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Nürnberg:Technologie der Zukunft

Wirtschaftsminister Aiwanger stellt Wasserstoffstrategie vor

Es geht an diesem Freitag in den Hallen der Nürnberger Messe um nichts weniger als "die Arbeitsplätze der Zukunft", wie es Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) formuliert. Zehntausende davon möchte der Freistaat in den kommenden Jahrzehnten schaffen - in der Wasserstoffindustrie. Rund 50 Millionen Euro umfasst die "bayerische Wasserstoffstrategie" samt Forschungs- und Förderprogramm, das Aiwanger in Grundzügen mit nach Nürnberg gebracht hat. Unter anderem sollen so 100 Wasserstofftankstellen in den kommenden Jahren entstehen, "für jeden Landkreis eine", sagt Aiwanger. Noch 2020 soll zudem erstmals bayerische Brennstoffzellen-Technologie in einem Lkw auf die Straße kommen. "Made in Bavaria soll zum Wasserstoff-Gütesiegel werden", sagt Aiwanger.

Ein ambitioniertes Ziel. Bayerische Hochschulen, Start-ups und Firmen haben sich viel Expertise in Bereich Wasserstoff erworben, doch praktisch ist davon hierzulande auf Straße und Schiene wenig zu sehen. Dabei gilt das Element mit dem Kürzel H₂ als der Energieträger der Zukunft, als saubere Möglichkeit, Ökostrom zu speichern und Industrieanlagen und Fahrzeuge anzutreiben. Der Wirtschaft bieten sich in ihm Chancen auf neue Produkte und Märkte, gerade der Autoindustrie, die schon vor Corona mit dem Wandel hin zu alternativen Antriebsformen kämpfte. Trotzdem hat es der Wasserstoff bislang nicht recht über den Status der Verheißung hinaus geschafft.

Aiwanger ist bekennender Wasserstoff-Fan, seine Förderung liegt ihm mindestens so am Herzen wie die von Wirtshäusern. Im September nahm darum ein Wasserstoffzentrum in Nürnberg den Betrieb auf, wenn auch mit anfangs überschaubaren Kapazitäten. Inzwischen hat sich dort ein Bündnis aus rund 30 Vertretern von Wissenschaft und Wirtschaft gesammelt, dessen gemeinsames Positionspapier ebenfalls am Freitag vorgestellt wurde. Es empfiehlt unter anderem eine "Forschungsoffensive" sowie einen schnelleren Ausbau der Infrastruktur. Zudem müsse beispielhaft aufgezeigt werden, wie sich Anwendungen in größeren Industriemaßstäben skalieren ließen. Konkrete Maßnahmen und Ziele will das Zentrum in einer noch zu erarbeitenden "Roadmap" festhalten, einem Fahrplan bis zum Jahr 2025.

Auch die Bundesregierung wollte dieser Tage eine Wasserstoffstrategie vorlegen, doch das wurde vertagt. Eine zentrale Frage ist ungeklärt: Wie viel Wasserstoff soll wo in oder von Deutschland produziert werden? Denn damit Wasserstoff klimafreundlich wirken kann, müssen auch Erzeugung und Transport möglichst grün sein. Doch beim Ausbau der erneuerbaren Energien hakte es zuletzt. So wurden wegen der rigiden 10-H-Regelung kaum noch Windräder in Bayern gebaut. Gerade der Windbranche erschließt sich darum nicht, wie man grünen Wasserstoff gewinnbringend produzieren will, ohne das Potenzial bei der grünen Energieerzeugung voll auszuschöpfen. Stattdessen bestehe die Gefahr, dass die Industrie in Länder abwandere, die Wasserstoff in den nötigen Mengen herstellen könnten, sagt Matthias Grote, Landesvorsitzender des Bundesverbands Windenergie. "Transport ist immer mit Kosten verbunden."

Aiwanger sagte zwar am Freitag, dass es "meinetwegen" die Abstandsregeln bei der Windkraft "in dieser Form" nicht brauche. Gleichzeitig warnte er aber davor, "dass wir uns wegen 10 H die Haare ausreißen". Wie auch das Wasserstoffzentrum geht Aiwanger davon aus, dass der Bedarf an H₂ die Möglichkeiten der Eigenproduktion ohnehin übersteigen könnte. Wasserstoff müsste also in jedem Fall importiert werden, etwa mit Tankern aus Chile oder via Pipelines aus Nordafrika oder Russland.

© SZ vom 30.05.2020

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