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Neuer Nürnberger SPD-Chef:Der Mann, der den Unterschied macht

Die SPD Nürnberg wählt Vorsitz neu

Der bisherige Parteivize Ahmed war als Favorit ins Rennen um den Vorsitz gegangen.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Nasser Ahmed geht als klarer Sieger aus dem Rennen um den SPD-Vorsitz. Für viele ein Zeichen des Aufbruchs. In der CSU dagegen ist es auffällig still.

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Neulich hat Nasser Ahmed bei den Leuten vom Nürnberger Klimacamp übernachtet, aus Solidarität und bei zapfigen Temperaturen. Seit Monaten campieren die Aktivisten direkt vor der Sebalduskirche, CSU-Oberbürgermeister Marcus König schaut aus dem Rathausfenster direkt auf deren improvisierte Behausungen. Allerlei Verbesserungsvorschläge halten die Camper bereit, einen aber können selbst flüchtige Passanten kaum übersehen: Der wohl 660 Millionen Euro teure Ausbau des sogenannten Frankenschnellwegs ist eine Art Gottseibeiuns der Aktivisten - die verkörperte Sackgasse verantwortungsloser Klimapolitik.

Seit Jahrzehnten plant die Stadt an diesem Projekt, der ehemalige SPD-OB Ulrich Maly hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er es für unabdingbar hält. Mehr noch: Federführend zuständig ist für die Planungen seit Jahren Bürgermeister Christian Vogel - seines Zeichens Sozialdemokrat und Vorvorgänger des am Wochenende neu gewählten Nürnberger SPD-Chefs Ahmed. Der aber hat da wenige Wochen vor der parteiinternen Kampfabstimmung diese Bilder geschaffen, wie er Seit an Seit mit den Klimacampern für eine andere, eine klimapolitisch bessere Zukunft steht. Etwa gegen die seit Jahrzehnten dominierende SPD-Doktrin?

Was der flüchtige Betrachter auf Facebook für ausgemachte Sache halten könnte - warum sonst sollte da einer so eng an der Seite der Aktivisten stehen? -, ist in Wahrheit nicht der Fall. Im SZ-Gespräch betont Ahmed, er halte den Dauerzoff um Nürnbergs Pseudostadtautobahn für eine "Symboldebatte", deren Ausbau für ein Stück notwendige "Stadtreparatur".

Da arbeitet also einer mit Bildern - und wenn eine Parteigliederung in Bayern weiß, wie gut so etwas funktionieren kann, so dürfte das die CSU in Nürnberg sein, Heimat des amtierenden Ministerpräsidenten. In der CSU hatten sie dann auch inständig gehofft, Ahmed könnte in der Kampfabstimmung gegen die Bundestagsabgeordnete Gabriela Heinrich den Kürzeren ziehen. Oder doch wenigstens beschädigt daraus hervorgehen.

Die Chancen schienen so schlecht nicht zu sein: Nicht nur, dass Heinrich als etablierte, wenn auch nicht übermäßig charismatische Versöhnerin gilt - keine ungelegene Grundvoraussetzung für eine darnieder liegende Formation wie die Nürnberg-SPD. Auch waren kurz vor der Kampfabstimmung alle Signale für die Lust an sozialdemokratischer Selbstbeschädigung ausgiebig wahrnehmbar. Plötzlich machten da Genossen aktiv Stimmung für einen womöglich zu bunten Vogel: Wie teuer Ahmeds Auto mit Elektroantrieb ist, in welchem scheinbar spätkapitalistischen Unternehmen er seine Brötchen verdient, wie die Familienverhältnisse wichtiger Mitstreiterinnen sind - das musste keiner selbst recherchieren.

Die Attacken aus den eigenen Reihen aber gingen nicht nur ins Leere. Ahmed, 32, wurde mit einem Vorsprung gewählt, den selbst das Ahmed-Lager für kaum denkbar gehalten hätte. Immerhin ist Gabriela Heinrich Fraktionsvize im Bundestag, und die Nürnberg-SPD will mit der 57-Jährigen in die Bundestagswahl ziehen - da kommen 52 gegen 126 Delegiertenstimmen einem mehrfachen Niederschlag gleich. Nicht zuletzt für die Chancen der SPD-Direktkandidatin Heinrich.

Wie es dazu kam? Womöglich scharten sich die Delegierten gerade wegen der Ranküne in den Parteikulissen hinter Ahmed. Und wahrscheinlich hat bei Unentschlossenen dessen Rede den Unterschied gemacht: Ahmed erzählte die Geschichte seiner Eltern, die vor dem Krieg aus Eritrea nach Deutschland flohen und ihrem in Nürnberg geborenen Sohn vermittelten, dass es nicht zuletzt die Folgen sozialdemokratischer Politik waren, die dessen Aufstieg zum promovierten Politikwissenschaftler möglich gemacht hat.

Von Rassisten kommt seit Samstag allerlei Post. Einer schreibt: "Ein Afrikaner, der in Deutschland Politikwissenschaftler wurde, gehört der linken SPD an. Super! Nun müsste man der deutschen Bevölkerung noch billige Drogen verabreichen, damit sie das gut findet." Ahmed lacht darüber und berichtet von "mehreren Tausend" Zuschriften, die seine Wahl feiern und den geradezu erdrutschartigen Sieg für ein Zeichen zum Aufbruch halten. In der CSU dagegen ist es auffällig still. Dort dürfte sich gerade die Erkenntnis breitmachen, dass die OB-Wahl 2026 kein Selbstläufer wird.

© SZ vom 13.04.2021/berk
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