben.
Die Polizei führt Aktivisten ab,  die das Gelände gestürmt haben. Max Weinhold
Ein Schild weist auf daraufhin, dass der Tiergarten Nürnberg geschlossen ist.  Die Polizei ist schon da.
Ein Schild weist auf daraufhin, dass der Tiergarten Nürnberg geschlossen ist.  Die Polizei ist schon da. Daniel Löb/dpa

Am Dienstag ist dieser Tag gekommen: Unter der Überschrift „Tiergarten Nürnberg verkleinert Paviangruppe durch Tötung“ teilt die Stadt am Nachmittag mit, dass die Gruppe um zwölf Tiere, neun Weibchen und drei Männchen, „verkleinert“ worden sei. Wenig später tritt Zoochef Encke mit seinem Stellvertreter Jörg Beckmann in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz vor die anwesenden Journalisten. Vor der Entscheidung, die Tiere zu töten, habe ein jahrelanger Abwägungsprozess gestanden, sagt Encke. Nicht allein ein naturwissenschaftlicher, sondern auch ein rechtlicher. Die zentrale Frage: Darf man Individuen töten, um die Population zu erhalten?

Im Tiergarten bejahten sie diese Frage. Eine ultimative Antwort sieht Encke damit aber nicht gegeben. „Wir müssen die Grundsatzfrage klären: Ist der Weg, den wir gewählt haben, richtig? Ist er in unserer heutigen Gesellschaft als vernünftig einzuordnen – oder nicht? Das können wir nicht beantworten, das muss extern beantwortet werden“, sagt er mit Blick auf die zu erwartende rechtliche Auseinandersetzung mit Tierschützern.

Encke und Beckmann erläutern noch einmal, warum alle anderen Alternativen zur Tötung aus ihrer Sicht keine echten waren: Die Verhütung bei weiblichen Tieren habe diese dauerhaft unfruchtbar und einige Männchen in Ermangelung an Geschlechtspartnerinnen aggressiv gemacht. Ein Tier musste wegen Verletzungen nach einem Kampf eingeschläfert werden. Durch Kastration ginge die Tierart verloren, die europaweit nur in acht Zoos gehalten wird. Ein teurer Ausbau des Geheges ginge zulasten anderer gefährdeter Tiere, in der Wildnis würden die Guinea-Paviane nicht überleben, referieren sie. Geeignete Optionen für eine Umsiedlung in andere Zoos, wie es sie in der Vergangenheit in Nürnberg bereits gab, oder in Aufnahmestationen habe es nicht gegeben – bei einem Zoo in Indien habe Ungewissheit geherrscht, ob dieser sich an die Regeln des Washingtoner Artenschutzabkommens halte. Und ein sogenanntes Sanctuary in Wales habe keine Auskünfte über die Haltung der Tiere erteilt.

Die Zoo-Chefs erklären überdies, wie sie die zwölf zu tötenden Tiere ausgewählt haben: Mit externen Wissenschaftlern sei über Monate in einem aufwendigen Prozess ein „Entscheidungsbaum“ erarbeitet worden, trächtige Weibchen und Tiere, die Teil von Forschungsprogrammen sind, seien außen vor geblieben. Getötet wurden die Paviane nach medizinischen Untersuchungen per „Kugelschuss“ – zwei der Tiere seien allerdings bereits bei den Untersuchungen gestorben. „Wir haben keine Ahnung, warum“, sagt Encke. „Von unserem professionellen Anspruch her ist das irritierend.“ Die Paviane seien umgehend in die Pathologie gebracht worden, ihre Artgenossen für wissenschaftliche Zwecke untersucht und hernach verfüttert worden, etwa an Greifvögel.

Nach der Tötung der zwölf Paviane leben noch 31 Tiere, davon 26 Erwachsene und fünf Junge, in dem Gehege – und damit noch immer drei Erwachsene zu viel. Encke deutet deshalb an, in Zukunft mutmaßlich weitere Tiere zu töten. Am Dienstag geschieht dies ihm zufolge zunächst nicht, weil es sich dabei um Jungtiere hätte handeln müssen und dies das Sozialgefüge der Gruppe zu sehr belastet hätte. Dass Guinea-Paviane trauern würden, sei nicht bekannt, sagt Beckmann, zugleich biologischer Leiter des Tiergartens, sie seien den Verlust ihrer Artgenossen aus der Natur gewohnt und hätten sich am Dienstag normal verhalten, als sie wieder zusammengeführt wurden.

Dass die Paviane am Dienstag sterben würden, darauf hatte viel hingedeutet: die jüngste Ankündigung von Zoo-Chef Encke, „in die genauen Vorbereitungen der Tötung“ gehen zu müssen; und das große Aufgebot von Polizei und privaten Sicherheitskräften am Eingang des Tiergartens am Dienstagmorgen – wohl in Erwartung erneuten Protests von Tierrechtsaktivisten, der zuletzt zugenommen hatte. Verhindern kann alle Vorsorge nicht, dass am Nachmittag sieben Demonstranten über eine Mauer klettern und auf das Gelände stürmen. Die Polizei nimmt sie schnell fest und ermittelt wegen Hausfriedensbruchs.

Schon am Morgen hat sich die Nachricht der bevorstehenden Tötung unter den Aktivisten schnell verbreitet. Gegen 9.30 Uhr treffen die ersten ein. Auf der ganzen Welt werde über die Nürnberger Paviane berichtet, sagt eine von ihnen, selbst in der South China Morning Post habe sie über den Fall gelesen. Aus ihrer Sicht steht Oberbürgermeister Marcus König (CSU) in der Pflicht, seinen Einfluss beim städtischen Tiergarten geltend zu machen und die Tötung zu verhindern. „Nürnberg sollte nicht international bekannt sein als die Stadt, in der Affen getötet werden“, sagt sie. Und eine Umsiedlung in eine Auffangstation sei allemal besser, als die Affen zu töten, selbst wenn die Sozialstruktur in der neuen Gruppe nicht optimal sein sollte, meint sie.

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Ute W., eine andere Aktivistin, hat ein Plakat vorbereitet, darauf ein eingesperrter Affe mit Waffe und eine Anklage: „Wer schweigt, macht sich mitschuldig“, steht darauf. W. schweigt nicht, „unfassbar“ sei die Entscheidung des Tiergartens. Aus ihrer Sicht sind Zoos grundsätzlich der falsche Weg, um Arten zu erhalten. „Man sollte den Lebensraum der Tiere schützen und das Geld dort reinpulvern statt in Zoos. Und wenn eine Art ausstirbt, dann stirbt sie halt aus.“

Während die Frau das sagt, läuft eine Schulklasse vorbei. „Guck dir das an, die schleppen die Kinder hierher, das geht mir an die Substanz“, sagt sie, ihre Stimme bebt, ihr kommen die Tränen. Wie die Schulklasse stehen am Dienstag viele vor verschlossenen Türen und den Hinweisschildern. Die einzigen Tiere, die sie zu sehen bekommen, sind die drei Erdmännchen auf der Rückseite der Infotafeln. Verständnis bringen dafür nicht alle auf.

Gegen 9.30 Uhr treffen die ersten Aktivisten ein.
Gegen 9.30 Uhr treffen die ersten Aktivisten ein. Max Weinhold
Tierschützer protestieren am Dienstag  vor dem Nürnberger Tiergarten.
Tierschützer protestieren am Dienstag  vor dem Nürnberger Tiergarten. Max Weinhold

Den Tiergarten so kurzfristig zu schließen, kann etwa Michael Ritter nicht nachvollziehen. Der Lehrer wollte den Zoo am Morgen mit seiner achten Klasse der Ludwig-Uhland-Schule besuchen, auf dem Hinweg habe er von der Schließung erfahren. Enttäuscht seien die Jugendlichen gewesen und verständnislos ist der Lehrer, als er nach einer spontanen Wanderung mit den Schülerinnen und Schülern wieder am Tiergarten angelangt ist. Verständnislos, dass es so weit kommen konnte. Der Zoo hätte sich früher um eine andere Lösung bemühen müssen, findet er.

Umsonst angereist sind auch die Großeltern und ihre Enkelin aus Crailsheim. „Das geht gar nicht, das sollen sie nachts machen und nicht die Leute von weit herkommen lassen“, beschwert sich die Großmutter. Ebenso wenig Verständnis hat sie für die Tötung der Tiere. „Das muss ein Zoo im Vorfeld regeln und es nicht so weit kommen lassen.“

Aktivistin Ute W. glaubt, dass das Vorgehen im Tiergarten Nachahmer finden würde, sollte es rechtlich Bestand haben. „In den anderen Zoos sitzen die schon in den Startlöchern und warten darauf, auch ihre alten Tiere loszuwerden“, sagt sie.

W. und die anderen Aktivisten wollen das nicht akzeptieren. „Wir werden Ihnen das nicht durchgehen lassen“, ruft Anna Ritzinger, eine von ihnen, in ein Megafon, adressiert an Direktor Encke. Sie beklagt, dass die Argumente der Aktivistinnen und Aktivisten im Vorfeld zu wenig gehört worden seien und kündigt an: „Wir werden alle rechtlichen Mittel ausschöpfen!“ Weitere Tierschützer und -rechtler haben ebenfalls Strafanzeigen angekündigt.

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