Nürnberg Tiergarten entwickelt Zukunftskonzept - mit höheren Eintrittspreisen

Tiergarten-Direktor Dag Encke hält Zoos für unentbehrlich, um Tierarten vor dem Aussterben zu retten - auch Delfine.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)
  • Dag Encke, Direktor des Nürnberger Tiergartens, hat zusammen mit dem zuständigen Zweiten Bürgermeister Christian Vogel ein Zukunftskonzept für den Tiergarten entwickelt.
  • Demnach soll der Tiergarten in den kommenden 15 Jahren noch stärker auf seine Bedeutung für die Artenvielfalt ausgerichtet werden.
  • Um das neue Konzept zu finanzieren, will die Stadt die Eintrittspreise anheben.
Von Claudia Henzler, Nürnberg

Sind Zoos überhaupt noch zeitgemäß? Angesichts einer Million Besucher im Jahr würde man meinen, dass sich diese Frage in Nürnberg nicht stellt. Doch Tiergarten-Direktor Dag Encke muss sich laufend verteidigen: mal dafür, dass der Tiergarten seit zehn Jahren keine Elefanten mehr hat, meistens aber dafür, dass dort Delfine gehalten werden. Nun sind die Großen Tümmler ein spezieller Fall, doch Encke weiß auch, dass viele Menschen grundsätzlich darüber nachdenken, ob man wilde Tiere in Zoos sperren darf.

"Ihre Entscheidung, ob sie den Tiergarten besuchen, hängt zunehmend auch davon ab, ob sie einer solchen Tierhaltung aus moralischen Erwägungen weiterhin ihre Unterstützung gewähren wollen", schreibt er in einem Zukunftskonzept für den Tiergarten. Er hat es gemeinsam mit dem zuständigen Zweiten Bürgermeister Christian Vogel (SPD) entwickelt. Demnach soll der Tiergarten in den kommenden 15 Jahren noch stärker auf seine Bedeutung für die Artenvielfalt ausgerichtet werden. Gleichzeitig will die Stadt den Tiergarten auch als Freizeiteinrichtung positionieren und mit neuen Attraktionen und Service-Angeboten wie freiem Wlan verbessern.

Dieser zweigleisige Zukunftskurs wird einiges kosten: Geplant ist unter anderem, das Personal in fünf bis zehn Jahren von 109 auf 135 Vollzeitstellen aufzustocken. Allein das kostet etwa 1,5 Millionen - die Budgets der neuen Angestellten noch gar nicht mitgerechnet. Es werden zum Beispiel Mitarbeiter gebraucht, die Vorträge und Führungen für Besucher anbieten oder Forschungsarbeiten betreuen. Schon jetzt arbeiten Universitäten mit dem Tiergarten zusammen. Dieses Jahr würden acht Doktorarbeiten publiziert, sagt Encke. Dort geht es beispielsweise darum, wie man Stresshormone bei Eisbären messen kann. Er will dieses Angebot ausweiten und mit einem eigenen Labor professionalisieren.

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Die bisherige Personalstruktur entstamme noch der Nachkriegszeit und entspreche den heutigen Anforderungen nicht mehr, argumentiert Encke. Die Stadt ist alleiniger Träger des Tiergartens und bezuschusst die laufenden Kosten der fast 80 Jahre alten Einrichtung mit etwa 3,5 Millionen Euro im Jahr. Um das neue Konzept zu finanzieren, will die Stadt die Eintrittspreise anheben. Die Familienkarte soll künftig 37 Euro statt 31,50 Euro kosten. Auch die regulären Einzelpreise steigen über Münchner Niveau, dafür bekommen aber mehr Besuchergruppen Rabatt als in der Landeshauptstadt. Schon wer ein Ticket für den öffentlichen Nahverkehr vorzeigen kann, zahlt weniger als in Hellabrunn. Auch der Sozialtarif ist niedriger.

Der Kulturausschuss des Stadtrats wird am Freitag über die Preise diskutieren. Vogel ist zuversichtlich, dass die Stadträte zustimmen, auch wenn der Sprung zum Teil drastisch ausfällt, weil die Tickets zuletzt bei der Eröffnung der Delfinlagune 2011 teurer wurden. "Bildung und Forschung sind wichtige Aufgaben. Das gibt's halt nicht für einen Apfel und ein Ei", sagt er. Gleichzeitig ist er der Meinung, dass sich der Freistaat an den Ausgaben für die Umweltbildung in Zoos beteiligen sollte.

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Mit seinem Konzept folgt der Tiergarten einem allgemeinen Wandel weg von der Exotenschau hin zum Naturbildungszentrum. Alle modernen Zoos betonen inzwischen, dass sie in erster Linie dem Artenschutz dienen: entweder direkt, durch die Zucht gefährdeter Tierarten, oder zumindest mittelbar, indem sie ihre Besucher für Biodiversität sensibilisieren oder zur Grundlagenforschung über schützenswerte Tierarten beitragen. Außerdem unterstützen sie Naturschutzprojekte außerhalb ihres Geländes.

Nürnbergs Tiergartenleiter Encke geht davon aus, dass der Rechtfertigungsdruck auf Zoos weiter wachsen wird: "Nach der fortschreitenden Auflösung der Wildtierhaltung in Zirkussen wird das nächste Ziel der Tierrechtsbewegung die Tierhaltung in Zoos sein", prognostiziert er. Deshalb werden in Nürnberg nicht nur die Gehege weiter sukzessive verbessert und erneuert - in den vergangenen zehn Jahren ist nach einem längeren Investitionsstau vieles passiert. Künftig soll jede Tierhaltung einem höheren Zweck dienen.

Der Nürnberger Zoo beteiligt sich derzeit mit 34 seiner mehr als 300 verschiedenen Tierarten an Arterhaltungsprogrammen. Diese Zahl soll nach dem Konzept kontinuierlich steigen. Daneben sollen aber auch Tiere wie die Großen Tümmler bleiben, die zwar noch nicht akut gefährdet sind, als Sympathieträger aber für den Schutz ihrer bedrohten Verwandten werben können. Weichen müssen dagegen die Bisons und eine amerikanischen Rothirschart, die Wapitis, weil beide nicht als gefährdet gelten.

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