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Stromtrasse in Nürnberg:"Das nehmen wir nicht hin"

Durch Teile des Nürnberger Reichswaldes soll in ein paar Jahren eine neue Hochspannungsleitung führen.

(Foto: Bund Naturschutz)

Für die neue Juraleitung sollen im Nürnberger Reichswald Tausende Bäume gefällt werden, fürchtet der Bund Naturschutz. Energieversorger Tennet verweist darauf, dass es bislang nur Pläne gebe - aber keine Entscheidung.

Von Christian Sebald, Nürnberg

Der Nürnberger Reichswald ist einer der weitläufigsten großstadtnahen Wälder Deutschlands. Unzählige Erholungssuchende sind tagein tagaus in dem rund 24 000 Hektar großen Forst unterwegs, der in der Hauptsache aus Kiefern und Fichten besteht. Zugleich ist er ein sehr geschichtsträchtigster Wald, wird er doch seit dem Mittelalter ausgiebig zur Holzgewinnung genutzt. Auch dem Bund Naturschutz (BN), der in Nürnberg seinen Sitz hat, ist der Reichswald seit jeher sehr wichtig. Er hat schon vor 40 Jahren durchgesetzt, dass jede größere Fällaktion in dem weitläufigen Wald, der den Ballungsraum Nürnberg wie ein grüner Halbkreis umschließt, durch eine Ersatzpflanzung ausgeglichen werden muss. Jetzt fürchtet der Verband, dass im Reichswald Tausende Bäume fallen werden - für eine neue Stromleitung. "Den Plänen des Netzbetreibers Tennet könnten bis zu 210 Hektar Reichswald zum Opfer fallen", sagt BN-Chef Richard Mergner. "Das wäre der größte Eingriff seit den Siebzigerjahren." Der BN kündigt entschiedenen Widerstand an.

Die Stromleitung, um die es geht, ist die sogenannte Juraleitung oder P53, wie sie offiziell heißt. Die neue Höchstspannungsleitung soll laut Tennet einmal die vorhandene, etwa 160 Kilometer lange Starkstromleitung aus den Vierzigerjahren zwischen Raitersaich bei Fürth und Altheim nahe Landshut ersetzen. Die Trasse sei seit langer Zeit zentral für die Stromversorgung in Mittelfranken, der Oberpfalz, Niederbayern und Oberbayern, heißt es bei dem Netzbetreiber. Mit der Abschaltung der letzten Atomkraftwerke und dem immer größeren Anteil erneuerbaren Stroms im Leitungsnetz werde ihre Bedeutung in den nächsten zehn Jahren sogar noch deutlich ansteigen. Deshalb soll die neue Leitung auch deutlich mehr Strom transportieren können als ihr Vorgänger. Statt bisher 220 Kilovolt wird ihre elektrische Spannung 380 Kilovolt betragen.

Grundsätzlich soll der Neubau möglichst entlang der alten Trasse stattfinden. Allerdings ist das laut Tennet nicht überall möglich. Der Grund sind die vielen Siedlungen und Wohnquartiere, die seit dem Zweiten Weltkrieg im Ballungsraum Nürnberg entstanden sind. Sie liegen zum Teil so nah an der alten Leitung, dass Tennet zufolge ein Neubau exakt auf der alten Trasse nicht möglich ist. Eben das ist der Punkt, den die Naturschützer fürchten. Sie wehren sich vor allem gegen zwei Varianten in dem Tennet-Konzept. "Die eine führt fast 30 Kilometer lang von Schwabach über Wendelstein nach Schwarzenbruck und weiter bis Winkelhaid - großenteils quer durch den in dem Bereich geschlossenen Reichswald", sagt Mergner. Nach der anderen würde die P53 auf 14 Kilometer Länge mitten durch den Reichswald führen. "Die dafür nötigen Rodungen wären sehr viel massiver als die für zurückliegende Ausbauten der Autobahnen im Reichswald oder für den Bau der ICE-Trasse", sagt Mergner. "Das nehmen wir nicht hin."

Bei Tennet weist man darauf hin, dass noch nichts fix ist. "Wir sind nicht deutlich vor dem offiziellen Verfahren", sagt ein Sprecher. "Wir wollen erst im Herbst den Antrag für den ersten Schritt, also das Raumordnungsverfahren, stellen." Fest steht laut Tennet bisher nur, dass eine Modernisierung der vorhandenen Leitung ausscheidet. Sie sei einfach zu alt, als dass man sie aufrüsten könnte. Der Sprecher betont allerdings zugleich, dass Tennet großen Wert auf einen offenen und transparenten Austausch mit der Bevölkerung, aber auch Verbänden und Organisationen wie dem BN lege. Deshalb habe man vor das eigentliche Genehmigungsverfahren einen umfangreichen Dialogprozess gestartet, in dem alle möglichen Einwände und Kritik geäußert werden können.

Aber nicht nur das. Der Sprecher erklärt zugleich, dass Tennet natürlich um den hohen Wert des Nürnberger Reichswald wisse und bei den Planungen möglichst viel Rücksicht auf ihn nehmen werde. Außerdem werde es im Rahmen des Genehmigungsverfahrens eine Umweltverträglichkeitsprüfung geben. Unvermeidbare Eingriffe müssten allein von Gesetzes wegen möglichst gering gehalten und natürlich ausgeglichen werden. Zu einer Überspannung besonders sensibler Bereiche des Reichswalds mittels besonders hoher Strommasten, wie sie der BN bereits angeregt hat, wollte sich der Sprecher nicht äußern. Die Entscheidung darüber sei ebenfalls Sache des Genehmigungsverfahrens und nicht Angelegenheit seines Unternehmens. Nach den Plänen von Tennet soll die neue Juraleitung 2026 oder 2027 in Betrieb gehen.

© SZ vom 03.08.2020/ vewo
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