Erinnerungskultur:Briefe von Bruno

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Erinnerungskultur: Ein Brief des 19-jährigen Bruno Gawlick aus dem Jahr 1942 wurde mit zur Grundlage für die Komposition von dessen Neffen Ralf Yusuf Gawlick.

Ein Brief des 19-jährigen Bruno Gawlick aus dem Jahr 1942 wurde mit zur Grundlage für die Komposition von dessen Neffen Ralf Yusuf Gawlick.

(Foto: Familienbesitz)

In einer deutschen Erstaufführung erinnert der Komponist Ralf Yusuf Gawlick an seinen Onkel, dessen Spur sich 1942 bei Stalingrad verliert.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Für diese Komposition braucht es ein stabiles Nervenkostüm. "Herzliche Grüße, Bruno - Briefe aus Stalingrad" ist ein Werk des deutsch-amerikanischen Komponisten Ralf Yusuf Gawlick, das an diesem Dienstag erstmals in Deutschland aufgeführt wird. Als Ort hat sich Gawlick das ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg gewünscht. Zunächst hatte die Pandemie die geplante Erstaufführung im Dokumentationszentrum verhindert, weil dieses derzeit umgebaut wird, findet sie nun zwei Jahre später im Großen Musiksaal der Nürnberger Symphoniker in der Kongresshalle statt.

Gawlick, Hochschullehrer in Boston, widmet sein Werk dem Angedenken an seinen Onkel Bruno. Dessen Familie stammte aus der Nähe von Tilsit, 1942 wurde er im Alter von 18 Jahren in die Wehrmacht eingezogen. Von der Front bei Stalingrad schrieb er Briefe, kurz darauf verliert sich seine Spur. Im Dezember 1942 wird Bruno Gawlick als vermisst gemeldet, er wurde wohl nur 19 Jahre alt. Sein Name findet sich in einem der vielen Granitwürfel der Gedenkstätte in der Nähe von Stalingrad.

Erinnerungskultur: Ralf Yusuf Gawlick wusste lange nichts vom Schicksal seines Onkels.

Ralf Yusuf Gawlick wusste lange nichts vom Schicksal seines Onkels.

(Foto: Lee Pellegrini)

Ralf Yusuf Gawlick wusste lange nichts von dessen Schicksal. Erst ein Gespräch mit seiner Tante, die einen verschollenen Brief des 19-Jährigen auswendig gelernt hatte, sowie ein gefundener handschriftlicher Brief richteten seine Aufmerksamkeit darauf. Der verschollene 19-Jährige "ist der große Kummer der Familie", sagt Astrid Betz vom Dokumentationszentrum, die das Projekt betreut. Gawlick kombiniert in seiner Klangcollage nun Briefe seines Onkels mit zeitgenössischen Tondokumenten - darunter die Rede Hitlers im Löwenbräukeller aus dem November 1942, vorgetragen in verstörendem Plauderton und vor lachendem Publikum ("Ich wollte zur Wolga kommen, an einer bestimmten Stelle, an einer bestimmten Stadt. Zufälligerweise trägt sie den Namen von Stalin selber, aber denken Sie nur nicht, dass ich deswegen dort losmarschiert bin").

Eingearbeitet ist auch eine Schalte an mehrere Kriegsfronten in Europa, man hört deutsche Soldaten in Frankreich, Afrika und Stalingrad gemeinsam am 24. Dezember 1942 "Schlaf in himmlischer Ruh" singen. Ob Bruno Gawlick diesen Tag noch erlebt hat, ist nicht klar. Mindestens ebenso beklemmend ist das Ende der Komposition. Zu hören ist der eingesprochene Text eines der Briefe Brunos: "Wir haben nichts zu essen, nur gefrorenes Pferdefleisch ohne Salz. Auf einem Misthaufen habe ich einen Knochen gefunden, an dem noch etwas Fleisch dran war. Ihr glaubt gar nicht, wie lecker das war." Die Zeilen sind kontrastiert mit einer verfremdeten Hetz- und Opferrede Görings und dem Adagio aus Anton Bruckners 7. Symphonie. Hitler hatte verfügt, dieses nach Bekanntmachung seines Todes im Reichsrundfunk zu spielen.

Magnus Brechtken, stellvertretender Leiter des Instituts für Zeitgeschichte, wird das Werk historisch einordnen. Es gibt noch Karten.

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